Organisierte Kriminalität, Bundeskriminalamt

BKA-Lagebild: Bandenkriminalität wird brutaler – mehr Waffen, mehr Gewalt

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 11:10 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Das Bundeskriminalamt registriert in seinem neuen Lagebild zur Organisierten Kriminalität mehr Waffen, mehr Gewalt und eine wachsende Brutalität krimineller Banden. Zugleich steigen Zahl und Professionalität der Ermittlungsverfahren gegen die Strukturen im Hintergrund der Drogenmärkte.

  • «Null Toleranz gegenĂĽber denen, die an der Sucht verdienen», fordert der Bundesdrogenbeauftragte, Hendrik Streeck (rechts) - Bild: Annette Riedl/dpa
    «Null Toleranz gegenüber denen, die an der Sucht verdienen», fordert der Bundesdrogenbeauftragte, Hendrik Streeck (rechts) - Bild: Annette Riedl/dpa
  • SchĂĽsse im öffentlichen Raum verunsichern die Bevölkerung sehr. Häufig, aber nicht immer geht es dabei um Organisierte Kriminalität. (Archivbild) - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Schüsse im öffentlichen Raum verunsichern die Bevölkerung sehr. Häufig, aber nicht immer geht es dabei um Organisierte Kriminalität. (Archivbild) - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • In Köln haben Sprengstoffdelikte und SchĂĽsse auf Geschäfte und Gastronomiebetriebe fĂĽr Verunsicherung gesorgt. (Archivfoto) - Bild: FRM/dpa
    In Köln haben Sprengstoffdelikte und Schüsse auf Geschäfte und Gastronomiebetriebe für Verunsicherung gesorgt. (Archivfoto) - Bild: FRM/dpa
«Null Toleranz gegenüber denen, die an der Sucht verdienen», fordert der Bundesdrogenbeauftragte, Hendrik Streeck (rechts) - Bild: Annette Riedl/dpa Schüsse im öffentlichen Raum verunsichern die Bevölkerung sehr. Häufig, aber nicht immer geht es dabei um Organisierte Kriminalität. (Archivbild) - Bild: Sebastian Gollnow/dpa In Köln haben Sprengstoffdelikte und Schüsse auf Geschäfte und Gastronomiebetriebe für Verunsicherung gesorgt. (Archivfoto) - Bild: FRM/dpa

Kriminelle Banden in Deutschland setzen laut Bundeskriminalamt immer häufiger auf exzessive Gewalt, um Opfer einzuschüchtern und ihre Machtansprüche gegen rivalisierende Gruppen durchzusetzen.

Deutlich mehr Tötungs- und Körperverletzungsdelikte

Im aktuellen Bundeslagebild Organisierte Kriminalität führt das BKA für das Jahr 2025 insgesamt 20 vollendete Tötungsdelikte und 100 Fälle vollendeter Körperverletzung im Bereich der Organisierten Kriminalität auf. Im Jahr zuvor waren in diesem Segment 13 vollendete Tötungsdelikte und 77 Körperverletzungen registriert. Das Lagebild hält fest, dass kriminelle Gruppierungen insbesondere bei der Durchsetzung von Interessen und Machtansprüchen sowie in Konfliktsituationen eine erhöhte Gewaltbereitschaft zeigen.

Explosionsserie im Raum Köln und Gewalt als „Dienstleistung“

Als Beispiel für die Brutalität nennt das BKA eine Serie von Explosionen und Schussabgaben im Großraum Köln seit Sommer 2024. Diese Taten stehen demnach im Zusammenhang mit dem Diebstahl einer Rauschgiftlieferung. Zugenommen haben auch Fälle, in denen Gewalttaten wie eine Dienstleistung bestellt oder durch eigens rekrutierte Minderjährige ausgeführt werden. Da sich die Anwerbung der Täter über soziale Medien sehr dynamisch entwickelt, sieht das Bundeskriminalamt einen fortlaufenden Austausch mit den Plattformbetreibern als notwendig. Unter den angeheuerten Tätern sind den Angaben zufolge teils sogar 13-Jährige.

Arbeitsteilige Tatmodelle und junge Täter

Ein häufiges Muster beschreibt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) mit der Formel „Einer plant, einer bezahlt, einer schlägt zu“. Auftraggeber und ausführende Täter treffen bei diesen Konstellationen oft nie persönlich aufeinander, was die Ermittlungsarbeit zusätzlich erschwert. Das Lagebild schildert, dass sich manche jüngere kriminelle Akteure als „Gen-Z-Mafia“ verstehen und Macht, Status sowie Gewalt gezielt in sozialen Medien inszenieren.

Steigende Bewaffnung in OK-Verfahren

Zum dritten Mal in Folge ist 2025 der Anteil der Tatverdächtigen gestiegen, die bewaffnet waren. Er lag im vergangenen Jahr bei 5,8 Prozent. In 30,3 Prozent der von Bund und Ländern gemeldeten OK-Verfahren traf die Polizei auf bewaffnete Tatverdächtige, nach 28,4 Prozent im Vorjahr. Von insgesamt 556 im OK-Kontext aufgefundenen Waffen waren drei Viertel illegal, die Tatverdächtigen verfügten also über keine waffenrechtliche Erlaubnis.

Funktionstüchtige Fälschungen aus dem Ausland

Zur erhöhten Verfügbarkeit von Schusswaffen tragen laut Lagebild auch täuschend echte Fälschungen bei, die vor allem aus der Türkei nach Deutschland geschmuggelt werden, unter anderem nach Berlin. Diese Nachbauten sind optisch oft schwer von Originalwaffen zu unterscheiden und funktionstüchtig, weisen aber typischerweise technische Mängel auf.

Mehr Ermittlungsverfahren und Tatverdächtige

Die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen OK-Gruppierungen ist 2025 ebenfalls gestiegen. Insgesamt verzeichnet das BKA 683 Verfahren, so viele wie seit 2021 nicht mehr. Die Zahl der Tatverdächtigen nahm um mehr als 13 Prozent zu und erreichte den höchsten Wert der vergangenen fünf Jahre. Unter den 7.988 ermittelten Tatverdächtigen sind 2.722 deutsche Staatsbürger, 664 Personen mit türkischem Pass, 402 Syrer, 281 Albaner und 258 Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit.

Drogenhandel bleibt zentrales Deliktfeld

Rauschgiftkriminalität stellt auch im Berichtsjahr mit Abstand den größten Anteil der OK-Ermittlungsverfahren. Dahinter folgen Kriminalität im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben, Steuer- und Zolldelikte, Schleuserkriminalität, Eigentumsdelikte und Geldwäsche. In 31 Ermittlungsverfahren ging es vorrangig um Gewaltkriminalität, nach 11 entsprechenden Verfahren im Jahr zuvor.

Stabile Zahl der Drogentoten, mehr NPS-Fälle

Mit 2.150 registrierten Drogentoten lag die Zahl der Todesfälle durch Rauschgift 2025 in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Das Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität verzeichnet allerdings einen Anstieg bei Todesfällen im Zusammenhang mit sogenannten Neuen Psychoaktiven Stoffen (NPS). Die Zahl der Toten durch diese Designerdrogen erhöhte sich um knapp 15 Prozent auf 177 Fälle. Ein sehr hoher Anteil dieser Stoffe wird über das Internet verkauft, und auch für andere Drogen gewinnt dieser Vertriebsweg zunehmend an Bedeutung.

Kokain wird billiger und reiner

Die Polizei registriert zugleich einen steigenden Reinheitsgehalt von Kokain. Nach Angaben von BKA-Präsident Holger Münch ist der Kokainpreis aufgrund der hohen Verfügbarkeit zuletzt um 20 Prozent gesunken. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, berichtet, der Kokain-Konsum werde in Teilen der Gesellschaft als normal angesehen, ungeachtet der gesundheitlichen Risiken und der dahinterstehenden kriminellen Netzwerke. Per QR-Code lässt sich inzwischen ein sogenanntes „Koks-Taxi“ bestellen.

Gewaltbereite Banden als wachsende Sicherheitsherausforderung

Das neue Bundeslagebild zur Organisierten Kriminalität zeigt, dass sich die Bandenkriminalität in Deutschland zunehmend durch eine hohe Gewaltbereitschaft auszeichnet. Die Kombination aus Explosionen, Schussabgaben und gezielten Körperverletzungen verdeutlicht, dass Konflikte in kriminellen Milieus häufiger mit Waffen und massivem Druck ausgetragen werden. Für die Bevölkerung bedeutet dies ein gestiegenes Risiko, Zeuge oder Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum zu werden, etwa durch Anschläge auf Geschäfte oder Gastronomiebetriebe.

Digitale Rekrutierung und „Dienstleistungsgewalt“

Besonders brisant ist die im Lagebild beschriebene Entwicklung, Gewalt als „Dienstleistung“ zu organisieren und Minderjährige über soziale Medien zu rekrutieren. Wenn Auftraggeber und Täter einander nicht mehr persönlich begegnen, erschwert das Ermittlungen und fördert ein arbeitsteiliges, anonymisiertes Tatmodell. Die Anwerbung von teilweise erst 13 Jahre alten Jugendlichen weist auf eine neue Verknüpfung von Jugendkultur, Social Media und Schwerkriminalität hin. Parallel dazu inszenieren sich jüngere Akteure als „Gen-Z-Mafia“ und nutzen Plattformen, um Macht, Status und Gewalt zu demonstrativem Bestandteil ihrer Selbstdarstellung zu machen.

Drogenmärkte, Waffen und gesellschaftliche Normalisierung

Im Hintergrund der beschriebenen Gewalt steht ein Drogenmarkt, der zunehmend digital organisiert ist und über das Internet sowie Kurierdienste läuft. Der sinkende Preis und steigende Reinheitsgehalt von Kokain deuten auf eine anhaltend gute Versorgungslage mit harten Drogen hin. Zugleich wird der Konsum in Teilen der Gesellschaft als normal wahrgenommen, obwohl damit Gesundheitsrisiken und stabile Einnahmequellen für organisierte Banden verbunden sind. Die hohe Zahl illegaler Waffen im OK-Kontext und funktionstüchtige Fälschungen verstärken das Gefahrenpotenzial. Für Sicherheitsbehörden entsteht daraus die Aufgabe, klassische Ermittlungsarbeit mit konsequenter Kontrolle digitaler Kommunikationsräume und internationaler Waffen- sowie Drogenströme zu verbinden.

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