Prozess: 14-JÀhriger soll Gleichaltrigen getötet haben
03.05.2024 - 10:36:52Mindestens 14 weiĂe Luftballons, einer fĂŒr jedes Lebensjahr eines getöteten Jugendlichen, steigen zur Trauerfeier im vergangenen September ĂŒber Lohr am Main in den Himmel. Knapp acht Monate spĂ€ter beginnt vor dem Landgericht WĂŒrzburg der Prozess gegen den mutmaĂlichen Mörder des Jungen - er ist auch erst 14.
Beide kannten sich, gingen in dieselbe Mittelschule in der frÀnkischen Kleinstadt im Spessart. Warum der Angeklagte kurz vor dem Ende der Sommerferien, am 8. September 2023, den Italiener mit einem Kopfschuss auf dem SchulgelÀnde getötet haben soll, weià bisher vermutlich nur er.
«Die Eltern beschĂ€ftigt dieses Warum sehr», sagt ihr Anwalt Norman Jacob senior zum Prozessauftakt. Ăber das Motiv gebe es viele Spekulationen im Ort, unter Nachbarn und in den Medien. «Die Familie hat die Hoffnung, dass der Prozess das aufklĂ€rt», so Jacob. «Eigentlich gehtâs darum, (...), dass von der TĂ€terseite irgendein Signal kommt der Entschuldigung oder der ErklĂ€rung, wie es dazu kommen konnte.» Am ersten Verhandlungstag bleiben die Eltern des Opfers dem Gericht fern. Sie seien traumatisiert, sagt Jacob. Die Familie stammt aus Neapel und lebt nach seinen Angaben seit mehr als zehn Jahren in Lohr.
Teenager mit purer Mordlust?
Der VerdĂ€chtige schweigt seit seiner Festnahme am Tattag zu den VorwĂŒrfen. Ob er sein Schweigen in dem bis August angesetzten Verfahren brechen wird, ist fraglich - seine Verteidiger werden womöglich eine ErklĂ€rung abgeben. Theorie der Staatsanwaltschaft: Der Deutsche verehrt den Serienmörder Jeffrey Dahmer, der eine der grausigsten Mordserien der USA verĂŒbte und ĂŒber den es eine Netflix-Serie gibt.
Oberstaatsanwalt Thorsten Seebach wollte sich zum Prozessbeginn zunĂ€chst nicht zu dem Fall Ă€uĂern. Laut der von ihm verlesenen Anklage gehen die Ermittler davon aus, dass der 14-JĂ€hrige die Tat nur begangen hat, um jemanden zu töten.
Prozess hinter verschlossenen TĂŒren
Viele Fragen des Falls werden fĂŒr die Ăffentlichkeit wohl nie beantwortet. Da der Angeklagte jugendlich ist, schreibt das Gesetz eine Verhandlung hinter verschlossenen TĂŒren vor. In Jugendverfahren steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Bei Mord betrĂ€gt das HöchstmaĂ der Jugendstrafe zehn Jahre. Sicherungsverwahrung ist unter engen Voraussetzungen möglich. Die drei Verteidiger des 14-JĂ€hrigen werden das wohl zu verhindern versuchen.
Was ĂŒber die Tat bekannt ist
Freitag, 8. September 2023, gegen 16.30 Uhr: Ein 15-JĂ€hriger informiert die Polizei, dass ein Freund von ihm auf dem GelĂ€nde des Schulzentrums einen Jugendlichen getötet habe - der mutmaĂliche TĂ€ter habe es ihm selbst erzĂ€hlt. Eine Polizeistreife trifft als Erstes am Tatort ein und entdeckt in einem dichten GebĂŒsch den Jungen. Der alarmierte Notarzt kann ihm aber nicht mehr helfen. «Bereits frĂŒhzeitig richtete sich ein erster Tatverdacht gegen einen Jugendlichen aus dem Landkreis Main-Spessart», teilen die Ermittler damals mit. Gegen 18.00 Uhr wird der 14-JĂ€hrige vorlĂ€ufig festgenommen. Zwischen 15.00 und 16.00 Uhr soll er das Opfer getötet haben.
Samstag, 9. September 2023: Ein Ermittlungsrichter ordnet Untersuchungshaft fĂŒr den mutmaĂlichen TĂ€ter an. Mordverdacht. Das Opfer wird obduziert - ein einziger Schuss von hinten in den Kopf war todesursĂ€chlich. Die Tatwaffe, eine Neun-Millimeter-Pistole des Typs Ceska CZ 75, wird am selben Tag in der Wohnung des VerdĂ€chtigen sichergestellt. Zahlreiche EinsatzkrĂ€fte und Hunde suchen das SchulgelĂ€nde ab.
Montag, 11. September 2023: Anhand der Individualnummer der Pistole kann ein 66-JĂ€hriger aus Lohr als EigentĂŒmer der Waffe identifiziert werden. Laut Polizei besaĂ der SportschĂŒtze die Pistole legal. Der Mann und der Angeklagte wohnten im selben Mehrfamilienhaus. Wie der Jugendliche aber an die Waffe kam, ist öffentlich bisher nicht bekannt. Der 66-JĂ€hrige war zur Tatzeit im Krankenhaus, wo er wenige Wochen nach dem Verbrechen verstarb - bis zu seinem Tod konnte er nicht mehr befragt werden.
Informationen aus dem Gerichtssaal
Im Prozess geht es nun darum, die HintergrĂŒnde aufzuklĂ€ren. Auch wenn die Verhandlung nicht öffentlich ist, heiĂt das nicht, dass alle VorgĂ€nge im Gerichtssaal C17 geheim sind. Eine Landgerichtssprecherin will die Ăffentlichkeit ĂŒber AusgewĂ€hltes informieren.
Dies könne helfen, «GerĂŒchten und Falschinformationen Einhalt zu gebieten», sagt der Stadtpfarrer von Lohr, Sven Johannsen, der Deutschen Presse-Agentur. «Es muss nicht jede Neugierde befriedigt werden. Manches geht uns auch gar nichts an, so zum Beispiel die Frage nach dem VerhĂ€ltnis zwischen Opfer und TĂ€ter.» Aber einige Informationen etwa zur Tatzeit und der Herkunft der Waffe halte er fĂŒr durchaus hilfreich, «damit die Tat nicht von Menschen zu fantasiereich ausgeschmĂŒckt wird, die eigentlich gar nichts wissen können».





