RÀucherstÀbchen, Vietnam

Heiliger Qualm: Vietnams betörendes «RÀucherstÀbchen-Dorf»

28.06.2023 - 11:25:37

Das GeschÀft mit RÀucherstÀbchen boomt. Oft handelt es sich um Massenware. Aber in Vietnam widmet sich ein ganzes Dorf der manuellen Fertigung. Das Schauspiel ist betörend schön.

Am Eingangstor zum Dörfchen Quang Phu Cau duftet es verfĂŒhrerisch. Der Wind treibt eine kleine Rauchschwade spiralförmig in die Luft. Die Note ist sĂŒĂŸ und leicht harzig.

Das einzelne RĂ€ucherstĂ€bchen ist fĂŒr Besucher nur ein winziger Vorgeschmack darauf, was sie nun erwartet: Vor ihnen eröffnet sich ein leuchtendes Meer in allen Rot-Schattierungen - BĂŒndel ĂŒber BĂŒndel aus RĂ€ucherstĂ€bchen in Burgunder- und Rubinrot, Kastanienbraun und Pink. «Incense Village» wird der Ort sĂŒdlich der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi auch genannt. Der Name ist Programm.

Es ist ein wahrlich atemberaubendes Schauspiel, wenn Zehntausende der bunten Sticks am Morgen zum Trocknen unter der heißen Tropensonne platziert werden. «Jeder in unserem Dorf stellt RĂ€ucherstĂ€bchen her», sagt Nguyen Dinh Vinh stolz und blickt auf die geradezu hypnotisierende Ansammlung von BĂŒscheln vor dem Besucherzentrum. Dinh Vinh ist 65 Jahre alt und hat jahrzehntelange Erfahrung: Schon als Kind half er bei der Produktion mit.

Lange Tradition

Das Handwerk hat in Quang Phu Cau seit mehr als 100 Jahren Tradition. Mittlerweile werden 50 Tonnen im Monat gefertigt. «Die Herstellung erfordert viele Schritte», erzĂ€hlt Dinh Vinh. «Zuerst mĂŒssen wir in den Wald gehen, um Bambus zu sammeln. Dann bringen wir ihn in die Werkstatt und schnitzen daraus die RĂ€ucherstĂ€bchen.» FrĂŒher wurde dies per Hand gemacht, heute gibt es Maschinen, die beim Aufspalten des Bambus helfen. Anschließend werden die HolzstĂ€bchen in eine bunte aromatisierte Paste getaucht und mehrere Tage getrocknet.

Duftender Rauch ist fast so alt wie die Menschheit: Schon in der Steinzeit sollen dem Feuer KrĂ€uter beigemischt worden sein. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten Weihrauch zur Krippe, und in der Bibel heißt es: «Duftendes Öl und Weihrauch erfreuen das Herz.» Schon Tausende Jahre zuvor wurde RĂ€ucherwerk in den Veden erwĂ€hnt, der Ă€ltesten Sammlung von Texten aus Indien.

Zentrale Rolle

Vor allem bei spirituellen oder schamanischen Praktiken und religiösen Zeremonien kommen Weihrauch und RĂ€ucherstĂ€bchen zum Einsatz. Im Hinduismus und im Buddhismus spielen sie eine zentrale Rolle - es gibt von Indien bis Thailand kaum einen Hausaltar, Schrein oder Tempel, an dem nicht unablĂ€ssig aromatischer Qualm in den Himmel steigt. Das Ritual gehört ganz selbstverstĂ€ndlich zum Alltag - als Ehrung fĂŒr die Vorfahren oder als Opferdarbietung fĂŒr die Götter, aber auch um mit diesen in Kontakt zu treten.

Auch bei Yoga und Meditation sowie in der Aromatherapie sind «Incense sticks» fester Bestandteil - nicht nur in Asien, auch in Bremen, Bochum oder Berlin. Die enthaltenen Duftstoffe und GewĂŒrze sorgen fĂŒr eine angenehme und entspannende AtmosphĂ€re. Der heilige Qualm soll eine reinigende Wirkung haben und negative Energien vertreiben, fĂŒr Klarheit sorgen und die Konzentration steigern.

Neben RĂ€ucherstĂ€bchen gibt es auch sogenannte RĂ€ucherkegel und RĂ€ucherspiralen - auch wenn die StĂ€bchenform die begehrteste ist. Die Kunden haben die Qual der Wahl: Die Duftpalette reicht von Blumen wie Lotus, Rose, Frangipani und Jasmin ĂŒber Vanille und Ylang-Ylang bis hin zu Sandelholz und Weißem Salbei.

«Der Markt ist hart umkÀmpft»

So groß ist die globale Nachfrage nach RĂ€ucherwerk, dass das indische Unternehmen Global Market Estimates bis 2028 von einer jĂ€hrlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von 11,8 Prozent ausgeht. «Der Markt ist hart umkĂ€mpft, und es gibt zahlreiche Akteure, die von großen multinationalen Konzernen bis hin zu Kleinproduzenten reichen», heißt es in dem vor wenigen Tagen aktualisierten Bericht.

Im Asien-Pazifik-Raum wird das GeschĂ€ft den Prognosen zufolge am stĂ€rksten boomen. Hauptproduzenten sind unter anderem Indien und Japan, aber auch Thailand und Vietnam spielen mit. Die QualitĂ€t ist dabei sehr unterschiedlich: Die Palette reicht von Massenware mit möglicherweise gesundheitsgefĂ€hrdenden synthetischen Zusatzstoffen bis zu Handarbeit mit zumeist natĂŒrlichen Aromen. Mittlerweile gibt es sogar StĂ€bchen in zertifizierter Bio-QualitĂ€t.

In Quang Phu Cau stellen die 300 dort lebenden Familien das ganze Jahr ĂŒber manuell RĂ€ucherstĂ€bchen her. Sie werden in Vietnam selbst, aber auch nach Indien und Nepal verkauft. Die Rauch-Aromen werden auf die Vorlieben in den verschiedenen Regionen zugeschnitten. Das Dorf arbeitet unter anderem mit Zeder, Patschuli, Rosmarin und Zimt.

Vor dem Tet-Festival - dem Neujahrsfest nach dem Mondkalender, das immer im Januar oder Februar stattfindet - brummt das GeschĂ€ft besonders. Dann strömen Millionen Vietnamesen in die Tempel und entzĂŒnden rote RĂ€ucherstĂ€bchen - mit der Bitte um GlĂŒck und Wohlstand im neuen Jahr.

Zahlreiche Besucher

«Diese Arbeit bedeutet uns sehr viel», sagt Nguyen Thi Vinh, der mit 71 Jahren weiter bei der Produktion hilft. «Dank dieses Handwerks kennen jetzt viele Menschen unser Dorf, so dass wir es hoffentlich fĂŒr kĂŒnftige Generationen erhalten können.» TĂ€glich kommen bis zu 500 Besucher, die jeweils knapp zwei Euro Eintritt zahlen.

Zwischen fĂŒnf und acht Millionen Vietnamesische Dong (195 bis 310 Euro) verdienen die BeschĂ€ftigten im Monat - das ist ein durchschnittliches Gehalt im Land am Mekong. Aber bei ihrem Handwerk geht es um mehr als nur Geld, sagt Phan Thi Thu Hang (34), wĂ€hrend sie Tausende rubinrote RĂ€ucherstĂ€bchen zu BĂŒndeln packt. «FĂŒr uns hat das vor allem spirituelle Bedeutung.» Es gehe darum, eine wichtige Tradition der Vorfahren fĂŒr die Nachwelt zu erhalten.

@ dpa.de