Buckelwal wieder in der Nordsee - Am Morgen von Bord
02.05.2026 - 09:25:26 | dpa.deDer aus einer flachen Ostsee-Bucht an der Insel Poel geborgene Buckelwal ist nach Angaben aus dem Team der verantwortlichen Privatinitiative und nach Bildern des Livestream-Anbieters News5 in der Nordsee freigesetzt worden. Der Wal sei gegen 9.00 Uhr nicht mehr im Lastkahn gewesen, sagte Jens Schwarck, Mitglied der privaten Initiative und beim Transport mit dabei, der Deutschen Presse-Agentur. Der Konvoi befand sich am Morgen etwa 70 Kilometer von Skagen entfernt im Skagerak.
Auf News5-Drohnenaufnahmen war zeitweise ein im Wasser schwimmender Wal zu erkennen - ob es sich tatsĂ€chlich um das freigesetzte Tier handelte, lieĂ sich nicht gesichert sagen.Â
Ob es Senderdaten gebe, sei bisher unklar, sagte Schwarck. Es gab zudem keine Angaben dazu, in welchem Zustand sich das Tier befand und wie genau es von Bord schwamm oder bugsiert wurde.Â
Der Lastkahn mit dem mehrfach an deutschen Ostsee-KĂŒsten gestrandeten Buckelwal hatte am Freitag nach tagelanger Reise die Nordsee schon fast erreicht - drehte jedoch etwa 20 Kilometer vom nördlichsten Punkt DĂ€nemarks entfernt ab. An diesem Punkt nahe der Stadt Skagen flieĂen Kattegat und Skagerrak zusammen, weshalb auch vom Eingang zur Nordsee gesprochen wird.Â
Im Bereich dieses Ăbergangs hatte es ĂŒber Stunden hohen Wellengang gegeben. In ruhigerem Wasser - wieder ein StĂŒck zurĂŒck in der Ostsee - wurde am Nachmittag das Absperrnetz an der RĂŒckseite des Lastkahns entfernt. Der Wasserstand in der Barge sei zunĂ€chst nicht verĂ€ndert worden, hieĂ es aus dem Team der Initiative. Trotz des nun offenen Ausgangs hatte der Wal den Lastkahn ĂŒber viele Stunden nicht verlassen.
Vor dem Freisetzen soll noch ein GPS-Sender angebracht worden sein, mit dem sich der kĂŒnftige Standort des Wals erkennen lieĂe. Ob das gelang und der Sender Daten liefert, war zunĂ€chst unklar.Â
Der vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang MĂ€rz erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen bis zum Transport lag er rund zwei Drittel der Zeit in Flachwasserzonen. Am Dienstag war er vor der Insel Poel in einen Lastkahn bugsiert worden, der dann an einen Schlepper gekoppelt Richtung Nordsee startete.
Kann er normal tauchen und fressen?
Als gerettet gilt der Wal auch nach dem Freisetzen nicht. Nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob der Wal noch normal schwimmen und tauchen könne, hatte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter erklÀrt. Auch die Frage nach der Nahrungsaufnahme stelle sich wegen der in seinem Maul gefundenen Netzteile. Der Wal sei allen Anzeichen nach alles andere als fit.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte: «Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurĂŒck im Nordatlantik befindet und dort langfristig ĂŒberlebt; sich seine Haut wieder vollstĂ€ndig erholt hat; er wieder eigenstĂ€ndig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natĂŒrlichen Verhalten nachgeht.»
Senderdaten nicht öffentlich zugÀnglich
Nach EinschĂ€tzung unter anderem von WDC und Internationaler Walfangkommission (IWC) hat der Wal kaum langfristige Ăberlebenschancen. Ohne funktionierenden Sender droht allerdings unbemerkt zu bleiben, wĂŒrde das geschwĂ€chte Tier binnen Tagen oder Wochen nach dem Freisetzen verenden.
Die Allgemeinheit wird seinen Weg ohnehin nicht verfolgen können: Die Informationen, wo sich der Wal befinde, wĂŒrden nur den Teammitgliedern der Privatinitiative und dem Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern zur VerfĂŒgung gestellt, hatte die RechtsanwĂ€ltin der Initiative, Constanze von der Meden, gesagt.
Könnte das Tier wieder stranden?
Nach Meinung von Experten könnte das geschwĂ€chte Tier wieder gezielt zur KĂŒste schwimmen. «In verschiedenen Regionen der Welt ist dokumentiert, dass GroĂwale bei ausgeprĂ€gter Erschöpfung vermehrt flache KĂŒstengewĂ€sser mit weichem Untergrund aufsuchen», hatte das Deutsche Meeresmuseum erklĂ€rt.
Das dĂ€nische Umweltministerium teilte in diesem Zusammenhang mit, dass man gestrandete MeeressĂ€ugetiere prinzipiell nicht rette. Strandungen seien «ein natĂŒrlich vorkommendes PhĂ€nomen» und Wale sollten generell «nicht durch menschliches Eingreifen gerettet oder gestört» werden.
Eine langfristig erfolgreiche Rettung wiederum lieĂe sich vermutlich daran festmachen, dass der Wal in den nĂ€chsten Jahren in seinen nördlichen NahrungsgrĂŒnden, sĂŒdlichen Paarungsgebieten oder auch dazwischen, wĂ€hrend seiner Wanderungen, gesichtet und mittels Foto-ID eindeutig identifiziert werde, hieĂ es von WDC. «Das wĂ€re ein klares Indiz dafĂŒr, dass er seinem natĂŒrlichen Verhalten nachkommt.»
Anfang MĂ€rz erstmals gesichtet
Der rund zwölf Meter lange Wal war am 3. MÀrz im Hafen von Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) gesehen worden. Helfer entfernen Teile von Fischernetz von ihm. Am 23. MÀrz wurde er weiter westlich auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein) entdeckt. Tagelange Rettungsversuche liefen, unter anderem gruben Bagger eine Rinne. Der Influencer Robert Marc Lehmann ging zum Wal, filmte sich via Selfiestick selbst.
In der Nacht zum 27. MĂ€rz verschwand der Wal aus dem Strandbereich - schwamm aber schon am 28. MĂ€rz erneut ins Flachwasser: auf eine Sandbank in der Wismarbucht sĂŒdlich der Insel Walfisch. Am 29. MĂ€rz ging es bei steigendem Wasserstand kurz weiter, wenige Meter weiter verharrte der Wal in der Wismarbucht wieder.
Experten versuchten, ihn mit LÀrm zum Wegschwimmen zu bringen. Am 30. MÀrz zog das Tier tatsÀchlich wieder los - allerdings nur, um am 31. MÀrz schon wieder eine Flachwasserzone aufzusuchen, diesmal im Kirchsee, einem Teil der Wismarbucht vor der Insel Poel. Nach einem Experten-Gutachten sollte das geschwÀchte Tier nun in Ruhe gelassen werden.
Landesumweltminister Backhaus duldete die AktionÂ
Mitte April gab Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus ĂŒberraschend bekannt, dass das Transportkonzept einer privaten Initiative geduldet werde. Finanziert wird das Vorhaben von der aus dem Pferdesport bekannten Unternehmerin Karin Walter-Mommert und dem Mediamarkt-GrĂŒnder Walter Gunz. Beide waren in der Vergangenheit nicht öffentlich durch Engagement fĂŒr den Tierschutz aufgefallen.
Fachleute deutscher Institutionen wie dem Deutschen Meeresmuseum wurden nicht beteiligt, dafĂŒr etwa ein peruanischer Schriftsteller und KleintierĂ€rztinnen. Immer wieder konnte man den Eindruck gewinnen, der â nicht beteiligte â Minister zĂ€hle auch zum Team: Informationen zum weiteren Vorgehen kamen oft nicht von der Initiative selbst, sondern von Backhaus.
Im Zuge der Vorbereitungen fĂŒr den geplanten Transport bis in die Nordsee oder gar den Atlantik gab es wieder viel Trubel direkt am Wal â der nach rund drei Wochen Liegezeit frĂŒhmorgens wegschwamm. Von Booten aus versuchten Teammitglieder der Initiative, ihn Richtung Ostsee zu treiben. Es gab viel Hin und Her, nach zwei Stunden schwamm das Tier erneut in eine Flachwasserzone â zum nun schon mindestens fĂŒnften Mal. Aus dem Team hieĂ es spĂ€ter, der Wal sei zeitweise in völlige Panik geraten.
Gezielt in flache GewÀsser?
An seinem neuen Platz lag das Tier â ungeachtet neuen Getöses unter anderem von einer Arbeitsplattform aus â weitgehend bewegungslos. Tierschutzorganisationen, Walforscher und Institutionen wie das Meeresmuseum behielten ihre EinschĂ€tzung bei: Ruhe wĂ€re fĂŒr den geschwĂ€chten Wal das Beste.
«Es ist durchaus denkbar, dass sich der Wal zum Ausruhen oder sogar zum Sterben in das niedrige GewĂ€sser begeben hat», hieĂ es von der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation. Es ist bei vielen Wildtieren ein typisches Verhalten, sich bei Verletzungen zurĂŒckzuziehen und einen ruhigen Platz zu suchen.
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