Narkosearzt wegen Totschlags zu Haftstrafe verurteilt
01.11.2024 - 11:29:34Ein Narkosearzt ist vom Frankfurter Landgericht unter anderem wegen Totschlags eines MĂ€dchens zu einer Haftstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt worden. Bei den FĂ€llen der drei ĂŒberlebenden Kinder handle es sich um versuchten Totschlag durch Unterlassen, sagte die Vorsitzende Richterin in ihrer UrteilsbegrĂŒndung.Â
Den Tod der Kinder habe der heute 67-JĂ€hrige zwar nicht beabsichtigt, jedoch billigend in Kauf genommen. «Er hatte wohl gehofft, wenn auch ohne begrĂŒndeten Anlass, dass alles gut gehen wĂŒrde.» Der AnĂ€sthesist nahm das bisher nicht rechtskrĂ€ftige Urteil ohne Ă€uĂerliche Regung auf.Â
In einer Zahnarztpraxis in Kronberg (Hochtaunuskreis) hatte der Deutsche am 18. September 2021 zunĂ€chst einer erwachsenen Frau und spĂ€ter im Tagesverlauf vier Kindern aus derselben Flasche Propofol gespritzt, bereits beim ersten Kind war das Narkosemittel verunreinigt. Auch beging der AnĂ€sthesist weitere eklatante Hygienefehler, zudem arbeitete er ohne die vorgeschriebene Assistenzkraft. Zum Aufwachen ĂŒberlieĂ er die kleinen Patienten lediglich der Obhut der Eltern, medizinische GerĂ€te zur Ăberwachung nutzte er nicht. Trotz ihres desolaten Zustands schickte er drei der Kinder nach Hause.Â
Schlampig und nachlÀssig gearbeitet
Ein vierjĂ€hriges MĂ€dchen war an dem Tag als Letztes an der Reihe gewesen. Etwa um 19 Uhr war der zahnĂ€rztliche Eingriff vorbei, doch das Kind kam nicht richtig zu sich, es hatte einen erhöhten Herzschlag, die Körpertemperatur stieg, spĂ€ter erbrach es sich.Â
«SpĂ€testens um 22 Uhr hĂ€tte das Kind in eine Klinik eingewiesen werden mĂŒssen, dann hĂ€tte es ĂŒberlebt», schilderte die Richterin. Es sei unklar, warum der AnĂ€sthesist dies nicht getan habe. Die Ursache fĂŒr die Taten liege vermutlich in seinem Charakter, er habe schlampig und nachlĂ€ssig gearbeitet, vieles «auf die leichte Schulter genommen».
Dem vierjÀhrigen MÀdchen hatte er in der Nacht noch einmal ein Narkosemittel gespritzt und spÀter versucht, es zu reanimieren. Um 1 Uhr rief die ZahnÀrztin den Notarzt, um 2 Uhr erlag das MÀdchen einem Multiorganversagen. Nur wenige Stunden spÀter arbeitete der AnÀsthesist bereits wieder und narkotisierte Patienten in einer Zahnarztpraxis in Bensheim.
Den drei anderen Kindern des Vortages ging es nach wie vor miserabel. Die Fragen der Eltern, ob sie ihre Kinder in eine Klinik bringen sollten, wiegelte der im sĂŒdhessischen Bensheim lebende Mann ab und meinte, diese mĂŒssten sich lediglich ausruhen. Zu der besorgten Königsteiner ZahnĂ€rztin sagte er, man solle «nicht so eine groĂe Welle machen».Â
SchlieĂlich brachten die Eltern ihre Kinder eigenstĂ€ndig ins Krankenhaus. Ein Junge und ein MĂ€dchen mussten in der Frankfurter Uniklinik kĂŒnstlich beatmet werden, sie ĂŒberlebten die Blutvergiftung nur knapp. FolgeschĂ€den hĂ€tten die drei Kinder wahrscheinlich nicht erlitten, so die Richterin.Â
Staatsanwaltschaft prĂŒft Revision
«Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass es sich bei dem Geschehen um Mord und dreifachen versuchten Mord handelt», sagte nach der UrteilsverkĂŒndung der Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Dominik Mies. Mit seinem Unterlassen habe der Narkosearzt HygienemĂ€ngel vertuschen wollen. Ob Revision gegen das Urteil eingelegt werde, mĂŒsse noch geprĂŒft werden.Â
Die Anklagebehörde hatte eine lebenslange Haftstrafe und die Verhaftung des Mannes mit UrteilsverkĂŒndung beantragt. Das Landgericht lieĂ den bereits erlassenen Haftbefehl jedoch gegen Auflagen weiterhin auĂer Vollzug.Â
Wegen der fahrlÀssigen Tötung einer erwachsenen Patientin im Jahr 2019 ist der Narkosearzt, dem mittlerweile die Approbation entzogen wurde, bereits vorbestraft. Zudem meldeten sich im Laufe des aufwendigen Prozesses weitere ehemalige Patienten. So hatte eine Frau im November 2020, also zehn Monate vor den nun verurteilten Taten, nach einer von ihm gelegten Narkose ein Multiorganversagen erlitten.





