Details, VerdÀchtiger

Neue Details: VerdÀchtiger war am Vortag in Psychiatrie

04.09.2025 - 16:48:06

Der VerdĂ€chtige von Friedland war einen Tag vor der Tat in psychiatrischer Behandlung. Im Landtag fĂŒhren neue Details zum Tattag und die Abwesenheit der Innenministerin zu Kontroversen.

  • Der Bahnhof Friedland in SĂŒdniedersachsen: Hier starb am 11. August eine Jugendliche. (Archivbild) - Foto: Swen Pförtner/dpa

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  • LandespolizeiprĂ€sident Brockmann schilderte im Landtag bislang unbekannte Details zum Verhalten des Friedland-VerdĂ€chtigen. (Archivbild) - Foto: Moritz Frankenberg/dpa

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Der Bahnhof Friedland in SĂŒdniedersachsen: Hier starb am 11. August eine Jugendliche. (Archivbild) - Foto: Swen Pförtner/dpaLandespolizeiprĂ€sident Brockmann schilderte im Landtag bislang unbekannte Details zum Verhalten des Friedland-VerdĂ€chtigen. (Archivbild) - Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Nur einen Tag bevor er im niedersĂ€chsischen Friedland eine 16-JĂ€hrige gegen einen Zug gestoßen haben soll, ist der mutmaßliche TĂ€ter in der Psychiatrie gewesen. Das bestĂ€tigte das niedersĂ€chsische Gesundheitsministerium auf Anfrage. Zuerst hatte die «Hannoversche Allgemeine Zeitung» darĂŒber berichtet.

Nach Ministeriumsangaben hatte sich der 31 Jahre alte Iraker am 10. August freiwillig in Göttingen in Ă€rztliche Behandlung begeben. Es habe sich um einen ambulanten Aufenthalt gehandelt. Er sei gegen den Rat der Ärzte entlassen worden. Da laut Klinik keine Fremd- oder EigengefĂ€hrdung vorlag, war dies möglich.

Einen Tag spĂ€ter soll der Mann die aus der Ukraine stammende Jugendliche gegen einen mit Tempo 100 durchfahrenden GĂŒterzug gestoßen und so getötet haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Göttingen wurden an der Schulter des Opfers DNA-Spuren des VerdĂ€chtigen gefunden. Die 16-JĂ€hrige war 2022 mit ihrer Familie aus der Ukraine ins thĂŒringische Geisleden geflĂŒchtet.

Mann fiel bereits vor Tod der 16-JĂ€hrigen auf

Auch am Tattag sei der 31-JĂ€hrige psychisch auffĂ€llig gewesen, hieß es von der Staatsanwaltschaft. In der Vergangenheit sei bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden. Gegen ihn wurde ein Unterbringungsbefehl wegen des Verdachts des Totschlags erlassen, er sitzt in einer psychiatrischen Klinik.

Bereits im vergangenen Jahr war der Mann wegen einer exhibitionistischen Handlung vom Amtsgericht Einbeck zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte im April 2024 einer Frau den Arm umgelegt, dabei seine Hose geöffnet und seinen Penis gezeigt. 

Zudem besteht die Frage, warum der Mann ĂŒberhaupt noch in Deutschland war. Gegen ihn lag seit MĂ€rz eine vollstreckbare Abschiebeanordnung nach Litauen vor. Ein Gericht hatte einen Antrag auf Abschiebungshaft aber noch im Juli abgewiesen.

Landtag befasst sich mit dem Fall

Der Fall war nun auch Thema im Innenausschuss des Landtags. LandespolizeiprĂ€sident Axel Brockmann schilderte dort bislang unbekannte Details zum Tattag. Demnach versuchte der 31-JĂ€hrige in Einbeck, rund 40 Autominuten vom Bahnhof Friedland entfernt, ohne Fahrschein Bus zu fahren und verließ das Fahrzeug nach dem Einschreiten der Polizei. 

SpÀter sei er im Rathaus aufgefallen. Den Angaben des PolizeiprÀsidenten zufolge forderte er dort eine Bus- oder Zug-Reise, verhielt sich «konfliktbereit und verbal auffÀllig» und spuckte auf den Boden. Auch hier habe die Polizei eingegriffen und ihm einen Platzverweis erteilt.

Nach dem Tod der 16-JĂ€hrigen kam es im Grenzdurchgangslager Friedland zu einem weiteren Einsatz. Dort sei der Mann aggressiv aufgetreten, er soll Mitarbeitende bedroht und angegriffen haben. Zudem habe er Widerstand geleistet, als er in eine psychiatrische Klinik gebracht werden sollte. Gegen ihn wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, anschließend kam er gegen seinen Willen in eine Klinik, wie Brockmann sagte.

Streit um Abwesenheit der Ministerin

FĂŒr Diskussionen sorgte im Ausschuss, dass Innenministerin Daniela Behrens (SPD) nicht persönlich anwesend war. Abgeordnete der Opposition kritisierten dies scharf. Ministeriumssprecher Oliver Grimm sagte, es habe sich bei der Sitzung um eine fachliche und sachliche AufklĂ€rung gehandelt. Die Ministerin habe sich bereits zuvor öffentlich geĂ€ußert und werde sich erneut Ă€ußern, wenn es um politische Konsequenzen gehe.

Sowohl die CDU als auch die AfD beantragten, Behrens herbeizuzitieren. «Es stehen massive Behördenversagen im Raum», sagte AfD-Fraktionsvize Stephan Bothe. Die parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der CDU, Carina Hermann, betonte, sie habe erwartet, dass die Ministerin von sich aus Verantwortung ĂŒbernehme, um zu erklĂ€ren, was schiefgelaufen sei. SPD und GrĂŒne lehnten es jedoch ab, Behrens in den Ausschuss zu rufen. Man habe Interesse an AufklĂ€rung «und nicht an Schauspielerei», sagte der SPD-Abgeordnete Ulrich Watermann.

CDU und GrĂŒne mit gegensĂ€tzlichen Bewertungen

Die CDU sprach von «großen VersĂ€umnissen» bei der Landesaufnahmebehörde und forderte, die AblĂ€ufe bei Abschiebungen grundlegend zu verbessern. Behörden mĂŒssten enger zusammenarbeiten, um Ă€hnliche FĂ€lle kĂŒnftig zu verhindern, sagte Hermann. Sie kritisierte zugleich ein «Behörden-Wirrwarr» und warf der Innenministerin vor, sich ihrer Verantwortung zu entziehen.

Die GrĂŒnen warnten dagegen vor vorschnellen Schuldzuweisungen. «Hier jetzt ein großes Versagen von Behörden zu konstruieren, das sehe ich ĂŒberhaupt nicht», sagte ihr innenpolitischer Sprecher Michael LĂŒhmann. Er betonte, die Verfahren seien komplex, die AufklĂ€rung laufe noch. 

SPD verweist auf Polizei, AfD fordert RĂŒcktritt

Der SPD-Abgeordnete Alexander Saade, frĂŒher Polizist, betonte, er könne «kein Fehlverhalten von Polizei feststellen». Die Beamten hĂ€tten professionell gearbeitet. Wichtiger sei die Frage, wie Behörden kĂŒnftig mit psychisch auffĂ€lligen Menschen umgehen.

Die AfD sprach von einem «dysfunktionalen System» und kritisierte sowohl die Polizei als auch die Landesaufnahmebehörde. Bothe warf der Innenministerin vor, bei dem Thema «kein gutes Bild abgegeben» zu haben. «Ich möchte, dass der TĂ€ter eine gerechte Strafe bekommt und ich möchte, dass dieser TĂ€ter aus diesem Land ausgewiesen wird», sagte er. DarĂŒber hinaus forderte er den RĂŒcktritt des PrĂ€sidenten der Landesaufnahmebehörde.

@ dpa.de