Deutscher Buchpreis 2026, Shida Bazyar

Deutscher Buchpreis 2026 geht an Shida Bazyar für „Die Lücken“

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Shida Bazyar erhält den Deutschen Buchpreis 2026 für ihren Roman „Die Lücken“. Die Jury würdigt das Werk als vielstimmige Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, Flucht, Rassismus und Verdrängung.

  • Autorin Shida Bazyar hat ihren Roman in einem fiktiven Ort im Hunsrück angesiedelt. - Bild: Hannes P. Albert/dpa
    Autorin Shida Bazyar hat ihren Roman in einem fiktiven Ort im Hunsrück angesiedelt. - Bild: Hannes P. Albert/dpa
  • Die Jury lobte unter anderem die Erzählweise von Shida Bazyars «Die Lücke». - Bild: Hannes P. Albert/dpa
    Die Jury lobte unter anderem die Erzählweise von Shida Bazyars «Die Lücke». - Bild: Hannes P. Albert/dpa
  • Insgesamt waren sechs Romane in der Endauswahl. - Bild: Hannes P. Albert/dpa
    Insgesamt waren sechs Romane in der Endauswahl. - Bild: Hannes P. Albert/dpa
Autorin Shida Bazyar hat ihren Roman in einem fiktiven Ort im Hunsrück angesiedelt. - Bild: Hannes P. Albert/dpa Die Jury lobte unter anderem die Erzählweise von Shida Bazyars «Die Lücke». - Bild: Hannes P. Albert/dpa Insgesamt waren sechs Romane in der Endauswahl. - Bild: Hannes P. Albert/dpa

Shida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis 2026.

Ein Roman über ein Jahrhundert deutscher Geschichte

Die Jury würdigt das rund 500 Seiten lange Werk als „Roman gegen Gleichgültigkeit“. Es reflektiere anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens und lotse die Grenzen des Heimatromans aus.

Bazyar, 1988 in Rheinland-Pfalz geboren, siedelt die Handlung im fiktiven Hunsrück-Ort Heimesbach an, der ihrem Heimatort angelehnt ist. Die Ich-Erzählerin ist tot und wird von „Göttern“ an den Ort zurückgeschickt, an den sie als zehnjähriges Mädchen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern als Flüchtlingsfamilie kam.

Jüdische Familien und NS-Profiteure

Der Roman erzählt von jüdischen Familien, NS-Profiteuren sowie kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Dabei kommen verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit ebenso zur Sprache wie Lügen, Rassismus und Verdrängung.

Die Jury hebt die wechselnden Sprachstile der Zeitebenen, die kaleidoskopische Struktur und die Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen hervor. Historische und erfundene Figuren erhielten dadurch eine eigene Stimme.

Auszeichnung mit 25.000 Euro

Bazyar hatte 2016 mit „Nachts ist es leise in Teheran“ debütiert. Ihr Roman „Drei Kameradinnen“ stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

In diesem Jahr sichtete die Jury 205 Titel, wählte zunächst 20 Bücher für die Longlist und anschließend sechs Romane für die Shortlist aus. Bazyar erhält 25.000 Euro, die fünf weiteren Finalistinnen und Finalisten jeweils 2.500 Euro.

Weiterer Literaturpreis im November

Am 7. November soll Bazyar für „Die Lücken“ zudem den Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhalten. Die von Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Auszeichnung ist mit 30.000 Euro dotiert.

Die Jury dieses Preises bezeichnete den Roman als einen der brisantesten Romane der Gegenwart. Heimesbach werde darin zum Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer bis in die Gegenwart fortwirkenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung.

Literatur als Erinnerungspolitik

Shida Bazyars Auszeichnung steht für einen literarischen Zugriff, der deutsche Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit behandelt. „Die Lücken“ verbindet die Zeit des Nationalsozialismus mit Flucht, Einwanderung und Rassismus in der Gegenwart. Dadurch rückt der Roman nicht nur Täter und Opfer früherer Jahrzehnte in den Blick, sondern auch die Frage, wie Gesellschaften mit verdrängter Verantwortung umgehen.

Der fiktive Ort Heimesbach dient dabei als konzentrierter Schauplatz. An ihm lässt sich nachvollziehen, wie Ausgrenzung im Alltag beginnt, wie Nachbarschaften zu Gemeinschaften von Tätern, Mitläufern und Schweigenden werden und wie solche Erfahrungen über Generationen nachwirken. Die Perspektive einer geflüchteten Familie erweitert den klassischen Heimatroman um eine transnationale Sicht auf Zugehörigkeit.

Bedeutung für die Gegenwart

Die Auszeichnung lenkt Aufmerksamkeit auf ein Buch, das historische Recherche und erzählerische Gestaltung miteinander verbindet. Gerade angesichts anhaltender Debatten über Antisemitismus, Rassismus und Erinnerungskultur kann der Roman Leserinnen und Lesern zeigen, dass politische Haltung auch aus genauer Betrachtung lokaler Geschichten entsteht. Mit dem Preis erhält Bazyars Auseinandersetzung zudem eine größere Reichweite im Buchhandel und im öffentlichen Gespräch.

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