Influencerin Tina Goldschmidt klingt gerne «nach Osten»
02.04.2024 - 07:25:57«Sachsen ist hĂ€sslich», «SĂ€chsisch klingt dumm» â das sind Kommentare, die Tina Goldschmidt unter ihren Kurzvideos auf Instagram und Tiktok liest. Dort unterhĂ€lt die 36-JĂ€hrige unter dem Namen «schnappatmig» Zigtausende Followerinnen und Follower mit Comedy-Videos auf SĂ€chsisch. Von den negativen Reaktionen lĂ€sst sie sich nicht abschrecken: Goldschmidt will mit Vorurteilen gegen den sĂ€chsischen Dialekt aufrĂ€umen.Â
Bis vor einigen Jahren war es auch der gebĂŒrtigen SĂ€chsin noch unangenehm gewesen, in der Ăffentlichkeit Dialekt zu sprechen, wie sie sagt: «Es war einfach ein latentes GefĂŒhl von peinlich berĂŒhrt sein, von "Was wĂŒrden die Leute denn von mir denken?"». Heute steht sie zu ihrem SĂ€chsisch: «Dialekt hat fĂŒr mich auch etwas mit Herzlichkeit und WĂ€rme zu tun. Wenn man einfach mal schwatzen kann, verbindet das.»Â
In ihren Kurzvideos stellt Goldschmidt Situationen aus dem Alltag nach. Mal ist sie eine freundliche Flugbegleiterin: «Im Falle eines Druckvorlustes falln Sauorstoffmasken alleine von dor Degge». Mal eine KindergĂ€rtnerin, die sich mit Kindern auf Augenhöhe unterhĂ€lt: «Or Riggo, mei Gudsor, wasn los?» Und ein andermal wird sie zur motivierten Fitness-Trainerin «Und rĂŒber, nĂŒber, nunnor, nuff!» Auch fallen Begriffe wie «sabbeln» und «Filou». Ihr Ziel mit alldem: Den «SĂ€chsisch-Gap» der sozialen Medien abschaffen.
«Die Angst davor, dumm zu klingen, wenn man SÀchsisch spricht»
Goldschmidt studierte Sozialwissenschaften in Bremen, ihren Master absolvierte sie in Oxford und promovierte anschlieĂend in Stockholm in Soziologie. «Nicht nach Osten klingen» â das war Goldschmidt in ihrer universitĂ€ren Karriere oft als etwas Positives, Erstrebenswertes widergespiegelt worden.
Diese Wahrnehmung lĂ€sst sich auch bei anderen Menschen in Goldschmidts Kommentarspalten finden. «Leute schreiben: "Ich habe mich jahrelang bemĂŒht, Hochdeutsch zu lernen, damit man das nicht mehr erkennt, dass ich eigentlich SĂ€chsisch spreche"», erzĂ€hlt sie. «Mein Eindruck ist, dass die Sorge ĂŒber Generationen hinweg verteilt ist.» Denn was in den Kommentaren ebenfalls immer wieder auftauche: «Die Angst davor, dumm zu klingen, wenn man SĂ€chsisch spricht.»
Von Goethe, ĂŒber Sachsen-Komiker zu Walter Ulbricht
Von seinem schlechten Image werde der obersĂ€chsische Dialekt schon seit dem spĂ€ten 19. Jahrhundert verfolgt, erklĂ€rt der Linguist Beat Siebenhaar von der UniversitĂ€t Leipzig. ErklĂ€rungen gibt es dafĂŒr einige: Sie reichen von Goethe, der vom SĂ€chsischen nicht viel hielt, ĂŒber die Sachsen-Komiker bis hin zum Politiker Walter Ulbricht und den DDR-Grenzsoldaten.
Auch Pegida-Demos und weitere zeitgenössische PhĂ€nomene weckten negative Assoziationen. Siebenhaar fĂŒgt hinzu: «Zudem wird das SĂ€chsische immer wieder von Nicht-Sachsen imitiert, um die etwas einfĂ€ltigen, eher stĂ€dtisch geprĂ€gten KleinbĂŒrger und KleinbĂŒrgerinnen mit Hang zu rechten Strukturen zu charakterisieren.»
Goldschmidt merkt jedoch an, dass die ĂŒberwiegende Mehrheit der Kommentare positiv sei. Menschen fĂ€nden den sĂ€chsischen Dialekt in ihren Videos sympathisch, planten zum ersten Mal in ihrem Leben eine Reise gen Osten. Dennoch sieht Goldschmidt eine klare Diskrepanz zu Content-Creatoren, die sich mit anderen, nicht-ostdeutschen Dialekten befassen. «Dieses "SĂ€chsisch klingt dumm" kommt immer wieder. Ich habe beispielsweise kein einziges Mal gelesen "Hessisch klingt dumm"».
Sachsen als Sinnbild fĂŒr Ostdeutschland
SĂ€chsisch ist fĂŒr viele der einzig als «ostdeutsch» erkennbare Dialekt. Siebenhaar erklĂ€rt: «Da die Sachsen und ThĂŒringer einen groĂen Teil der Bewohner der ehemaligen DDR ausgemacht haben, war es dieser Dialekt, der im Zusammenhang mit der DDR am hĂ€ufigsten gehört wurde.» Somit sei dieser im Gegensatz zu anderen Dialekten «markiert» â vorbelastet, sozusagen â und werde fĂŒr Stereotypisierungen verwendet.
Siebenhaar fĂŒgt hinzu: «Dass nun Politiker, Wissenschaftlerinnen, Bankdirektoren im beruflichen Kontext SĂ€chsisch sprechen, ist im Moment kaum absehbar. Dann aber könnten solche Vorurteile abgebaut werden.» In der RealitĂ€t mag dies noch unwahrscheinlich erscheinen â auf Goldschmidts Social-Media-KanĂ€len ist aber schon heute zu erleben, wie es sich anhört.


