Berlin, Deutschland

Boris Becker: Bin extrem vorsichtig geworden mit Menschen

14.09.2025 - 08:00:55

Die 231 Tage in Haft haben das Leben von Boris Becker verĂ€ndert. Im Interview spricht der frĂŒhere Tennis-Star ĂŒber die Lehren und das, was jetzt kommt. Wie geht es einem der prominentesten Deutschen?

  • Boris Becker stellt sein Buch vor. - Foto: Annette Riedl/dpa

    Annette Riedl/dpa

  • Boris Becker spricht ĂŒber seine Erfahrung mit Freundschaften.  - Foto: Soeren Stache/dpa

    Soeren Stache/dpa

Boris Becker stellt sein Buch vor. - Foto: Annette Riedl/dpaBoris Becker spricht ĂŒber seine Erfahrung mit Freundschaften.  - Foto: Soeren Stache/dpa

Boris Becker nimmt sich erst noch einen Moment. Der frĂŒhere Tennisprofi kommt mit seiner Frau Lilian zum Interview. Offen spricht er ĂŒber seine Zeit im GefĂ€ngnis. In Großbritannien verbrachte er 231 Tage wegen Insolvenzstraftaten hinter Gittern, davon handelt sein Buch «Inside». Vor dem GesprĂ€ch in Berlin hat er eine Bitte: Einen Zigarillo vor der TĂŒr, alleine.

Frage: Der Zigarillo, Herr Becker. Wie sehr haben Sie den vermisst?

Antwort: Nicht nur den Zigarillo. Den habe ich natĂŒrlich auch vermisst, aber wenn einem die Freiheit genommen wird, kann man sich vorher nicht vorstellen, wie es ist. Da fehlt einem nicht nur der Zigarillo, sondern auch der enge Kontakt zu seinen Lieben.

Frage: Gibt es etwas, was Sie gelernt haben aus dieser Zeit?

Antwort: Ja, eine ganze Menge. Ich habe sehr viel ĂŒber die GrĂŒnde reflektiert, warum ich im GefĂ€ngnis gelandet bin, was waren die Fehler, wann ging es in die falsche Richtung? Mittlerweile sind es zweieinhalb Jahre seit meiner Entlassung und Abschiebung nach Deutschland und meine Frau und ich leben seit April 2023 in Italien. Wir können ein wenig stolz sein, wie wir heute wieder aufgestellt sind.

Frage: Gibt es etwas, von dem Sie sagen: «Das waren jetzt zwei, drei, vier Lektionen, an die ich mich tagtÀglich immer wieder erinnere»?

Antwort: Ich bin extrem vorsichtig geworden mit Menschen. Das Vertrauen ist schon angekratzt. Ich war frĂŒher ein Menschenfreund und habe erst mal jeden reingelassen. Das ist nicht mehr der Fall. Ich bin sehr vorsichtig und habe auch nur noch einen kleinen Freundeskreis. Und das wird sich auch, glaube ich, so schnell nicht Ă€ndern. Da bin ich schon ein gebranntes Kind. Es gibt da dieses Sprichwort: «Zeig mir deine Freunde, deinen Freundeskreis, dann sage ich, wer du bist.» Mein Freundeskreis heute, der kann sich sehen lassen, aber den zeige ich nicht, ich spreche nicht darĂŒber.

Frage: Woran merkt man, welche Menschen einem guttun?

Antwort: Jeder sollte mal auf den eigenen Freundeskreis schauen und herausfinden, wer eigentlich fehl am Platze ist. Wer ist geblieben, wer unterstĂŒtzt einen und wer eben nicht? Mir haben viele den RĂŒcken gekehrt und hatten dann keine Zeit oder keine Lust mehr oder wollten sich nicht mit mir auseinandersetzen, und das ist okay. Ich merke jetzt, dass die meisten wieder anklopfen und gerne wieder irgendeine Rolle spielen wĂŒrden. Also ich merke, dass dieses Zerren um mich und dieser Versuch der Vereinnahmung wieder probiert wird.

Frage: Wer ist der Boris Becker nach dem GefÀngnis?

Antwort: Ich glaube, dass ich mich zurĂŒckbesonnen habe: Was hat mich denn als Tennisspieler ausgezeichnet? Was waren meine StĂ€rken? Was waren meine QualitĂ€ten? Was waren meine SchwĂ€chen? Und ich glaube, dass ich geistig wieder zurĂŒckgegangen bin zu der Zeit, als ich gut Tennis gespielt habe, als mein Leben in Ordnung war.

Frage: Wie schmal ist der Grat zwischen der Gefahr, dass das GefĂ€ngnis einen bricht, und der Chance, dass man sich zurĂŒckbesinnt auf alte StĂ€rken?

Antwort: Es gibt so einen Spruch: «Wenn man zehn Jahre und lĂ€nger im GefĂ€ngnis war, dann wird einen das GefĂ€ngnis nie wieder loslassen.» Die GefĂ€ngnismentalitĂ€t, das macht schon etwas mit der Psyche. Das GefĂ€ngnis ist ja eine Bestrafung fĂŒr Fehler, die man gemacht hat. Es tut enorm weh und ist manchmal sogar gefĂ€hrlich. Jeder, der das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung. Englische GefĂ€ngnisse sind vielleicht noch schlimmer als deutsche. Obwohl die 231 Tage unglaublich lang waren, war das natĂŒrlich nur ein kurzer Aufenthalt im VerhĂ€ltnis zu den Langzeitgefangenen. Das kriegt man dann wieder hin. NatĂŒrlich mit Hilfe von seiner Familie und guten Freunden. Ich glaube nicht, dass ich einen Schaden genommen habe von meinem GefĂ€ngnisaufenthalt.

Frage: Sie haben vor dem Haftantritt durch Filme eine Vorstellung gehabt. Wie schauen Sie jetzt auf solche GefÀngnisfilme?

Antwort: Mit ganz anderen Augen. Was eigentlich nie in einem Film ĂŒber ein GefĂ€ngnis berichtet wird, weil es eben auch sehr langweilig ist, ist diese lange Zeit alleine in der Zelle. Und das ist das Schlimmste im GefĂ€ngnis. Es ist nicht, wenn du bei der Arbeit bist, oder wenn du mit anderen HĂ€ftlingen etwas zu tun hast, sondern einfach diese lange Zeit alleine in der Zelle. Das ist das Brutale. Aber das kommt im Film nie vor.

Frage: Im GefÀngnis sitzen Menschen, die ganz unterschiedliche Verbrechen begangen haben. Wie geht man damit um?

Antwort: Das Erstaunliche war, dass es keine Unterschiede gab. Ein Wirtschaftsverbrecher war neben einem Mörder, und ein Mörder neben einem PÀdophilen, und ein PÀdophiler war neben einem DrogenhÀndler. Da wird nicht unterschieden, welches Verbrechen du begangen hast. Das hat mich schon beÀngstigt und habe ich so nicht erwartet.

Frage: Ging dieses GefĂŒhl irgendwann weg?

Antwort: Es ist wie bei allem: Wir gewöhnen uns an alles, auch an die schlimmste Zeit. Man muss aufhören, Menschen zu be- oder zu verurteilen. Wir haben alle das gleiche Leid, die Einsamkeit der Zelle. Wir haben alle das gleiche Essen, sehen alle gleich aus. Es gibt keine Unterschiede bei der Behandlung. Ein «Ich bin mehr wert als du», das musst du schnell verlieren im GefÀngnis. Du bist im GefÀngnis nicht der Richter.

Frage: Sie stehen in der Öffentlichkeit, standen immer in der Öffentlichkeit. Das heißt, Menschen haben Sie bewertet und waren Richter ĂŒber Sie. Sie schreiben, Deutschland habe sich an Ihren Problemen aufgegeilt. Hatten Sie dieses GefĂŒhl nur im Verlauf der Insolvenz?

Antwort: Ich bin seit dem 7. Juli 1985 (dem ersten Sieg in Wimbledon, d. Red.) eine öffentliche Person, ob ich das will oder nicht! Fremde Menschen bewerten, urteilen ĂŒber mich, unabhĂ€ngig davon, ob sie mich wirklich kennen. Ich bin populĂ€r bei einigen und unpopulĂ€r bei anderen teilweise aus dem gleichen Grund. Ich habe gelernt, dass ich es nicht allen Menschen recht machen kann und lebe mein Leben. Im Ausland werde ich anders wahrgenommen und habe dieses MissverstĂ€ndnis nicht.

Frage: Könnten Sie sich denn vorstellen, wieder in Deutschland zu leben?

Antwort: Kurze Antwort: Nein. Das hat natĂŒrlich auch mit dem Wunsch nach einem Privatleben zu tun, auch mit dem Wunsch, nicht jede Woche etwas ĂŒber mich lesen zu mĂŒssen - ob gut oder schlecht, ist egal. Und ich glaube, da haben wir mit Italien eine sehr gute Wahl getroffen.

Frage: Wie ist die rechtliche Lage, könnten Sie nach England und damit auch nach Wimbledon zurĂŒckkehren?

Antwort: Ich wĂŒrde gerne nach Wimbledon zurĂŒckkehren. Der Wimbledon-Sieg hat mein Leben dramatisch verĂ€ndert und es ist einfach Teil meiner DNA. Wir sind mit dem Homeoffice und dem Ministry of Justice (Innen- und Justizministerium, d. Red.) im engen Austausch, und wir suchen wirklich gemeinsam einen Weg, dass ich bald wieder zurĂŒckkann. Aber wann das ist, kann ich Ihnen nicht sagen.

Frage: Sie schreiben im Buch von Ihrer auch nach der Haft schwierigen wirtschaftlichen Lage - nach zweieinhalb Jahren, wie wĂŒrden Sie es im Moment beschreiben? Sind Sie da, wo Sie sein wollen zu diesem Zeitpunkt?

Antwort: Ich bin seit dem 27. April 2024 nicht mehr insolvent. Ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung und muss hart fĂŒr mein Einkommen arbeiten. Ich habe nichts geerbt oder geschenkt bekommen. Aber ich sollte mich nicht beschweren, mir geht’s heute wirtschaftlich wieder etwas besser und gemeinsam mit meiner Frau bauen wir unser Vermögen auf.

Frage: Auf Sie kommt jetzt noch eine andere Aufgabe zu: Sie werden noch einmal Vater. Haben Sie schon Strampler gekauft?

Antwort: Ich versuche - vielleicht auch im Gegensatz zu frĂŒher -, meine privaten Themen privat zu halten, dass ich also nicht alles mit der Öffentlichkeit teile. Aber als vierfacher und bald fĂŒnffacher Vater kenne ich mich in Babyfragen exzellent aus.

Frage: Haben Sie heute noch ab und an einen TennisschlÀger in der Hand?

Antwort: Habe ich, ja. Meine Frau will gerne spielen - jetzt momentan ist es zwar schwieriger, aber sie spielt ganz gerne und will dann gerne mit ihrem Mann spielen, was ich verstehen kann. Meine Kinder, also meine großen Buben, waren neulich in Mailand und die wollten auch mit Papa Tennis spielen. Dann habe ich das gemacht. Also es gibt Ausnahmen, bei denen ich dann noch mal den TennisschlĂ€ger auspacke.

Frage: Und wie gut sind Sie noch?

Antwort: Ich glaube, Sie wĂŒrde ich noch schlagen. Ich glaube, jeden im Raum wĂŒrde ich sogar schlagen.

ZUR PERSON: Boris Becker ist einer der bekanntesten Deutschen weltweit. 1985 gewann er im Alter von nur 17 Jahren das Tennis-Turnier in Wimbledon - ein Erfolg, der sein Leben, wie er selbst sagt, geprĂ€gt hat. Im Sport folgten etliche weitere Erfolge, insgesamt gewann er unter anderem sechs Grand-Slam-Turniere. Nach seiner Zeit als Profi trat Becker immer wieder öffentlich in Erscheinung. Im April 2022 wurde er in London vor Gericht verurteilt, nachdem er in einem Insolvenzverfahren Vermögenswerte nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ angegeben hatte. Er saß 231 Tage im GefĂ€ngnis.

@ dpa.de

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