Sextortion: Vom Flirt zur Erpressung
29.12.2024 - 06:00:36Erpressungen mit Nacktbildern bleiben in Deutschland ein Problem. Mehr als 2.000 FĂ€lle wurden im vergangenen Jahr im Inland erfasst - und auch fĂŒr 2024 rechneten die Ermittler mit zahlreichen solcher Delikte, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den LandeskriminalĂ€mtern ergab. In einigen BundeslĂ€ndern zeigte sich sogar ein Anstieg der Zahlen bei Taten aus dem Ausland.Â
Bei Sextortion (englisch fĂŒr Sex und Erpressung) nutzen Kriminelle intime Aufnahmen als Druckmittel, um Geld von ihren Opfern zu erpressen. Die Betrugsmasche kommt vor allem auf Social-Media-Plattformen oder Dating-Portalen zum Einsatz. TĂ€ter nehmen Kontakt zu Opfern auf und drĂ€ngen sie in Videoanrufen dazu, sich auszuziehen, sexuelle Handlungen vorzunehmen oder intime Fotos zu schicken.Â
«HĂ€ufig schicken TĂ€ter zuerst selbst gefĂ€lschte Nacktbilder, um ein gewisses Vertrauen aufzubauen», sagte Rebecca Michl-KrauĂ, Referentin fĂŒr Medienkompetenz der EU-Initiative klicksafe. AnschlieĂend drohen sie mit der Veröffentlichung der Aufnahmen und fordern Geld.Â
«Ein scheinbar harmloser Flirt endet mit hohen Geldforderungen», erklÀrte das Landeskriminalamt (LKA) Hessen. Dort stieg die Zahl der registrierten FÀlle von einem niedrigen dreistelligen Bereich im vergangenen Jahr auf einen mittleren dreistelligen Bereich bis Anfang Dezember 2024.
Sind MĂ€nner ein leichteres Ziel?
Obwohl vor allem Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen sind, zeigt sich bei Sextortion ein anderes Bild: Studien und Angaben aus den LandeskriminalĂ€mtern deuten darauf hin, dass sie MĂ€nner hĂ€ufiger trifft.Â
Mögliche GrĂŒnde sieht Michl-KrauĂ in einem geringeren Misstrauen und einer höheren Bereitschaft von MĂ€nnern, intime Bilder zu teilen. AuĂerdem wisse man, dass MĂ€nner «hĂ€ufiger ungefragt Dickpics (Penisbilder) verschicken, was darauf hindeutet, dass sie unĂŒberlegter bei dem Thema sein könnten», erklĂ€rte sie.
Warum Menschen ĂŒberhaupt auf die Masche hereinfielen, könne man durch den Umgang mit SexualitĂ€t und die FreizĂŒgigkeit auf Social Media erklĂ€ren, sagte Michl-KrauĂ. «"Sexy" Inhalte sind allgegenwĂ€rtig, sei es durch Influencer, Pornos oder private Nutzer.» Gerade junge Menschen fĂŒhlten sich oft unter Druck gesetzt, weil sie glaubten, das Teilen intimer Inhalte gehöre «einfach dazu». Denn auch MinderjĂ€hrige sind von Sextortion betroffen.Â
In vielen FĂ€llen kennen die Opfer die TĂ€ter bereits, weil sie etwa Ex-Partner sind, die intime Aufnahmen als Druckmittel einsetzen. «WĂ€hrend es Fremden meist ums Geld geht, wollen TĂ€ter in Beziehungen emotionale Kontrolle ausĂŒben, weitere Aufnahmen erzwingen oder sie handeln aus Rache», sagte Michl-KrauĂ. Auch in freundschaftlichen Beziehungen könne es aufgrund von Eifersucht zu FĂ€llen von Sextortion kommen, hieĂ es aus Sachsen-Anhalt.
Wie viele Menschen tatsĂ€chlich Opfer von Sextortion werden, ist unklar. Zwar erfasst die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) FĂ€lle von Erpressung auf sexueller Grundlage, Sextortion macht jedoch nur einen Teil dieser Delikte aus, wie es dazu vom LKA Hessen hieĂ.Â
Viele Opfer gehen aus Scham oder Angst vor Konsequenzen nicht zur Polizei. Die LandeskriminalĂ€mter gingen deshalb von einer hohen Dunkelziffer aus. HĂ€ufig zahlten Betroffene lieber den geforderten Betrag, um eine befĂŒrchtete Blamage zu vermeiden, erklĂ€rte das LKA Niedersachsen. MinderjĂ€hrige hĂ€tten zusĂ€tzlich Angst vor Strafe oder Misstrauen, so das LKA Rheinland-Pfalz.
Hinter Sextortion-FĂ€llen, bei denen ausschlieĂlich Geld im Internet erpresst wird, stehen meist organisierte Banden aus dem Ausland. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst den Angaben zufolge jedoch nur Straftaten mit Tatort in Deutschland. Auslandstaten werden separat gezĂ€hlt, es sei denn, es gibt klare Hinweise auf eine Tat im Inland - was bei Internetdelikten nur schwer feststellbar ist.
Polizei rĂ€t: Kein Geld ĂŒberweisen
So gingen in manchen BundeslĂ€ndern die inlĂ€ndischen Fallzahlen zurĂŒck. Das LKA Baden-WĂŒrttemberg erklĂ€rte den RĂŒckgang mit verbesserten DatenprĂŒfungen. Zuvor seien viele Taten fĂ€lschlicherweise dem Inland zugeordnet worden. Die Zahl der Auslandsdelikte sei hingegen um «ein Vielfaches höher» und steige stark an. Auch in Nordrhein-Westfalen wurde ein Anstieg der bekanntgewordenen AuslandsfĂ€lle beobachtet.
Die Polizei riet grundsĂ€tzlich dazu, keine Nacktbilder zu verschicken und keine Freundschaftsanfragen von Fremden anzunehmen. Zudem solle man nicht vorschnell einem Videochat zustimmen. Im Fall einer Erpressung sollten Opfer kein Geld ĂŒberweisen, denn die Forderungen hörten nach der ersten Zahlung oft nicht auf. Vielmehr sollte man den Chatverlauf sichern und Anzeige erstatten.







