Kita kann soziale Ungleichheit abfedern - Platzmangel bremst
18.02.2024 - 09:36:04 | dpa.de
Drei MĂ€dchen, ein Junge, eine PĂ€dagogin und ein kleines ErzĂ€hltheater: Alina, Ronja, Adisha und Milo - allesamt drei oder vier Jahre alt - sitzen in einer gemĂŒtlichen Ecke in einer Dortmunder Kita. Sprachförderkraft Petra Hahn schlĂ€gt einen Mini-Gong und öffnet die TĂŒren des ausklappbaren Papiertheaters - und los geht's.
Vorn auf den Bildtafeln geht es um Karneval, die Jahreszeiten, den FrĂŒhling - hintergrĂŒndig um Wortschatz, Begriffsbildung, ErzĂ€hlfĂ€higkeit. «Was kommt denn nach dem Winter?», fragt die PĂ€dagogin. «Ostern», sagt Ronja. «Und was fliegt am Himmel?»
Das weià die indischstÀmmige Alina: «Ein Schmetterling und ein Vogel, die bauen Nester.» Die Kleinen sind ganz bei der Sache, suchen manchmal etwas lÀnger nach den passenden Worten, auch mal mit Gestik, aber sie alle sind aktiv und mit Freude dabei - und machen sprachliche Fortschritte, wie Petra Hahn berichtet.
Sprachförderung bei Eltern beliebt
In der stĂ€dtischen «FABIDO-Kita Berliner StraĂe» werden 70 Kinder von null bis sechs Jahren in vier Gruppen betreut. 26 NationalitĂ€ten sind vertreten. «Wir haben einen sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte, unsere Kinder kommen aus Familien mit unterschiedlichem Bildungsniveau und verschiedenen kulturellen HintergrĂŒnden», schildert Leiterin Rosaria Caravante.
Sprachförderung wird groĂgeschrieben. Das Team besucht dazu auch Fortbildungen. Ein Sprachkoffer mit Spielen zur Wortschatzerweiterung wandert durch die vier Gruppen. Petra Hahn holt zur gezielten Sprachförderung auch einzelne Jungen und MĂ€dchen mit besonderem Bedarf aus den Gruppen - etwa aus bildungsfernen Familien oder Kinder wie Anour (4), der noch kein Deutsch konnte, als er vor Monaten in die Kita kam.
Das alles geht dank einer selten guten Personaldecke. Aber sehr, sehr viele Kinder mĂŒssen abgewiesen werden. «Ich habe 21 freie PlĂ€tze ab Sommer und 420 Namen auf der Warteliste», bedauert die Leiterin der Einrichtung, die auch Familienzentrum und Kultur-Kita ist.
Plus fĂŒr Kinder aus nicht privilegierten Familien
Vor allem Kinder aus sozial schwĂ€cheren Familien können bei kognitiven Kompetenzen vom Besuch einer Kita besonders stark profitieren. Einer Studie des Leibniz-Instituts fĂŒr BildungsverlĂ€ufe (LIfBi) zufolge lassen sich etwa bei Wortschatz oder einem ersten mathematischen GrundverstĂ€ndnis herkunftsbezogene Unterschiede verringern.
Allerdings: Gerade Kinder aus benachteiligten Familien mit wenig ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen sind wesentlich stÀrker von fehlenden BetreuungsplÀtzen betroffen als Jungen und MÀdchen aus bessergestellten Familien.
Eine Untersuchung mit fast 1000 Kindern mit einem langen Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren ergab, dass Kinder aus sozioökonomisch schwĂ€cheren Haushalten deutliche gröĂere Vorteile aus einem Kitabesuch ziehen als Kinder aus privilegierteren Familien.
Das gelte etwa bei ersten mathematischen VorlĂ€ufer-FĂ€higkeiten wie Mengenangaben, erlĂ€utert Studienautorin Corinna Kleinert. Auch beim Wortschatz zeigten sich bei Kindern, die mit zwei Jahren in eine Kita kamen, drei Jahre spĂ€ter sehr positive Auswirkungen. Ăhnlich sah es mit der FĂ€higkeit aus, Dinge zuzuordnen und erste Schlussfolgerungen zu ziehen.
Auch fĂŒr den Staat von Interesse
Ein Kita-Besuch könne also ein soziales GefÀlle in den kognitiven Kompetenzen von Kindern vermindern, sagt Kleinert. Umso bedauerlicher: «Je niedriger der Status bei Bildung und Einkommen in der Familie ist oder wenn der Faktor Migrationshintergrund hinzukommt, desto tendenziell spÀter besuchen die Kinder eine Kita.» Nur etwa 35 Prozent der Jungen und MÀdchen aus schlechter gestellten Familien besuchten im Alter von zwei Jahren eine Einrichtung.
Die Soziologin betont: «Eine gezielte Förderung in sehr jungem Alter ist nachhaltig, eine langfristig lohnende staatliche Investition. Ein spĂ€terer Aufholprozess ist immer viel mĂŒhsamer und teurer.» Und: «Es ist nicht so, dass diese Eltern ihre Kinder nicht in eine KindertagesstĂ€tte schicken wollen, sondern sie haben beim Ringen um die knappen PlĂ€tze oft das Nachsehen. Das liegt an Informationsdefiziten und auch an den Auswahlverfahren.»
Soziale SelektivitÀt?
Ăhnlich hatte eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung jĂŒngst offengelegt, dass es eine stark ausgeprĂ€gte Ungleichheit in der Kita-Nutzung nach familiĂ€ren Merkmalen gebe. Kinder aus armutsgefĂ€hrdeten Familien, deren Eltern keinen akademischen Hintergrund haben und bei denen zu Hause ĂŒberwiegend kein Deutsch gesprochen wird, besuchen demnach viel seltener eine KindertagesstĂ€tte als andere Kinder. Die LĂŒcke fĂŒr Jungen und MĂ€dchen aus benachteiligten Familien sei am gröĂten in ihrem zweiten und dritten Lebensjahr.
Kleinert sagt, GebĂŒhren spielten in dem Zusammenhang praktisch keine Rolle. Familien, die Sozialleistungen erhalten, zahlen seit August 2019 bundesweit keine Kita-GebĂŒhren mehr. In vielen BundeslĂ€ndern ist die Kita fĂŒr alle Kinder grundsĂ€tzlich, teilweise oder fĂŒr bestimmte Jahre gebĂŒhrenfrei. 2023 wurden laut Statistischen Bundesamt 3,93 Millionen Kinder in Tageseinrichtungen betreut. Bei den unter DreijĂ€hrigen lag die Betreuungsquote zum Stichtag 1. MĂ€rz 2023 bei rund 36 Prozent, bei den Drei- bis SechsjĂ€hrigen bei gut 90 Prozent. Die Bertelsmann Stiftung geht von etwa 430.000 fehlenden KitaplĂ€tzen aus.
Ein Kita-Besuch per se bringt noch keinen Nutzen
Auch Bildungsexpertin Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung moniert, dass Kinder aus sozialökonomisch benachteiligten Familien bei der Platzvergabe hÀufig das Nachsehen hÀtten. Zugleich stellt sie klar: «Profitieren können Kinder nur dann von einem Kita-Besuch, wenn dort die QualitÀt stimmt.»
Ob frĂŒhkindliche Bildungsarbeit und kompensatorische Leistungen in einer KindertagesstĂ€tte möglich seien, hĂ€nge maĂgeblich von der Personalausstattung ab. Und da hapere es sehr hĂ€ufig, es brauche viel mehr und gut qualifizierte Erzieherinnen.
In der Dortmunder Kita erzĂ€hlt Kadisha (3) derweil von ihrem ersten Karneval: «Ich war das da», zeigt sie auf ein Prinzessinnen-Bild im Mini-Theater. Dem dreijĂ€hrigen Milo haben es die Blumen auf den Bildtafeln des Papiertheaters angetan, ein neues Wort hat er gelernt: «Schneeglöckchen». Eines dĂŒrfen die Kinder spĂ€ter im Vorgarten einbuddeln. Kita-Leiterin Caravante sagt: «Wir erleben eine groĂe Dankbarkeit der Eltern, dass ihre Kinder hier so viel mitnehmen können.»
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