Haft, Boris Becker

Marode und ĂŒberfĂŒllt: Debatte ĂŒber Englands GefĂ€ngnisse

12.09.2023 - 09:13:35

Die Flucht eines TerrorverdÀchtigen aus einem Londoner GefÀngnis lenkt das Augenmerk auf die miserablen Bedingungen in His Majesty's Prisons. Die hat auch ein prominenter deutscher HÀftling erlebt.

In seiner Kochuniform schlich sich der 21-JĂ€hrige aus der KĂŒche, band sich mit Streifen aus seiner BettwĂ€sche unter einem Lieferwagen fest - und entkam aus einem der bekanntesten GefĂ€ngnisse des Landes.

Die filmreife Flucht eines TerrorverdĂ€chtigen aus der Londoner Haftanstalt Wandsworth schickte vergangene Woche Schockwellen durch Großbritannien. Tagelang suchten Beamte nach dem Ex-Soldaten, der unter anderem Bombenattrappen auf einer MilitĂ€rbasis platziert haben soll. Schließlich schnappte ihn ein Zivilpolizist.

Schlechte Haftbedingungen

Doch obwohl der Mann geschnappt wurde, ist die Aufregung groß. WĂ€hrend auf den VerdĂ€chtigen nun ein Prozess wegen Ausbruchs zukommt - ein Straftatbestand, den es in Deutschland so nicht gibt -, wird im Land ĂŒber die miserablen Haftbedingungen diskutiert.

ÜberfĂŒllung, Rattenplagen, Bandengewalt, Personalmangel: His Majesty's Prisons gelten als völlig marode. Ein Teil der GebĂ€ude stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und wurde nie recht modernisiert.

Erschreckende Schilderungen von Boris Becker

Auch der deutsche Ex-Tennisstar Boris Becker beschrieb nach seiner Haftentlassung schwierige hygienische Bedingungen und Konflikte unter den Gefangenen. «Es war sehr brutal, eine sehr, sehr andere Erfahrung als das, was man im Fernsehen sieht und in Geschichten hört», sagte Becker im April der BBC.

Er habe schnell gelernt, dass er Schutz brauche und sich mit «harten Jungs» umgeben mĂŒsse. «Man kĂ€mpft jeden Tag ums Überleben.» In Wandsworth habe ein HĂ€ftling ihn erpressen wollen - Mitgefangene hĂ€tten ihn beschĂŒtzt. Am Sonntag wurde ein HĂ€ftling von einem anderen niedergestochen und schwer verletzt.

Folgefragen und Probleme nach Ausbruch

Nach der Flucht aus Wandsworth wurden 40 HÀftlinge in andere GefÀngnisse verlegt. Vorsichtshalber, wie Justizminister Alex Chalk betonte. Doch Fragen bleiben.

Warum wurde ein TerrorverdĂ€chtiger nicht in einem HochsicherheitsgefĂ€ngnis untergebracht, sondern in einer Haftanstalt, die als Durchgangsstation gilt fĂŒr diejenigen, die kurz vor ihrem Prozess stehen oder die eben erst verurteilt worden sind? Oder: Wieso durfte ein TerrorverdĂ€chtiger in der KĂŒche arbeiten? Dies soll nun untersucht werden.

Aber grundlegende Probleme bleiben. Erst Ende Juli hatte Wandsworth in einer ÜberprĂŒfung die niedrigste mögliche Bewertung erhalten, die Behörden zeigten sich tief besorgt. Bei Inspektionen wurde wiederholt festgestellt, dass bis zu 80 Prozent mehr Insassen dort untergebracht waren als vorgesehen - es sei «nach wie vor eines der am stĂ€rksten ĂŒberfĂŒllten GefĂ€ngnisse des Landes, und die meisten Gefangenen teilen sich eine Einzelzelle», stellte die zustĂ€ndige Aufsicht fest.

Kritik von Menschenrechtsorganisationen

Die lokale Parlamentsabgeordnete Rosena Allin-Khan kritisierte, in einer Nacht seien lediglich sieben Justizbeamte fĂŒr 1500 Gefangene zustĂ€ndig gewesen. Ein anderes Mal habe es sechs Tage lang kein fließendes Wasser gegeben.

Die ZustÀnde in englischen GefÀngnissen werden seit langem von Menschenrechtsorganisationen und auch der staatlichen Aufsichtsbehörde angeprangert. Laut der Website «World Prison Brief» sind die 118 Haftanstalten in England und Wales mit mehr als 87.000 Gefangenen zu 111 Prozent ihrer offiziellen KapazitÀt belegt. Zum Vergleich: In Deutschland betrÀgt die Belegungsrate etwa 78 Prozent.

@ dpa.de