Unsichtbare Gefahr: Afrikas Kampf gegen verschmutzte Luft
01.09.2023 - 08:37:37Besonders gerne fahren GeschÀftsleute mit Albert Nzigirimana. «Die mögen, dass die Fahrt ganz sanft ist und das Ruckeln beim Schalten wegfÀllt», sagt der Mittvierziger. Nzigirimana ist einer der geschÀtzt 30.000 Motorrad-Taxifahrer in Ruandas Hauptstadt Kigali. Seit einem Jahr fÀhrt er ein Motorrad mit Elektroantrieb.
TĂ€glich fĂ€hrt Nzigirimana Kunden mit seinem Fahrzeug - kurz Moto - durch Kigali und ist dabei eine Alternative zu teuren Taxis und ĂŒbervollen Bussen. Fast ĂŒberall in Subsahara-Afrika sind die Motorradtaxis ein fester Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs. Nzigirimana und sein E-Bike fallen direkt an der leuchtend gelben Batterie auf, die vor dem Sitz der MotorrĂ€der eingebaut ist. Noch ist er einer der wenigen Fahrer, die bereits auf E-MobilitĂ€t umgestellt haben.
Mit den rasant gestiegenen Benzinpreisen seien die E-MotorrĂ€der zu einer rentablen Konkurrenz zu den Benzinern geworden, sagt Nzigirimana. FĂŒr ihn war allerdings ein anderer Grund ausschlaggebend, um auf ein E-Moto umzusteigen: «Wenn man jahrelange Moto fĂ€hrt, belasten die Abgase die Lungen», sagt Nzigirimana. Auch er leide unter Atemproblemen. Er ist bei weitem nicht der einzige Motofahrer, der ĂŒber gesundheitliche Probleme klagt: Laut britischen Forschern leiden immer mehr Fahrer unter Atemwegserkrankungen oder Haut- und Augenreizungen infolge der giftigen Abgase.
In Afrikas StĂ€dten sind diese lĂ€ngst ein groĂes Problem. Die UN bezeichneten die Luftverschmutzung in den Metropolen des Kontinents unlĂ€ngst als «unsichtbare Gefahr». Laut dem UN-Umweltprogramm UNEP könnte in Afrika die Zahl der vorzeitigen TodesfĂ€lle in Zusammenhang mit Luftverschmutzung bis 2063 auf 1,6 Millionen pro Jahr steigen.
Neben Asien wachsen in keinem anderen Teil der Welt die StĂ€dte so schnell wie in Afrika. Hinzu kommt, das Afrika der Kontinent mit dem höchsten Bevölkerungswachstum ĂŒberhaupt ist. Laut der Organisation fĂŒr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden in Afrika bis 2050 knapp eine Milliarde Menschen in die StĂ€dte ziehen. Doch die Ă€chzen schon jetzt unter den Blechlawinen, die das völlig unzureichende StraĂennetz der StĂ€dte verstopfen.
Experte: Verkehr bedeutender Grund fĂŒr Luftverschmutzung
Ngongang Wandji Danube, Experte fĂŒr LuftqualitĂ€tsmanagement am Stockholm Environment Institute Africa (SEI Africa) in Nairobi, sieht vor dem Internationalen Tag der sauberen Luft am 7. September mit Sorge auf diese Entwicklung: «Der Verkehr ist einer der wichtigsten GrĂŒnde fĂŒr die hohe Luftverschmutzung in den afrikanischen StĂ€dten.»
Insgesamt betrachtet geht auf dem Kontinent insbesondere in den lĂ€ndlichen Gebieten noch immer die gröĂte Gefahr von Luftverschmutzung in InnenrĂ€umen aus, da viele Haushalte noch an offenen Feuerstellen kochen. Wissenschaftlern zufolge gehen die Todeszahlen durch Luftverschmutzung in InnenrĂ€umen jedoch zurĂŒck, denn mit dem Umstieg auf Gaskocher ist eine schnell umsetzbare Lösung fĂŒr das Problem zur Hand. Die Gefahr durch die Luftverschmutzung durch Verkehrsemissionen nimmt jedoch stetig zu. Die Motorradtaxis tragen in den StĂ€dten dabei einen nicht unerheblichen Teil an den Emissionen bei.
Warnung vor umweltschÀdlichen Motorradtaxis
Bereits vor zwei Jahren warnte Peter Anyang Nyong'o, der Gouverneur des Kisumu Countys in Kenia, vor den Umweltgefahren der Boda Bodas, wie die Motorradtaxis dort genannt werden. «Ein durchschnittliches Motorrad verursacht pro Kilometer schĂ€tzungsweise zehnmal mehr Schadstoffe als ein Pkw, ein Kleinlaster oder ein SUV», sagte Anyang' Nyong'o. Josh Whale, der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des ruandischen E-Motorradherstellers Ampersand, hĂ€lt die SchĂ€tzung fĂŒr plausibel: «Viele der MotorrĂ€der in Afrika sind nicht nach den europĂ€ischen Emissionsschutz-Standards gebaut, die meisten nicht mal nach indischen Standards, wo viele der in Afrika eingesetzten MotorrĂ€der gebaut werden.» Noch immer fĂŒhren viele der MotorrĂ€der mit Technologie der 1970er-Jahre herum.
Gleichzeitig wird die Zahl der Motorradtaxis auf Afrikas StraĂen in den kommenden Jahren immer weiter zunehmen. Sie sind nicht nur eine gĂŒnstige Alternative, sie sind auch die einzige Möglichkeit, um nicht im Stau stecken zu bleiben. Experten prognostizieren, dass sich die Zahl der Motorradtaxis in Kenias Hauptstadt Nairobi bis 2030 auf rund fĂŒnf Millionen mehr als verdreifachen wird. In Kigali dĂŒrfte sich die Zahl Experten zufolge ebenfalls verdreifachen.
Ruanda will ein Drittel seiner MotorrÀder elektrifizieren
Aus diesem Grund will Ruanda bis 2030 laut dem UN-Entwicklungsprogramm knapp ein Drittel seiner MotorrĂ€der elektrifizieren. Damit soll nicht nur die Luft reiner werden, sondern auch die Treibhausgasemissionen sinken. Das Problem löse sich dadurch allein jedoch nicht, glaubt Carol Mungo, Energie- und Klimaexpertin beim SEI Africa: «Leider ist das öffentliche Verkehrssystem in Afrika noch nicht sehr fortschrittlich, so dass sich die meisten Menschen, die es sich leisten können, zwangslĂ€ufig fĂŒr ein eigenes Auto entscheiden.»
AuĂerdem seien Busse ein Paradies fĂŒr Diebe und fĂŒr Frauen nicht immer ein sicheres Verkehrsmittel. In den meisten afrikanischen Metropolen sind NahverkehrszĂŒge nicht existent. Die Buslinien fahren hĂ€ufig nicht nach einem festgelegten Fahrplan. Dabei ist auch Mungo ĂŒberzeugt, dass ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr mit Bussen und Bahnen die klima- und umweltfreundlichste Lösung wĂ€re.
Wie es funktionieren könnte, zeigt in AnsĂ€tzen Tansanias gröĂte Stadt Daressalam. Dort gibt es seit einigen Jahren mit einem Schnellbusnetz eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze in Subsahara-Afrika. Die Busse umgehen mit eigenen Fahrspuren den Stau der Stadt und sind so viel zuverlĂ€ssiger. Das Modell gilt als Vorbild fĂŒr viele StĂ€dte in Afrika. Der Preis ist jedoch hoch: Bisher kostete der Ausbau des ĂPNV rund 350 Millionen US-Dollar (321 Mio. Euro).





