Frauen, Deutschland

Femizide: Besitzdenken und Eifersucht als Hauptmotive

20.11.2025 - 13:32:44

Die meisten Femizide in Deutschland passieren laut einer Studie in Beziehungen. Auslöser ist hÀufig Eifersucht und Sexismus. Was die Forschenden dazu sagen.

Die TÀter kommen aus allen Milieus, der tödlichen Gewalttat gingen oft Angriffe und Besitzdenken voraus: Trennung oder Eifersucht innerhalb von (Ex-)Partnerschaften sind laut einer Studie mit Abstand der hÀufigste Auslöser von Femiziden, also tödlicher Gewalt gegen Frauen, weil sie Frauen sind.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die vom Institut fĂŒr Kriminologie der UniversitĂ€t TĂŒbingen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorgestellt wurde. 

Welche KriminalfÀlle wurden unter die Lupe genommen?

Die Forscher untersuchten zu 292 FĂ€llen Vernehmungsprotokolle, SachverstĂ€ndigengutachten, Anklageschriften und Urteile, die als versuchte oder vollendete Tötungen von Frauen in fĂŒnf BundeslĂ€ndern im Jahr 2017 in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) eingegangen sind. 

Einbezogen wurden Baden-WĂŒrttemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Teile Nordrhein-Westfalens, auf die ein Drittel der bundesweit polizeilich registrierten Tötungsdelikte an Frauen in diesem Jahr entfiel. 197 aller 292 analysierten FĂ€lle wurden gerichtlich als versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen eingestuft.

«Wir haben das Jahr 2017 ausgewĂ€hlt, um sicherzustellen, dass die Strafverfahren zu Beginn der Auswertung im Jahr 2022 tatsĂ€chlich abgeschlossen waren», sagt Jörg Kinzig, Direktor des Instituts fĂŒr Kriminologie der UniversitĂ€t TĂŒbingen und einer der Leiter der Studie. 

Zwei Kategorien von Femiziden

Die Forscher entwickelten einen zweistufigen Femizidbegriff. Der weite Femizidbegriff erfasst Tötungsdelikte in TĂ€ter-Opfer-Beziehungen, in denen Frauen ĂŒberproportional betroffen sind oder – und das fĂ€llt oft zusammen – die besonders stark durch Geschlechterrollen geprĂ€gt sind. Dazu gehörten auch Tötungen von MĂŒttern oder GroßmĂŒttern durch ihre meist schon erwachsenen Kinder oder Enkelkinder. 

Im engen Femizidbegriff suchten die Forschenden nach einer konkreten sexistischen Motivation des TĂ€ters. Darunter fallen Taten, bei denen die Frau bestraft werden sollten, weil sie aus Sicht des TĂ€ters gegen Geschlechterrollen verstoßen hat. 

Tötung der (Ex-)Partnerin hÀufigster Fall des Femizids

Zwei Drittel (133) der 197 Tötungsdelikte an Frauen sind laut den Forschern Femizide im weiteren Sinn. In 74 dieser 133 FÀlle stellten die Forschenden ein sexistisches Motiv des TÀters fest - sie stellen also aus Sicht der Forscher Femizide in einem engeren Sinn dar. Gut die HÀlfte der 292 untersuchten FÀlle wurden somit als Femizide in einem weiteren und etwa ein Viertel als Femizide in einem engeren Sinn eingestuft. 

Die mit Abstand hĂ€ufigste Art des Femizids ist laut der Studie der Partnerinnenfemizid – bei 108 der 133 Femizide (81 Prozent) handelte es sich um Tötungsdelikte in heterosexuellen Beziehungen. Anlass fĂŒr die Tat war in den meisten FĂ€llen (72 Prozent der 108 Partnerinnenfemizide) eine tatsĂ€chliche oder befĂŒrchtete Trennung oder Untreue der Frau. 

Taten finden in allen Gesellschaftsschichten statt

«Es ging daher meist um Besitzdenken oder Eifersucht der TÀter», sagte Tillmann Bartsch vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, einer der Leiter der Studie. Die Taten fanden in allen Gesellschaftsschichten statt. Unter den TÀtern waren beispielsweise ein Unternehmensberater und ein Erzieher. 

Außerdem waren viele TĂ€ter psychisch auffĂ€llig: Bei 49 Prozent gab es eindeutige Hinweise auf eine psychische Erkrankung und bei 44 Prozent auf ein Suchtproblem. 40 Prozent standen wĂ€hrend der Tat unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen. 

In 88 Prozent dieser 78 Femizide ging der Tötung Gewalt voraus. Bei zwei Dritteln fanden sich Hinweise auf eine sexistische Einstellung des TĂ€ters, wie etwa die Überzeugung, Frauen dĂŒrften nicht arbeiten, bis hin zur kompletten sozialen Isolation ihrer Partnerinnen. 

Zwei Drittel deutsche TĂ€ter und Opfer

Der Anteil von TĂ€tern und Opfern mit deutschem Pass betrug zwei Drittel, der mit anderer als deutscher Staatsangehörigkeit lag laut der Studie bei etwa einem Drittel. Im Vergleich dazu hatten im Jahr 2017 demnach rund zwölf Prozent der Bevölkerung in Privathaushalten in Deutschland eine auslĂ€ndische Staatsangehörigkeit. «Die ÜberreprĂ€sentation migrantischer Personen zeigt sich insbesondere in der Fallgruppe der Partnerinnenfemizide im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht», heißt es in der Studie. 

Die Gruppe der AuslĂ€nder sei heterogen, die Taten Ausdruck patriarchaler Strukturen. Auch die GeschĂ€digten seien ĂŒberwiegend auslĂ€ndische Staatsangehörige. Migrantinnen hĂ€tten weniger Möglichkeiten, eine gewaltvolle Beziehung zu verlassen.

Autoren empfehlen Sexismus als Mordmerkmal 

Die Experten befĂŒrworten vor allem eine Gesamtreform der vorsĂ€tzlichen Tötungsdelikte, bei der auch sexistische BeweggrĂŒnde als Mordmerkmal berĂŒcksichtigt werden könnten. Sie sprachen sich auch dafĂŒr aus, dass Gewalt in der Vorgeschichte einer Tatperson bei der Entscheidung ĂŒber die Niedrigkeit der BeweggrĂŒnde kĂŒnftig stĂ€rker berĂŒcksichtigt werden sollte. 

«Die Strafhöhen, die von den zustĂ€ndigen Landgerichten verhĂ€ngt wurden, deuten nach unseren Berechnungen nicht darauf hin, dass die untersuchten Femizide im Rahmen einer Trennung oder im Zusammenhang mit Eifersucht auffĂ€llig milde bestraft worden sind», sagte der TĂŒbinger Jurist und Kriminologe Florian Rebmann. Dass eine Erhöhung dieser Strafen potenzielle TĂ€ter eines Femizids abschrecken könnte, sei zweifelhaft.

@ dpa.de