Tod, Luise

Tod von Luise: Trauer, tiefe Narben und offene Fragen

10.03.2024 - 12:36:59 | dpa.de

Die SchĂŒlerin wurde im MĂ€rz 2023 erstochen. Zwei Kinder gestanden die Bluttat. Unfassbar bis heute. Der Schock sitzt noch immer tief. Wie sieht es ein Jahr danach aus?

Gedenken an Luise. - Foto: Oliver Berg/dpa
Gedenken an Luise. - Foto: Oliver Berg/dpa

Luise wĂ€re jetzt 13 Jahre alt, sie wĂŒrde die achte Klasse besuchen, hĂ€tte vermutlich viele PlĂ€ne und Spaß mit Freundinnen und ihrer Familie. WĂ€re. WĂŒrde. HĂ€tte. Vor einem Jahr wurde die SchĂŒlerin brutal getötet. Mit vielen Messerstichen, am 11. MĂ€rz 2023.

Sie verblutete nur wenige Kilometer entfernt von ihrem Zuhause in der Kleinstadt Freudenberg nahe Siegen, wurde dort in einem Waldgebiet in Rheinland-Pfalz direkt an der Grenze zu NRW gefunden. Zwei Kinder, MĂ€dchen im Alter von damals 12 und 13 Jahren, gestanden die Bluttat. Schockierend und unfassbar bis heute.

«Das Entsetzen bleibt», sagt BĂŒrgermeisterin Nicole Reschke (SPD). Das Leid der Hinterbliebenen sei unermesslich. «Der Weg in die NormalitĂ€t ist kein einfacher.» Die BedĂŒrfnisse von Luises Familie stehen Reschke zufolge an oberster Stelle. Es sei schwer zu ertragen, dass die «Frage nach dem Warum» offenbleiben werde. Die beiden mutmaßlichen TĂ€terinnen können strafrechtlich nicht belangt werden. Kinder unter 14 Jahren sind strafunmĂŒndig. Die Ermittlungen waren im Herbst eingestellt worden.

Einen Strafprozess, ein Urteil wird es nie geben

Womöglich könnte eine Aufarbeitung des Falls aber auf einem anderen juristischen Weg in Gang kommen. Die Hinterbliebenen haben die minderjĂ€hrigen TĂ€terinnen unter anderem auf Schmerzensgeld verklagt. Die Zivilklage wurde vor dem Landgericht Koblenz eingereicht. FĂŒr die erlittenen Qualen des zwölfjĂ€hrigen MĂ€dchens hĂ€lt Luises Familie demnach ein Schmerzensgeld von 50.000 Euro fĂŒr angemessen sowie je 30.000 Euro fĂŒr die nĂ€chsten Angehörigen.

Es geht einem Gerichtssprecher zufolge um einen Streitwert von insgesamt rund 160.000 Euro. Anders als im Strafrecht könnten Kinder, die Ă€lter als sieben Jahre sind, fĂŒr unerlaubte Handlungen haftbar gemacht werden. Zuerst hatte die «Westfalenpost» berichtet. Das Verfahren lĂ€uft laut Gericht. Einen Termin fĂŒr eine mögliche Verhandlung gibt es bisher nicht.

Wie steht es um die Familie des Opfers?

Ob die Familie noch in Freudenberg wohnt oder weggezogen ist, lĂ€sst der evangelische Pfarrer Thomas Ijewski zu deren Schutz unbeantwortet. Er richtet deren Wunsch aus, man solle sich dem Grab des MĂ€dchens nicht nĂ€hern, PrivatsphĂ€re respektieren. Auch Blumen und PlĂŒschtiere helfen der Familie nicht mehr, wie er sagt. Am einige Kilometer entfernten Fundort der Leiche des Kindes ist kurz vor dem Jahrestag aber noch immer ein Meer von BlĂŒten, Kerzen und ErinnerungsstĂŒcken zu sehen.

Auf Fragen nach Errichtung eines zentralen Gedenkorts, meint der Pfarrer, man solle Luise im Herzen behalten, statt das grausame Geschehen «in Stein zu meißeln». Mit der Tötung des MĂ€dchens seien zwei «Grundannahmen vom Leben» erschĂŒttert worden: dass Kinder gut sind und dass Freundinnen zusammenhalten.» Zwar hatten die Ermittler fast nichts ĂŒber die TĂ€terinnen verlauten lassen, dass die Drei sich kannten, steht aber fest.

Was macht der Fall mit dem Gerechtigkeitsempfinden?

Landrat Andreas MĂŒller (SPD) spricht von einem «grausamen Spannungsfeld.» Ihrer Familie sei Luise fĂŒr immer gewaltsam entrissen, fĂŒr die gestĂ€ndigen MĂ€dchen werde es aber «im klassischen Sinne keine Strafe» geben. Es sei verpflichtend, den TĂ€terinnen einen Weg zurĂŒck ins Leben zu ebnen. FĂŒr manche sei das sehr unbefriedigend, empöre, verletze das subjektive Gerechtigkeitsempfinden. Aber: «Damit mĂŒssen wir leben und umgehen.»

Kurz nach Luises Tod war auch eine Debatte ĂŒber eine frĂŒhere StrafmĂŒndigkeit aufgekommen, von den allermeisten aber als falsch zurĂŒckgewiesen worden. Nordrhein-Westfalens MinisterprĂ€sident Hendrik WĂŒst (CDU) hatte versprochen, Luises Tod werde nicht ohne Folgen bleiben. Der Landtag beauftragte die NRW-Regierung im Mai, die Ursachen der steigenden Kinder- und JugendkriminalitĂ€t erforschen zu lassen. Aus dem Innenministerium heißt es dazu auf Anfrage, man habe das Landeskriminalamt mit der Umsetzung der Studie beauftragt, Ergebnisse gebe es noch nicht.

Die gestÀndigen MÀdchen sind in Therapie

Die gestĂ€ndigen Kinder waren unter Obhut des Jugendamts gestellt und in einer therapeutischen Einrichtung untergebracht worden. Haben sie schwere SchuldgefĂŒhle? Dazu könne er sich nicht Ă€ußern, sagt Jugenddezernent Thomas WĂŒst. Allerdings: «Die Belastung empfinden sie als immens.» Ein MĂ€dchen sei inzwischen in eine Wohngruppe gewechselt und noch in ambulanter Therapie, das andere weiterhin in klinischer Behandlung. Den beiden sei als «einziger Anker» ihr familiĂ€res Umfeld geblieben.

Pfarrer Ijewski mahnt, zum Jahrestag nicht nach Freudenberg zu pilgern, sondern im Stillen zu gedenken. Alles sei noch zu frisch, zu nahe, zu furchtbar, es brauche Zeit. «Wunden können heilen, aber Narben werden bleiben.»

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