Wie Deutschland seine Geschichte neu erzÀhlt
08.12.2025 - 14:10:14Es ist schade, dass Friedrich Merz das nicht sieht. Der Bundeskanzler, der in seinem Politikerleben schon so manche verĂ€stelte Entscheidungsfindung miterlebte, könnte in der neuen Dauerausstellung des Hauses der Geschichte einen Akt radikaler Vereinfachung erleben.Â
«Welche Forderung finanzierst Du?» steht als Frage an der Wand. Es gibt nur drei Auswahlmöglichkeiten: «MilitĂ€r stĂ€rken», «Wildtiere schĂŒtzen» â oder beides je zur HĂ€lfte. Die Besucher nehmen in Original-Bundestagsmobiliar Platz, stimmen ab â und schwups, schon liegt das Ergebnis vor. So rasant fĂŒhlt sich Politik sonst eher selten an.
Was spielerisch wirkt, ist Teil eines grundsÀtzlichen Neuanfangs. Die Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn, ein zentraler Erinnerungsort des Landes, ist vollstÀndig neu konzipiert worden - und lÀsst ihre Besucher nun richtig mitmachen. Die fiktive Abstimmung im Bundestag ist Teil davon.
Die Idee dahinter: Die deutsche Nachkriegsgeschichte soll fortan zugÀnglicher, weniger verschachtelt und insgesamt gegenwÀrtiger erzÀhlt werden - mit viel mehr Möglichkeiten, Politik intuitiv zu erleben. Am Montag wird sie feierlich eröffnet. Eigentlich sollte Merz kommen, der aber kurzfristig absagen musste. Die Festrede hÀlt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Er jubiliert:
«Liebe Bundesrepublikaner, es ist wirklich ein Tag der Freude.»
Umbau nach 30 Jahren
Wer das Wort Dauerausstellung hört, bekommt gleichwohl nicht direkt GĂ€nsehaut. Warum ist sie also wichtig? Dazu kann man sich die Dimension vergegenwĂ€rtigen. Das Haus der Geschichte sammelt Dinge - sehr viele Dinge. Mehr als eine Million Objekte hat es in der Sammlung, vom FĂŒller, den Wolfgang SchĂ€uble 1990 zur Unterzeichnung des Einigungsvertrags nutzte, bis hin zu Flipperautomaten. Damit soll die Geschichte seit 1945 erfahrbar gemacht werden. Das Interesse daran ist groĂ - durch die alte Ausstellung streiften seit der Eröffnung 1994 mehr als 14 Millionen Besucher.
Zugleich hatte die alte Schau eine groĂe Unwucht. Nach dem Mauerfall (1989) war man fast schon am Ausgang angelangt - die rĂ€umliche Aufteilung der Epochen sah es so vor. 2024 beanspruchten die 35 Jahre nach dem Fall der Mauer so viel FlĂ€che wie die ersten vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. FĂŒr viele JĂŒngere wirkte das befremdlich.
Die Neugestaltung, die mit einem Budget von 25 Millionen Euro Sondermitteln ermöglicht wurde, ist daher kein kosmetischer Umbau, sondern eine neue Perspektive. Die erzĂ€hlt zugleich viel darĂŒber, wie sich Deutschland heute sieht oder zumindest sehen will.
Mauerfall und Wiedervereinigung wurden vom Ende in die Mitte des Rundgangs gerĂŒckt. Die Geschichte nach 1989 wird somit nicht lĂ€nger auf dem Weg nach drauĂen erzĂ€hlt. Zugleich gibt es eine neue Fokussierung, was man schon an der Zahl der Objekte sehen kann. 7000 waren es zuvor - nun sind es 3.850. Der neue Titel ist ein Versprechen: «Du bist Teil der Geschichte.» Die Ausstellung soll persönlicher werden, weniger abstrakt. Mehr als ein Jahr lang war sie Ausstellung fĂŒr diese Mission geschlossen worden.Â
Zwischen Stalin und Tamagotchi
Was geblieben oder neu hinzugekommen ist, soll helfen, den Alltag vergangener Epochen besser zu erzĂ€hlen. Etwa die Theke vom «Musikhaus Muck», an der man sich weit vor der Erfindung der Streamingdienste einzelne Songs anspielen lassen konnte. Oder ein Stadtmodell, das in den 1960ern zeigen sollte, wie Bonn nach einem Atomschlag hĂ€tte aussehen können. Von der Decke hĂ€ngt darĂŒber schwer eine stilisierte Bombenspitze. Subtil ist anders, aber es macht gut begreifbar, worauf man sich im Kalten Krieg vorbereitete.Â
JĂŒngere Generationen werden sich zudem freuen, noch einmal ein altes Klapphandy zu sehen - oder ein Tamagotchi. Selbst die Diddl-Maus, Pausenhof-Ikone der Nullerjahre, hat einen schönen Platz bekommen.
Politik, die man ja auch nie vom Alltag trennen kann, spielt natĂŒrlich weiterhin eine dominierende Rolle. Eine mĂ€chtige Stalin-Statue starrt ĂŒber Besucher hinweg - Bundesrepublik und DDR werden parallel erzĂ€hlt. Die Wahlurne bei der Wahl von Adenauer, die Strickjacke von Helmut Kohl, ein verschlammtes Bundeswehr-Fahrzeug aus dem Afghanistan-Einsatz - wer will, kann einen Crashkurs in deutsche Geschichte machen.
Die «Zeitenwende» ist nun Zeitgeschichte
PrĂ€senter sind nun etwa die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland und die Klimaproteste. Hinter Glas ist ein StĂŒck Asphalt von der Hamburger KöhlbrandbrĂŒcke zu sehen - versehen mit einem Handabdruck aus Kleberesten. Was gestern noch empörte, liegt heute in der Vitrine.
Wenn man schlieĂlich das Manuskript der «Zeitenwende»-Rede von Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) passiert, ist man fast schon am Ausgang angelangt. Scholz hatte die Rede kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 gehalten.Â
Es ist nun das letzte groĂe Kapitel der neuen Dauerausstellung. Eines, das sich drauĂen in der Welt fortschreibt, wĂ€hrend man daran vorbeigeht.





