«Schwarzer Tag fĂŒr MĂŒnchen» - Asylbewerber fĂ€hrt in Demo
13.02.2025 - 16:28:21Die SeidlstraĂe in der MĂŒnchner Innenstadt ist ĂŒbersĂ€t von TrĂŒmmern und KleidungsstĂŒcken. Ein umgestĂŒrzter Kinderwagen liegt auf der Fahrbahn. Dort, wo kurz vorher noch Mitglieder der Gewerkschaft Verdi fĂŒr mehr Geld im öffentlichen Dienst demonstrierten, herrschen Schock, Entsetzen und Sorge um die vielen Verletzten, von denen einige in Lebensgefahr schweben sollen.Â
Unmittelbar nachdem er den Ort der Tat besucht hat, schreibt Bayerns MinisterprĂ€sident Markus Söder (CSU) auf der Plattform X zunĂ€chst: «In MĂŒnchen hat sich ein schwerer Anschlag ereignet.» Die bayerische Zentralstelle fĂŒr Extremismus und Terrorismus ĂŒbernimmt die Ermittlungen.
Der VizeprĂ€sident des MĂŒnchner PolizeiprĂ€sidiums, Christian Huber, schildert den Vorfall so: Gegen 10.30 Uhr fĂ€hrt ein 24 Jahre alter Asylbewerber aus Afghanistan mit seinem Auto hinter der Demo her, ĂŒberholt einen Polizeiwagen zur Absicherung der Gruppe, beschleunigt - und fĂ€hrt in das Ende des Demonstrationszuges, zu dem mehrere Menschen ihre Kinder mitgebracht haben. Die Polizei schieĂt in Richtung des VerdĂ€chtigen und nimmt ihn fest. Am Freitag soll der TatverdĂ€chtige laut Polizei dem Ermittlungsrichter vorgefĂŒhrt werden.
«Aufenthalt war absolut rechtmĂ€Ăig»
Am Abend werden neue Details zum TatverdĂ€chtigen bekannt. Der junge Afghane hatte nach Worten von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) einen gĂŒltigen Aufenthaltstitel und eine Arbeitserlaubnis. «Damit war der Aufenthalt des TĂ€ters bis zum heutigen Tage nach gegenwĂ€rtigem Erkenntnisstand absolut rechtmĂ€Ăig», sagt Herrmann am Abend der Deutschen Presse-Agentur in MĂŒnchen. Zugleich berichtet der Minister, dass der Mann nach neuesten Erkenntnissen und entgegen erster Informationen am Mittag nicht wegen LadendiebstĂ€hlen auffĂ€llig geworden war.
Nach Worten Herrmanns kam der Afghane Ende 2016 als unbegleiteter minderjĂ€hriger FlĂŒchtling nach Deutschland. Sein Asylverfahren wurde demnach im Jahr 2020 endgĂŒltig abgeschlossen, mit einem Ablehnungsbescheid und der Aufforderung zur Ausreise. Die Landeshauptstadt MĂŒnchen habe dann aber im April 2021 einen Duldungsbescheid erlassen und im Oktober 2021 eine Aufenthaltserlaubnis. Der junge Mann habe eine Schule besucht und eine Berufsausbildung gemacht. «Er war dann als Ladendetektiv fĂŒr zwei Sicherheitsfirmen tĂ€tig.»
Deshalb habe es zunÀchst auch ein MissverstÀndnis gegeben, eben weil der Mann in mehreren Ladendiebstahlprozessen aufgetreten sei. «Er war nicht selbst TatverdÀchtiger, sondern er war Zeuge», stellt Herrmann klar.
Söder: Afghane war berufstÀtig und nicht ausreisepflichtig
MinisterprĂ€sident Markus Söder (CSU) sagt am Abend im ZDF, der TatverdĂ€chtige sei «wohl bislang eher unauffĂ€llig» gewesen. «Er war nicht ausreisepflichtig.» Ein Asylantrag des Mannes sei zwar abgelehnt worden. Die Landeshauptstadt MĂŒnchen habe aber eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt, der junge Mann sei auch berufstĂ€tig gewesen.
«Und auch bisherige extremistische HintergrĂŒnde sind jedenfalls nicht auf den ersten Blick so leicht erkennbar», betont Söder. Deshalb mĂŒsse jetzt weiter ermittelt werden, was der Grund fĂŒr die schlimme und furchtbare Tat sei.
«Ein bitterer Tag fĂŒr MĂŒnchen»
30 Menschen werden bei der Tat verletzt, einige von ihnen so schwer, dass Söder davon spricht, sie ringen womöglich mit dem Tod. Landesinnenminister Herrmann spricht von ein bis zwei lebensgefĂ€hrlich Verletzten. Die Opfer werden in MĂŒnchner KrankenhĂ€usern behandelt - auch in der Kinderklinik, denn unter ihnen sind laut OberbĂŒrgermeister Dieter Reiter (SPD) auch Kinder.
Die Tat ereignet sich mitten im Wahlkampfendspurt, etwas mehr als eine Woche vor der Bundestagswahl - und Politiker fordern einmal mehr ein hartes Durchgreifen. Bundeskanzler Olaf Scholz sagt: «Dieser TĂ€ter kann nicht auf irgendeine Nachsicht rechnen. Er muss bestraft werden, und er muss das Land verlassen», sagt der SPD-Politiker. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) mahnt: «Der Rechtsstaat muss maximale HĂ€rte zeigen.» AfD-Chefin Alice Weidel fordert eine «Migrationswende». GrĂŒnen-Kanzlerkandidat Habeck (GrĂŒne) zeigt sich auf X «entsetzt angesichts dieser sinnlosen Tat».
«Ein bitterer Tag fĂŒr MĂŒnchen», sagt OberbĂŒrgermeister Reiter am Tatort, «ein schwarzer Tag», schreibt er spĂ€ter auf Instagram. «Es schmerzt einfach», sagt Söder. «Im Januar ein Ereignis wie in Aschaffenburg und jetzt hier in MĂŒnchen - es reicht einfach.»Â
«Wir reagieren bei jedem solchen Anschlag besonnen, aber ich sage Ihnen auch, dass unsere Entschlossenheit wĂ€chst. Es ist nicht der erste Fall, und wer weiĂ, was noch passiert», sagt Söder am Ort des Geschehens. Neben der Aufarbeitung des Einzelfalls und der Anteilnahme mĂŒsse der Vorfall Konsequenzen nach sich ziehen. «Wir können nicht von Anschlag zu Anschlag gehen und Betroffenheit zeigen (...), sondern mĂŒssen auch tatsĂ€chlich etwas Ă€ndern.»Â
Vorfall kurz vor der Sicherheitskonferenz
Ob die Tat Auswirkungen hat auf die am Freitag nur rund zwei Kilometer vom Tatort beginnende MĂŒnchner Sicherheitskonferenz, war zunĂ€chst unklar. Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs und mehr als 100 Minister werden zu dem weltweit wichtigsten sicherheitspolitischen Expertentreffen erwartet - darunter US-VizeprĂ€sident J.D. Vance, der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Scholz.Â
Es gebe keinen Hinweis darauf, «dass es irgendeinen Zusammenhang mit der Sicherheitskonferenz gibt», sagt Innenminister Herrmann nach der Tat. Das Motiv des jungen Mannes sei noch unklar. «Im Moment gehen wir in der Tat davon aus, dass die Zielgruppe hier, dass die Opfer aus den Reihen dieser Verdi-Demonstration eher zufĂ€llig waren», sagt Herrmann. «Aber auch dem muss natĂŒrlich nachgegangen werden.»











