Jugendlicher tötet 14-JÀhrigen - und erhÀlt die Höchststrafe
28.08.2023 - 15:41:23 | dpa.deErst zeigte er den Fotografen den Mittelfinger, dann erhielt er die Höchststrafe: Nach dem Mord an einem 14-JÀhrigen hat das Landgericht Hannover einen Jugendlichen zu einer zehnjÀhrigen Jugendstrafe verurteilt. Es ist die Höchststrafe im Jugendstrafrecht.
Das Urteil in nichtöffentlicher Verhandlung fiel wegen Mordes in Tatmehrheit mit versuchter rĂ€uberischer Erpressung in zwölf FĂ€llen, wie ein Gerichtssprecher am Montag sagte. Die Jugendstrafe muss in einer sozialtherapeutischen Einrichtung erfolgen, das Gericht behĂ€lt sich vor, die Sicherungsverwahrung anzuordnen. Das heiĂt: Bleibt die Therapie des heute 15-JĂ€hrigen erfolglos, kann Sicherungsverwahrung verhĂ€ngt werden. Der Jugendliche hatte zudem in seiner Nachbarschaft Erpresserbriefe eingeworfen, in denen er drohte, den Nachbarn oder ihren Kindern «etwas anzutun». Zur BegrĂŒndung des Urteils wurde wegen des Jugendschutzes nichts bekannt - der verurteilte Deutsche war zur Tatzeit wie sein Opfer erst 14.
Stumpfe Gewalt als Todesursache
Die beiden Jungen hatten sich Ende Januar in Wunstorf nahe Hannover zum Spielen getroffen, aber einer von ihnen kam nicht nach Hause zurĂŒck. Der Vater des Jungen meldete seinen Sohn als vermisst. WĂ€hrend der Suche sagte der nun verurteilte Jugendliche der Polizei, dass er seinen Spielkameraden getötet und versteckt habe. Die Leiche des Jungen wurde auf dem BrachgelĂ€nde einer GĂ€rtnerei gefunden. Das Opfer soll nach frĂŒheren Angaben der Staatsanwaltschaft gefesselt und mit Steinen erschlagen worden sein. Bei der Obduktion wurde stumpfe Gewalt als Todesursache festgestellt. Der gewaltsame Tod des Teenagers sorgte bundesweit fĂŒr ErschĂŒtterung.
Was bedeutet das Urteil fĂŒr die Familie des Opfers? Sie sei noch immer fassungslos, aber auch erleichtert wegen des Vorbehalts der Sicherungsverwahrung - sie wollten die Sicherheit, dass nach einigen Jahren geprĂŒft werde, wie der Verurteilte sich entwickelt, sagte der Göttinger Opferanwalt und Nebenklagevertreter Steffen Hörning. Er sagte aber auch: «Es sind leider Antworten auf Fragen offen geblieben.» Damit bezog er sich auf das Motiv, zu dem ebenso wie zur UrteilsbegrĂŒndung nichts bekannt wurde.
Es gab möglicherweise noch einen MittÀter
Nach dem Urteil hoffe die Familie darauf, dass «Ruhe einkehrt», sagte Hörning. Er betonte, dass die Angehörigen des Opfers wie des TĂ€ters gut zueinander stĂŒnden. Die Familie des Opfers habe verspĂŒrt, dass die andere Familie einen «regelrechten SpieĂrutenlauf» erlebt habe: «Es geht nicht, dass man eine ganze Familie in Sippenhaft nimmt.» Daher habe es einen gemeinsamen Spaziergang beider Familien gegeben. Hörning nannte den Fall «sehr auĂergewöhnlich». Möglicherweise gab es einen MittĂ€ter: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hannover gibt es Hinweise darauf, dass ein weiterer Jugendlicher beteiligt gewesen sein könnte. Die Ermittlungen laufen.
Verteidiger Dogukan Isik sagte, sein jugendlicher Mandant habe das Urteil gefasst aufgenommen, ihm sei bewusst gewesen, dass ihm die Höchststrafe drohe. Beide Familien seien an dem Fall «zerbrochen», seien aber gemeinsam angereist und unterstĂŒtzten sich. Jetzt mĂŒsse der 15-JĂ€hrige «die Chance nutzen», die ihm die Therapie biete. Er sei reuig, habe sich fĂŒr die Tat entschuldigt - aber nicht in dem Umfang wie vom Gericht erwartet.
Vor dem Urteil gab der 15-JĂ€hrige sich jedoch eher kaltschnĂ€uzig: Als ein Gefangenentransporter der Jugendanstalt Hameln ihn um 10.19 Uhr zur UrteilsverkĂŒndung brachte, war hinter der Scheibe schemenhaft zu erkennen, wie jemand den Fotografen den Mittelfinger zeigte. Gut eine Stunde spĂ€ter war er verurteilt.
MitschĂŒler werden psychologisch betreut
Nach den Worten von Kerstin GĂ€fgen-Track, Leiterin der Bildungsabteilung im Landeskirchenamt Hannover, ist das Urteil fĂŒr die Schule in Wunstorf «ein nĂ€chster wichtiger Schritt, um mit der furchtbaren Tat und damit mit dem Tod des SchĂŒlers und MitschĂŒlers umzugehen». Es mache die Tat nicht ungeschehen, aber die Konsequenzen sichtbar. Sie kĂŒndigte an: «Wir werden die besondere Begleitung, speziell des Jahrgangs, dem Opfer und TĂ€ter angehört haben, durch externe Fachleute und durch schulinterne Angebote weiter fortsetzen.»
Am Fundort der Leiche des 14-jÀhrigen Jungen steht zwischen BÀumen noch immer ein kleiner, aus Steinplatten gebauter Tisch, fast ein Altar. Darauf: ein verblichenes Stofftier, eine Kerze und flache Steine, einer ist mit einem Engel bemalt, auf einem anderen steht: «Am Ende des Regenbogens sehen wir uns wieder.»
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