Kinder, Baden-WĂŒrttemberg

Missbrauch im Erlebnisbad: Der Fall und die Folgen

Veröffentlicht am: 04.03.2026 um 14:52 Uhr | dpa.de

Ein MĂ€dchen wird aus dem Erlebnisbad Rulantica in SĂŒdbaden gelockt und missbraucht. Nun ist der TĂ€ter verurteilt worden. ZurĂŒck bleiben AlbtrĂ€ume und viel Kritik am grĂ¶ĂŸten deutschen Freizeitpark.

  • Der Richter sprach in seiner UrteilsbegrĂŒndung von einer «sehr, sehr heftigen Tat». (Archivbild) - Bild: Martin Oversohl/dpa
    Der Richter sprach in seiner UrteilsbegrĂŒndung von einer «sehr, sehr heftigen Tat». (Archivbild) - Bild: Martin Oversohl/dpa
  • Die Eltern des MĂ€dchens wollen weiterhin mit dem Europa-Park ĂŒber eine bessere Sicherheit sprechen. (Archivbild) - Bild: Philipp von Ditfurth/dpa
    Die Eltern des MĂ€dchens wollen weiterhin mit dem Europa-Park ĂŒber eine bessere Sicherheit sprechen. (Archivbild) - Bild: Philipp von Ditfurth/dpa
Der Richter sprach in seiner UrteilsbegrĂŒndung von einer «sehr, sehr heftigen Tat». (Archivbild) - Bild: Martin Oversohl/dpa Die Eltern des MĂ€dchens wollen weiterhin mit dem Europa-Park ĂŒber eine bessere Sicherheit sprechen. (Archivbild) - Bild: Philipp von Ditfurth/dpa

Hier können wohl alle Eltern mitfĂŒhlen: Im Freibad ist das eigene Kind plötzlich nicht mehr zu sehen. Es folgt eine hektische und immer verzweifeltere Suche zwischen Becken, Rutschen und LiegestĂŒhlen, der Name des Kindes wird gerufen. Mit jeder Minute, die ohne ein Lebenszeichen vergeht, wĂ€chst die Angst – und die quĂ€lende Frage drĂ€ngt sich auf, ob in diesem Augenblick etwas Schlimmes geschieht.

So muss es den Eltern des damals sechs Jahre alten MĂ€dchens gegangen sein, das im August 2025 aus dem Wasserpark Rulantica beim Europa-Park im sĂŒdbadischen Rust verschwand. Der Mann, der es nach eigener Aussage aus dem Schwimmbad gelockt und sexuell missbraucht hat, ist nun vom Landgericht in Freiburg zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt worden. «Eine sehr, sehr heftige Tat, die ich so als Richter noch nicht erlebt habe», sagte der sichtlich betroffene Kammervorsitzende in seiner UrteilsbegrĂŒndung. 

Eltern waren nur wenige Meter entfernt 

Der Fall sorgte im vergangenen Sommer fĂŒr bundesweites Aufsehen: Der 31-JĂ€hrige, der unter anderem wegen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes verurteilt wurde, hat eingerĂ€umt, das MĂ€dchen im Bad angesprochen und ihm Hilfe angeboten zu haben - wĂ€hrend die Eltern mit dem zweiten, noch jĂŒngeren Kind nur wenige Meter entfernt waren. Dann fĂŒhrte er das MĂ€dchen laut Gericht aus dem Bad und in ein nahes Maisfeld, um es zu missbrauchen. 

Als es sich dort immer wieder wehrte, warf es der Mann in ein GebĂŒsch an einer Straße und ließ es allein zurĂŒck. Erst Stunden spĂ€ter wurde das MĂ€dchen mehrere Kilometer vom Bad entfernt entdeckt – verletzt, verĂ€ngstigt und nur mit Bikini und Badeschlappen bekleidet. 

Was der Angeklagte einrÀumt 

Vor dem Landgericht hatte der RumĂ€ne zum Prozessauftakt die VorwĂŒrfe eingerĂ€umt. «Ich bereue sehr, dass das geschehen ist. Ich kann mir auch nicht erklĂ€ren, wie es dazu kommen konnte», hatte er ĂŒber seinen Anwalt erklĂ€ren lassen. Er habe vor der Tat Drogen genommen und im Schwimmbad viel Alkohol getrunken. Nach dem Missbrauch war der Mann untergetaucht und eine Woche spĂ€ter in seiner osteuropĂ€ischen Heimat festgenommen worden. 

Was die Eltern kritisierten 

Im Prozessverlauf hatte der Vater des MÀdchens den Europa-Park als Betreiber des Bades wiederholt scharf kritisiert. Gleich mehrfach hÀtten die Eltern nach dem Verschwinden ihrer jungen Tochter an jenem August-Abend das Personal des Bades um Hilfe gebeten - erfolglos, sagte der Vater im Prozess aus. Auf die Bitte, die Polizei zu rufen, habe er nur die Antwort bekommen: «Das können Sie selbst machen.» Auch die Security und die Kasse am Ausgang wurden nach Aussage der Eltern nicht alarmiert. 

HĂ€tte man frĂŒhzeitig reagiert – so der Vorwurf der Eltern –, wĂ€re das MĂ€dchen wahrscheinlich noch entdeckt worden, denn der Angeklagte soll das Bad mit seinem Opfer erst nach einer Stunde verlassen haben. 

Was der Europa-Park geÀndert hat

Der Europa-Park teilte bislang auf Anfrage mit, man Ă€ußere sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren. Nach der Tat seien die Sicherheitsvorkehrungen verschĂ€rft worden. Unter anderem soll ein neues Armband in Rulantica Eintritt und Austritt ermöglichen, das Schließfach kann damit genutzt und es kann bargeldlos bezahlt werden. 

«Optional lassen sich mehrere ArmbĂ€nder im Familienverbund koppeln, so dass der Auslass fĂŒr MinderjĂ€hrige nur möglich ist, wenn zuvor ein Erwachsener aus derselben Buchung das Drehkreuz passiert hat», sagte ein Sprecher. 

Videoaufzeichnungen aus dem Bereich des Rulantica-Ausgangs zeigen, dass der Angeklagte das Bad mit dem Kind völlig ungehindert verlassen konnte. Er hatte dem MĂ€dchen sein Band umgelegt und behauptet, das eigene verloren zu haben. Eine Mitarbeiterin soll ihm nach Angaben von Anwalt Thorsten Schulte-GĂŒnne, der das MĂ€dchen und seine Eltern vertritt, sogar bei Problemen mit dem Drehkreuz assistiert haben. «So wĂ€re auch die neue Technik ausgehebelt worden», sagte er.

Wie Eltern und Tochter noch heute leiden 

FĂŒr die Eltern ist der Fall noch lange nicht vorbei. «Sie empfinden es so, dass ihre Tochter und sie lebenslang bestraft sind», sagte ihr Anwalt. «Da ist noch eine ganze Menge therapeutische Hilfe notwendig. Das MĂ€dchen sei «als Zufallsopfer aus dem Leben gerissen worden». 

Auch der Richter stellte heraus: «Die GeschĂ€digte leidet bis heute erheblich unter der Tat.» FrĂŒher lebensfroh und zutraulich, sei sie nun ausgeprĂ€gt Ă€ngstlich, habe ihre kindliche Unbeschwertheit verloren. Der Vater sei seit der Tat arbeitsunfĂ€hig, die Familie habe starke finanzielle Sorgen.

Wird es GesprÀche mit dem Europa-Park geben?

Nach Angaben von Anwalt Schulte-GĂŒnne sind Vater und Mutter weiter zu GesprĂ€chen mit dem Europa-Park bereit. Ziel mĂŒsse es sein, das Sicherheitskonzept zu verbessern. Es solle um klare Alarmketten ebenso gehen wie um geschultes Personal und verbindliche Reaktionen. Der Anwalt kritisierte zudem die EigentĂŒmer des Parks: «Es wĂ€re zu wĂŒnschen, dass sich ihre persönliche Betroffenheit ĂŒber die mögliche Furcht vor einem prozessualen Risiko hinwegsetzt», sagte er.

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