Sommer, Sand und Streik - Italiens StrandbÀder machen dicht
09.08.2024 - 04:45:35Der August ist seit jeher der Monat, in dem sie in Ostia das meiste Geld verdienen. Im «Tibidabo», einem der schönen alten BÀder am Stadtstrand von Rom, eröffnet 1935, hÀngen sie am KassenhÀuschen oft schon vormittags das Schild «Ombrelloni essauriti» aus: keine Sonnenschirme mehr zu haben, alles bis zum Abend ausgebucht. In Italien empfiehlt es sich in diesen Tagen, gleich morgens um neun am Meer zu sein. Gut möglich allerdings, dass das an diesem Freitag auch nichts bringt.
Mitten in der Hauptsaison wollen die PĂ€chter von vielen der landesweit 7.200 StrandbĂ€der, den stabilimenti balneari, erstmals in den Streik treten: zunĂ€chst einmal nur morgens fĂŒr zweieinhalb Stunden. Aber wenn sich die Regierung der rechten MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni nicht bewegt, sollen die BĂ€der Mitte August, immer noch in der Ferienzeit, einen halben Tag geschlossen bleiben und Ende des Monats schlieĂlich einen ganzen. Hintergrund ist eine EU-Richtlinie, um deren Umsetzung sich Italien seit bald 20 Jahren herummogelt.
Auf AuslĂ€nder mit HandtĂŒchern blickt man gern herab
FĂŒr die Millionen Urlauber an den mehr als 7.500 Kilometern MittelmeerkĂŒste kĂ€me solch ein Streik nun nicht unbedingt einer Katastrophe gleich. Aber eine Pein wĂ€re es fĂŒr viele schon. Die Strandliege (italienisch: lettino) und der Sonnenschirm (ombrellone) gehören gewissermaĂen zu den nationalen KulturgĂŒtern. Auf AuslĂ€nder, die sich am Strand einfach nur mit einem Handtuch auf Körner oder Steine fallen lassen, blickt man hier gern von oben herab - und wenn es nur aus 20 Zentimetern Höhe ist.Â
Die bequemere Lage hat allerdings ihren Preis. Im landesweiten Durchschnitt lag die Tagesmiete fĂŒr zwei Liegen und Sonnenschirm vergangenes Jahr nach Angaben der nationalen Beobachtungsstelle fĂŒr das Badewesen - die gibt es - bei 30 Euro. Nach oben sind den Tarifen kaum Grenzen gesetzt: In Beach Clubs in der Toskana oder an der AmalfikĂŒste werden auch mehrere Hundert Euro gezahlt. Viele Familien sind mit ihren stabilimenti schwerreich geworden.
StrÀnde gehören eigentlich dem Staat
Dabei gehört Italiens KĂŒste eigentlich dem Staat - also allen. Jedoch ist mehr als die HĂ€lfte der StrĂ€nde an Privatleute verpachtet, oft schon seit Jahrzehnten, oft unter der Hand und oft auch zu Spottpreisen. Manche nennen das Vetternwirtschaft, andere mafiöse Strukturen.Â
Im Durchschnitt zahlt ein PĂ€chter fĂŒr die Konzession etwa 8.200 Euro pro Jahr. Die Einnahmen liegen um ein Vielfaches höher. Das Centrum fĂŒr EuropĂ€ische Politik (CEP) ermittelte zuletzt einen Jahresumsatz von durchschnittlich 260.000 Euro pro Bad. Andere SchĂ€tzungen reichen weit darĂŒber hinaus - zumal vermutlich einiges von dem Strandgeld an der Steuer vorbeigeschleust wird. Die Zeitung «Corriere della Sera» schĂ€tzt den Jahresumsatz der gesamten Branche auf bis zu 30 Milliarden Euro.
Die meisten Italiener haben sich damit abgefunden, dass man fĂŒr die Zeit am Meer gehörig bezahlen muss. «Ich kenne das gar nicht anders», sagt Giulia Toninelli, eine Beamtin aus Rom, auf ihrer Liege im «Tibidabo». «Hier war ich mit meinen Eltern, jetzt mit meinen Kindern. Das hat halt seinen Preis.» Allerdings gibt es auch manche, die mit dem althergebrachten System nicht mehr einverstanden sind. Die Schriftstellerin Manuela Salvi wettert ĂŒber «StrĂ€nde wie Legebatterien, in denen die HĂŒhner fĂŒr ihren Aufenthalt auch noch zahlen mĂŒssen». Bislang halten sich die Proteste jedoch in Grenzen.
PĂ€chterfamilien wollen PfrĂŒnde gegen EU-Richtlinie verteidigen
Der Status Quo ist auf andere Weise in Gefahr: durch eine Richtlinie der EU, mit deren Umsetzung eigentlich schon 2006 hĂ€tte begonnen werden mĂŒssen. Demnach mĂŒssen die staatlichen Konzessionen fĂŒr Strandabschnitte regelmĂ€Ăig neu ausgeschrieben werden, weil es sich um öffentlichen Grund handelt - was von den verschiedensten Regierungen in Rom jedoch immer wieder hinausgeschoben wurde.Â
Eines der Argumente: Man mĂŒsse verhindern, dass kĂŒnftig am Strand statt italienischer Familien auslĂ€ndische Konzerne das Sagen haben - wie zum Beispiel im Golf von Triest, wo sich vor zwei Jahren der Energy-Drink-Multi Red Bull den Zuschlag fĂŒr 120.000 Quadratmeter sicherte. Im Januar 2025 soll jetzt aber doch landesweit mit Ausschreibungen begonnen werden.
EnttĂ€uschung ĂŒber MinisterprĂ€sidentin Meloni
Zu den gröĂten Kritikern der EU-Richtlinie gehörte, als sie noch in der Opposition saĂ, die heutige MinisterprĂ€sidentin Meloni. Umso tiefer ist bei den Strandbad-Betreibern jetzt die EnttĂ€uschung. Der PrĂ€sident des Branchenverbandes Sindacato Italiano Balneari, Antonio Capacchione, klagt: «Die Regierung hat seit zwei Jahren ĂŒberhaupt nichts unternommen. Wir haben acht Briefe mit der Bitte um ein Treffen geschickt - ohne Antwort. Was auĂer Streik können wir sonst noch unternehmen?»
Deshalb nun also der erste «sciopero degli ombrelloni» («Streik der Sonnenschirme») in Italiens Geschichte - auch wenn einiges noch im Unklaren liegt. Fest steht, dass die KassenhĂ€uschen tatsĂ€chlich erst spĂ€ter am Vormittag öffnen sollen. Möglicherweise dĂŒrfen StammgĂ€ste Liege und Sonnenschirm aber eigenhĂ€ndig aufklappen.
Zudem kĂŒndigten einige EigentĂŒmer, die in einem anderen Verband organisiert sind, am Donnerstag an, beim Streik ĂŒberhaupt nicht mitzumachen: Man könne die Kundschaft ja nicht fĂŒr BrĂŒssel oder Rom bestrafen. So oder so: Am Preis fĂŒr Liege und Sonnenschirm Ă€ndert sich an diesem Freitag nichts. Es gilt ĂŒberall der ĂŒbliche Tagestarif.





