Bewegend: Terézia Moras «Muna oder die HÀlfte des Lebens»
25.08.2023 - 17:20:59Und dann hat ihr Fahrrad auch noch einen Platten! Im FrĂŒhling 1989 gerĂ€t das Leben der Abiturientin Muna aus einer Kleinstadt in der DDR komplett aus den Fugen. Ihre Mutter ist Schauspielerin und Alkoholikerin, der Vater schon vor Jahren gestorben.
Muna will raus aus dem Mief, vielleicht Journalistin werden oder ans Theater gehen. Alles ist in Bewegung in diesen Monaten: Der Notarzt holt die Mutter, Muna schafft ihr Abitur alleine und lernt dazwischen den Mann kennen, der ihr Leben bestimmen wird: Magnus, Fotograf und Französischlehrer, eine kurze Amour fou. Die Mauer fÀllt, und der Angebetete kommt bei einer Radtour in Ungarn abhanden.
Mit «Muna oder die HĂ€lfte des Lebens» steht die 1971 in Ungarn geborene, seit 1990 in Berlin lebende BuchpreistrĂ€gerin TerĂ©zia Mora wieder auf der Longlist fĂŒr den Deutschen Buchpreis, der Mitte Oktober verliehen wird. Sie hat ihn bereits 2013 fĂŒr «Das Ungeheuer» gewonnen.
«Im Wirbel» nennt sie eines der ersten Kapitel ihres Romans, der fĂŒr das GefĂŒhlschaos der Ich-ErzĂ€hlerin genau die richtige Form findet: Es geht stĂ€ndig vor und zurĂŒck, die Zeit scheint verrĂŒckt zu spielen. Nach 70 Seiten haushoher Euphorie ist Muna komplett verliebt, aber ihr unsteter Liebhaber ist verschwunden. Vorbeigezogen wie eine Gewitterfront.
Sieben Jahre lang wird Muna warten mĂŒssen, bis sie ihren Schicksalsmann endlich zufĂ€llig wiedersehen wird. In der Zwischenzeit beginnt sie ein geisteswissenschaftliches Studium in Berlin, geht mit einem Stipendium nach London, wo sie als Babysitterin fĂŒr ein merkwĂŒrdiges PĂ€rchen arbeitet. In Wien hĂ€lt sie sich mit kleinen Uni-Jobs ĂŒber Wasser. So allmĂ€hlich etabliert sich die begabte Muna auch mit Hilfe von Mentoren in der akademischen Welt.
Ihre MĂ€nnergeschichten sind dabei eher unerfreulich, aber sie wartet ja auch nur auf den einen. Magnus trifft sie schlieĂlich bei einer TheaterauffĂŒhrung in Berlin zufĂ€llig wieder: Die beiden ziehen zusammen, leben aber die meiste Zeit in verschiedenen StĂ€dten, und beide mĂŒssen im knallharten Konkurrenzkampf um die raren Jobs ĂŒberleben.
Und der wiedergefundene Magnus bleibt distanziert, ist oft schroff, manchmal auch liebevoll. «Du solltest dich nicht immer so in Dinge hineinsteigern», rĂ€t er seiner Freundin, romantische Liebe sei nur eine Illusion. Dann gibt es wieder Streit, ein erster Schlag ins Gesicht, oft ist auch Alkohol mit im Spiel. Muna verklĂ€rt ihren Freund weiter, er sei wie ein «Walnussbaum in der Nacht», sagt sie einmal. Die Schuld fĂŒr seine Gewalt sucht sie bei sich. Wenn sie sich bessere, so ihr Glaube, hören die Misshandlungen irgendwann auf.
Ganz subtil entfaltet TerĂ©zia Mora dieses fatale Denkmuster, deckt einen Mechanismus auf, den sie selbst im Interview auf der Verlagshomepage als «internalisierte Misogynie» beschreibt. Aber ihr vielstimmiger, sich ĂŒber 20 Jahre erstreckender Entwicklungsroman ist alles andere als eine klinische Versuchsanordnung. Diese ErzĂ€hlerin ist eine intelligente, lebenshungrige, humorbegabte Frau, die ihre Freundschaften pflegt, das Leben liebt und ehrgeizig ist. Wenn da nur dieser Schatten nicht wĂ€re, den sie selbst immer wieder heraufbeschwört.
In unzĂ€hligen nicht abgeschickten Briefen, in TagtrĂ€umen ĂŒber Dante und die ferne Geliebte Laura und Erwartungen an die Zukunft fantasiert sich Muna ihre Beziehung zurecht. Aber dann beginnt sie, kurze Geschichten zu schreiben, um sich selbst auf den Grund zu kommen. Da steht plötzlich ein kafkaesk anmutender Text ĂŒber das Ausgesperrt-Sein, und der erklĂ€rt mehr als jede Paar-Psychologie. Das ist schon faszinierend und sehr gekonnt gemacht, und zudem ist dieser lange nachklingende Roman sehr gut lesbar.
Das Schreiben wird fĂŒr Muna der SchlĂŒssel zur KlĂ€rung ihrer Existenz, aber dies geschieht immer nur phasenweise. Dazwischen fantasiert sie von kĂŒnstlicher Befruchtung und einem Kind, um damit ihren Liebhaber zurĂŒckzuholen. Bis zum bitteren Ende bleibt der dunkle Fleck Magnus fĂŒr ihr Seelenleben maĂgeblich, auch wenn der reale Mann lĂ€ngst nur noch sporadisch auftaucht. Ganz ohne falsche Tröstungen und sehr lakonisch, ganz im Sinne von Friedrich Hölderlins bitterem Gedicht «HĂ€lfte des Lebens», schlieĂt sich auch bei TerĂ©zia Mora der Teufelskreis: «Ich habe die HĂ€lfte meines Lebens noch vor mir. Im statistischen Mittel».
Terézia Mora, Muna oder die HÀlfte des Lebens, erscheint am 30. August im Lucherhand Verlag, 441 S., 25 Euro, ISBN: 978-3-630-87496-8.


