Anderssein als Chance - wie Marcel Friederich zu sich fand
23.01.2026 - 04:00:40Den groĂen Wendepunkt in seinem Leben leitete Marcel Friederich vor rund anderthalb Jahren ein. Der heute 37 Jahre alte Mainzer und gelernte Sportjournalist war als Leiter der externen Unternehmenskommunikation bei der Deutschen FuĂball-Liga (DFL) in seiner Branche ziemlich weit oben angekommen. Er hatte Stationen beim FC Schalke 04 und bei RB Leipzig hinter sich. Er war Chefredakteur der Zeitschrift «BIG â Basketball in Deutschland». Dann entschied er sich fĂŒr den Ausstieg aus dem Journalismus und stellte quasi seine Krankheit in den Mittelpunkt seines Tuns.Â
Friederich lebt seit der Geburt mit dem Moebius-Syndrom, einer seltenen neurologischen Erkrankung, bei der Gesichtsnerven gelĂ€hmt sind. Das fĂŒhrt zum Beispiel dazu, dass sich bei ihm beim Lachen die linke GesichtshĂ€lfte nicht mitbewegt und ein schiefer Gesichtsausdruck entsteht. Lange Jahre fĂŒhlte er sich weniger wert, glaubte, noch mehr leisten zu mĂŒssen als Menschen ohne eine BeeintrĂ€chtigung, wie er erzĂ€hlt. «Ich habe das immer wie einen 100-Meter-Lauf des Lebens gesehen, bei dem ich mit 20 Metern RĂŒckstand starte.»
Strandurlaub in Griechenland legte Schalter um
Er habe im Job nach einem geschafften Schritt immer schon an den nĂ€chsten Schritt gedacht, sei rastlos gewesen. Wenn er an freien Tagen weggefahren sei, habe er ĂŒberlegt, welche Geschichte er aus dem Urlaub mitbringen könne. Als er vor einigen Jahren seine Partnerin kennengelernt habe, habe die einen Strandurlaub in Griechenland gebucht, sozusagen geplantes Nichtstun. Dort habe er viel ĂŒber sich nachgedacht, das habe einen Schalter umgelegt.Â
Inzwischen hat sich Friederichs Blick auf seine Krankheit stark geĂ€ndert - wie auch sein Leben drumherum. Erst vor drei Jahren sprach er das erste Mal ĂŒber sein Leben mit Behinderung, wie er erzĂ€hlt - und zwar in dem Podcast «Moebius Syndrom - Lachen mit dem Herzen» von Constanze Weigel, die selbst Betroffene ist. «Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich ĂŒberhaupt nicht, welche Kraft in dem Thema steckt», sagt Friederich rĂŒckblickend. Eine halbe Million Menschen hĂ€tten die Podcast-Folge gehört, viele hĂ€tten ihm geschrieben.Â
Friederich wollte mit seinem Leben ins Reine kommen
Damals sei der Wunsch immer stĂ€rker geworden, mit seinem eigenen Leben ins Reine kommen zu wollen. «Ich wollte ein bisschen mehr reflektieren, weil sich in dem Moment viele TrĂ€ume erfĂŒllt hatten», erzĂ€hlt er. Er habe seinen vermeintlichen Traumjob bei der in Frankfurt sitzenden DFL gehabt, habe dadurch nach Mainz zurĂŒckkehren können und seine Partnerin getroffen.Â
Zuvor habe er sich immer nur als Sport- und Medienexperte definiert, sagt Friederich. «Wer der Mensch Marcel dahinter war, wusste ich nicht so wirklich.» Mit reichlich Vorlauf habe er dann seinen Ausstieg bei der DFL zum Jahresende 2024 vereinbart, sei ins Ungewisse gesprungen - bisher mit Erfolg, wie er sagt.Â
Sein Buch «Mutmacher-Menschen: SchrĂ€g. Stark. AuĂergewöhnlich» erschien im November vergangenen Jahres. Friederich hĂ€lt Lesungen, gibt Workshops, hĂ€lt VortrĂ€ge in Unternehmen, tritt auf Personaler-Messen auf. «Das ist alles noch surreal, aber zeigt: Es ist ein Bedarf da fĂŒr das Thema, respektvoll miteinander umzugehen.»Â
Verein: AufklÀrung ist wichtig
Insgesamt sind in Deutschland dem Verein Moebius Syndrom Deutschland zufolge rund 500 von der seltenen Krankheit betroffene Menschen bekannt. Es sei jedoch von einer Dunkelziffer im unteren sechsstelligen Bereich auszugehen. Oft werde die Erkrankung nicht erkannt, sie sei auch nicht meldepflichtig. Menschen mit Moebius-Syndrom wĂŒrden oft unterschĂ€tzt und stigmatisiert, heiĂt es von dem Verein. Entsprechend wichtig sei AufklĂ€rung.Â
Wenn Betroffene wie Friederich mit seinem neuen Buch oder Constanze Weigel mit ihrem Podcast selbstbewusst und gestĂ€rkt an die Ăffentlichkeit gingen, sei das Ă€uĂerst wertvoll, sagt Vereinsvorstand Falco Schleier. Dies biete Einblicke in das Seelenleben betroffener Menschen und mache erfahrbar, was es bedeute, ohne Gesichtsmimik zu leben und zu kommunizieren.
Das eigene Gesicht als Chance fĂŒr Aufmerksamkeit
Friederich geht es gar nicht mal nur darum, ĂŒber das Moebius-Syndrom zu informieren und dafĂŒr zu sensibilisieren. Ihn bewege das ĂŒbergeordnete Thema, wie Menschen miteinander umgehen. «Mein Gesicht ist ein schöner AufhĂ€nger, viele bleiben an ihm hĂ€ngen», sagt er. «Sie gucken mir ins Gesicht und fragen: "Was ist das fĂŒr ein schrĂ€ger Typ?"» Er sehe das mittlerweile als Chance, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
«Wir haben alle LebenspĂ€ckchen zu tragen, egal ob sichtbar oder nicht», sagt der gelernte Sportjournalist. Er wolle seinen Weg aufzeigen, wie er nach und nach damit umzugehen gelernt habe. Gerade weil er seine Krankheit so lange unter dem Deckmantel gehalten habe, habe der Schritt raus fĂŒr ihn viele Fesseln gelöst. «Ich dachte, der Sport- und Medienexperte Marcel ist angesehen und fĂŒhrt das beste Leben», erinnert er sich. Freiheit habe ihm aber erst gebracht, ĂŒber den Menschen Marcel zu sprechen.Â
Eines seiner Hauptziele sei nun, mit seinem Wirken Menschen zu bestĂ€rken, sich mit sich selbst zu beschĂ€ftigen. Damit einher gehe das Ziel, einen Beitrag zur StĂ€rkung der Gesellschaft, der Demokratie in Zeiten von viel Populismus und NegativitĂ€t zu leisten. Das klinge so groĂ, er habe aber bei sich im Kleinen gesehen, dass er in den Zeiten, in denen er mit sich nicht im Frieden gewesen sei, auch nicht so gut mit anderen umgegangen sei.Â
Begegnung mit HitzlspergerÂ
Sehr bewegt habe ihn die Geschichte von Ex-FuĂballprofi Thomas Hitzlsperger, der nach dem Ende seiner Karriere seine HomosexualitĂ€t öffentlich gemacht hatte. Hitzlsperger habe ihm erzĂ€hlt, dass er in seiner Zeit des Verheimlichens regelrecht implodiert sei. Und Hitzlsperger habe ihm auch bewusst gemacht, dass dessen Anderssein nicht anzusehen sei - im Unterschied zu einer LĂ€hmung des Gesichts. «Die nicht sichtbaren PĂ€ckchen sind hĂ€ufig die schwerwiegenderen, weil man sich nicht traut, darĂŒber zu sprechen», sagt Friederich.Â
Wenn er mit seiner jetzigen Arbeit versuche, BerĂŒhrungsĂ€ngste abzubauen, Mut zu machen und fĂŒr RĂŒcksicht zu werben, wolle er das nie mit erhobenem Zeigefinger tun, betont der 37-JĂ€hrige - «sondern mit positivem Spirit, auch mit ein bisschen Selbstironie». Auch deswegen verteilt er bei Veranstaltungen Aufkleber mit einem Smiley mit schiefem Grinsen. Das Thema Inklusion mĂŒsse ein StĂŒckweit aus der Jammerecke kommen, findet er.


