Studie zu Geisterfahrern: Software könnte Fahrer stoppen
23.08.2023 - 18:52:27Mit einem lauten Knall prallen die beiden Autos aufeinander, das Glas der Frontscheiben verteilt sich in Tausenden von Teilen an der Unfallstelle, Lack splittert. Die Motorblöcke in beiden Fahrzeugen sind geschrumpft. Wer hier auf dem Fahrersitz gesessen hat, der hatte keine Chance - trotz ausgelöstem Airbag. So kann ein Unfall ausgehen, der passiert, wenn ein Geisterfahrer auf der Autobahn mit seinem Fahrzeug gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug prallt.
«Diese extreme Belastung fĂŒr den Körper ist ganz sicher lebensbedrohlich, wenn nicht sogar tödlich», sagt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) Siegfried Brockmann.
Viele Senioren unter den Geisterfahrern
Bei der Vorstellung einer Studie zum Thema Geisterfahrer hat Brockmann in MĂŒnster am Mittwoch bei einem Crashtest mit Tempo 100 zwei Autos aufeinanderprallen lassen. Das Ergebnis ist erschreckend. Ăhnlich erschreckend findet Brockmann sein Studienergebnis.
Falschfahrten auf Autobahnen werden demnach in vielen FĂ€llen bewusst begonnen. Bei einem Drittel der dabei rund 220 untersuchten FĂ€lle haben die Fahrer im flieĂenden Verkehr gewendet. Bei ĂŒber 40 Prozent der in der Studie beleuchteten Falschfahrten sind die Geisterfahrer Ă€lter als 75 Jahre, wie Brockmann erlĂ€utert. Bei den Senioren spielt nach seiner Schilderung oft Verwirrtheit und Demenz eine Rolle, wĂ€hrend bei den jungen Geisterfahrern Selbsttötungsgedanken oder die Flucht vor der Polizei der Auslöser seien.
Die Beteiligung der Ălteren macht Brockmann besonders Sorge. «Das sollte einem zu denken geben. Wir mĂŒssen ĂŒber Senioren und Hochbetagte nochmals nachdenken», sagte der Wissenschaftler.
Brockmann und sein Team haben fĂŒr die Studie die Schadensakten der Versicherer, Unfallinformationen der Polizei und Medienberichte ausgewertet. Zu 80 Prozent stammen die rund 220 FĂ€lle auf deutschen Autobahnen, die nun untersucht wurden, aus dem Zeitraum ab 2015. Einen Jahresvergleich, also eine Aussage dazu, ob Geisterfahrten zunehmen, ist nicht möglich. Die amtlichen Unfallstatistiken sagen zum Thema Geisterfahrer laut Brockmann praktisch nichts aus. Hier werden auch UnfĂ€lle innerorts und zum Beispiel mit Radfahrern als Falschfahrer ausgewiesen.
Die Sofware soll den Geisterfahrer stoppen
Die wichtigsten Erkenntnisse: Nach zwei Kilometern ist rund die HĂ€lfte der Falschfahrten beendet, Geisterfahrer sind fast ausschlieĂlich in Autos unterwegs, oft sitzen Ă€ltere Autofahrer am Steuer, bei ĂŒber der HĂ€lfte fahren die Geisterfahrer falsch an Anschlussstellen (41 Prozent) oder RaststĂ€tten (11) auf, und zwei Drittel der Geisterfahrer fahren auf der linken Spur aus Sicht des Verkehrs, der richtig unterwegs ist. Der Anteil der alkoholisierten Falschfahrer ist bei den jĂŒngeren (42,1 Prozent) höher als bei den Senioren (6).
Brockmann setzt in der Zukunft auf die Software in den Autos. «Das Fahrzeug mĂŒsste selbst einbremsen, wenn die Software merkt, dass der Fahrer falsch auf die Autobahn fĂ€hrt», erklĂ€rt der Wissenschaftler. «Stopp-HĂ€nde» an den Auffahrten wie in Ăsterreich wĂŒrden zwar nicht schaden. Bei bewussten Falschfahrten oder Demenz seien sie aber unwirksam.
Auch denkbar seien Warnungen, die etwa mittels Autosoftware ĂŒbers Cockpit ausgespielt werden oder ĂŒber eine App auf dem Handy. Hier gibt es nach Angaben von Brockmann bereits vereinzelte Lösungen. Er sieht hier nur den Nachteil, dass bei zu hĂ€ufigen Warnungen vor Falschfahrern die Autofahrer abstumpfen und die Warnungen nicht mehr ernstnehmen.
Die ausgesprochenen Warnungen vor Falschfahrern ĂŒbers Radio hĂ€lt Brockmann fĂŒr sinnvoll. ĂuĂerst rechts zu fahren und nicht zu ĂŒberholen sei der richtige Ratschlag. Der Wissenschaftler rĂ€t noch zusĂ€tzlich dazu, das eigene Tempo auf höchsten 80 Stundenkilometer zu drosseln. Das wĂŒrde auch die anderen Autofahrer warnen sowie verlangsamen und das eigene Risiko bei einem ZusammenstoĂ etwas verringern.


