Beisetzung von Urnen mit falscher Asche - «Supergau»
19.07.2023 - 16:06:05Mit Sand, Dreck oder fremder Asche: Ein Bestatter soll aus ZeitgrĂŒnden mehrere Urnen anderweitig gefĂŒllt und beigesetzt haben - vor dem Landgericht Oldenburg hat der Angeklagte die VorwĂŒrfe erneut abgestritten. «Es ist völlig absurd», sagte der 39-JĂ€hrige zu Beginn des Berufungsverfahrens am Mittwoch. Ein Amtsgericht hatte den Angeklagten im August 2021 wegen Anstiftung zur Störung der Totenruhe und Beihilfe zur Störung der Totenruhe zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf BewĂ€hrung verurteilt. Gegen das Urteil war der Mann vorgegangen.
«Das, was da passiert ist, das ist der Supergau», sagte einer der Inhaber des Bestattungsunternehmens in Bad Zwischenahn westlich von Oldenburg vor Gericht. Erst nach der Entlassung des Angeklagten hÀtten er und sein Bruder die Asche entdeckt - in einem Schrank, auf einem Schreibtisch, im Sarglager. «Es taucht plötzlich etwas auf, das lÀngst unter der Erde hÀtte sein sollen.»
Und als die betroffenen GrĂ€ber zur Untersuchung exhumiert wurden, sei in einer der Urnen noch eine vierte falsch zugeordnete Aschekapsel aufgetaucht, berichtete sein Bruder. «Der Schrecken war schon groĂ genug.» Ihre Entdeckung hĂ€tten sie erstmal den betroffenen Familien erklĂ€ren mĂŒssen, zwei Angestellte hĂ€tten den Druck nicht mehr ausgehalten und das Unternehmen verlassen.
Insgesamt vier FĂ€lle
Die Taten ereigneten sich nach Angaben des Gerichts im Dezember 2016, im April und Mai 2017 sowie im April 2019. Demnach geht es um vier FĂ€lle. Der Angeklagte soll als einer der GeschĂ€ftsfĂŒhrer die Beratung ĂŒbernommen haben: GesprĂ€che mit den Angehörigen, die Organisation von Blumenschmuck, Absprachen mit dem Krematorium, der Friedhofsverwaltung und den Pfarreien. Alles Arbeiten am Schreibtisch, auf dem Friedhof sei er nur selten gewesen.
Doch in den betroffenen FĂ€llen sei die Asche nicht rechtzeitig vor der geplanten Beisetzung vom Krematorium zurĂŒckgekommen, heiĂt es im ersten Urteil des Amtsgerichts Westerstede. Also habe der Angeklagte die Urnen mit Sand, schwarz glĂ€nzenden kohleartigen Partikeln oder anderer Asche gefĂŒllt.
Als die Asche nach Angaben des Amtsgerichts im FrĂŒhjahr 2019 mal wieder nicht planmĂ€Ăig eintraf, fragte eine Auszubildende den Mann was zu tun sei. Er soll die junge Frau angwiesen haben, die Urne ohne Inhalt zu bestatten. Er selbst wolle sich darum kĂŒmmern, dass die Asche nachtrĂ€glich hinzugefĂŒgt werde.
Unmöglich - oder doch möglich?
«Das ist schier nicht möglich», beteuerte der Angeklagte vor dem Landgericht Oldenburg. FĂŒr jede Aschekapsel mĂŒsse bei der Friedhofsverwaltung oder bei der Kirchengemeinde eine sogenannte EinĂ€scherungsbescheinigung vorgelegt werden. Oft noch am Tag der Beisetzung, spĂ€testens eine Woche danach. Diese Bescheinigung soll sicherstellen, dass die Urne mit der richtigen Asche beigesetzt wird.
«Das hĂ€tte normalerweise nicht passieren dĂŒrfen», meinte auch einer der BrĂŒder vom Bestattungsunternehmen. Doch man habe auf Vertrauensbasis gearbeitet, auch mit der Friedhofsverwaltung. «Wie sagt man? Per Handschlag.» Darauf hĂ€tten sich alle verlassen.
Ein Einzelfall? In Bremen sind in der Polizeilichen KriminalitĂ€tsstatistik 2 FĂ€lle von Störung der Totenruhe im vergangenen Jahr gelistet, in Niedersachsen 155 FĂ€lle. Laut Strafgesetzbuch drohen bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe, wenn wer «die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verĂŒbt.» Aber auch die VerwĂŒstung von GrĂ€bern und GedenkstĂ€tten fĂ€llt unter den Paragrafen 168.
Zuletzt hatte ein Bestatter in Achim bei Bremen Schlagzeilen gemacht: Der Mann rÀumte ein, zwischen 2015 und 2019 in acht FÀllen Urnen mit der Asche Verstorbener in beliebigen GrÀbern beigesetzt zu haben. Ein Amtsgericht verurteilte ihn rechtskrÀftig zu einer Geldstrafe auf BewÀhrung.
Das Urteil im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Oldenburg wird am 25. Juli erwartet. Das Bestattungsunternehmen hat aber schon erste Konsequenzen gezogen: Die Mitarbeitenden mĂŒssen nun mit Fotos dokumentieren, dass sie die richtige Asche beisetzen. «Und wir weisen die Friedhofsverwaltung selbst daraufhin, die Unterlagen zu kontrollieren», sagte einer der Inhaber.


