Kritik, Deutschland

Kritik: Deutschland investiert zu wenig in Schutz von Frauen

02.09.2024 - 05:33:35

Fast jeden zweiten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Aus Sicht des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe gibt es viel zu tun.

Beim Schutz von Frauen vor schlimmstenfalls sogar tödlicher Partnerschaftsgewalt ist in Deutschland aus Sicht des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) noch viel zu tun. HĂ€ufig bekĂ€men betroffene Frauen den lapidaren Rat «trenn dich doch einfach», doch dies könne gefĂ€hrlich sein, wenn die Gefahr ignoriert werde, erlĂ€uterte die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Dachverbandes bff, Katja Grieger.

Es sei wichtig, dass Frauen professionelle Hilfe bekommen, zum Beispiel in einer Beratungsstelle. Insgesamt werde in Deutschland viel zu wenig Geld in den Schutz von Frauen investiert, betonte Grieger auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Gleich zwei Todesopfer innerhalb weniger Tage in Berlin

Im Jahr 2023 wurden nach Zahlen des Bundeskriminalamts in Deutschland 155 Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet - das waren 22 mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden 24 MÀnner Opfer tödlicher Partnerschaftsgewalt.

Allein in Berlin gab es zuletzt gleich zwei solcher FĂ€lle, bei denen Frauen umgebracht wurden. Am Freitagabend wurde eine 28-JĂ€hrige ersten Erkenntnissen zufolge von ihrem ehemaligen LebensgefĂ€hrten erstochen. Nur wenige Tage zuvor war eine 36-JĂ€hrige mutmaßlich von ihrem Ex-Mann ermordet worden.

Generell wĂŒrden sogenannte Femizide - meistens die Tötung von Frauen durch Partner oder Ex-Partner - hĂ€ufig in Trennungssituationen oder nach Trennungen verĂŒbt, erlĂ€uterte Grieger vom Bundesverband bff. «Wenn eine Partnerschaft zuvor bereits gewaltbelastet, kontrollierend und demĂŒtigend war, dann besteht das grĂ¶ĂŸte Risiko fĂŒr eine Tötung dann, wenn die betroffene Frau eine Trennungsabsicht Ă€ußert, sich trennt oder getrennt hat.»

Wie das nahe Umfeld reagieren sollte

Wenn Frauen Gewalt erlebten oder davon bedroht seien, wendeten sie sich oft zunĂ€chst an Menschen aus dem nahen sozialen Umfeld, etwa Freundinnen oder Familienmitglieder. «Hier ist es sehr wichtig, dass die angesprochenen Vertrauenspersonen solidarisch und unterstĂŒtzend reagieren», betonte Grieger. Nicht selten berichteten Betroffene jedoch, dass sie so etwas gehört haben wie «da gehören doch immer zwei dazu» oder «das kann ich mir gar nicht vorstellen, das ist doch so ein netter Kerl». 

Grieger erlĂ€uterte: «UnterstĂŒtzung bekommen Betroffene in Beratungsstellen. Dort arbeiten kompetente Spezialistinnen, die sich mit dem Thema auskennen und auch gemeinsam mit der Frau eine AbschĂ€tzung der GefĂ€hrdung vornehmen können.» Bei großer GefĂ€hrdung könnten Frauen in ein Frauenhaus gehen, sofern sie einen Platz finden. «In FĂ€llen akuter Eskalation und Gefahr, sollte die Polizei hinzugezogen werden, sie ist fĂŒr die akute Gefahrenabwehr zustĂ€ndig.»

GefÀhrdungsmanagement in Deutschland nicht flÀchendeckend

Grieger wies darauf hin, dass die sogenannte Istanbul-Konvention - ein Übereinkommen des Europarats zur BekĂ€mpfung von Gewalt gegen Frauen und hĂ€uslicher Gewalt - in Deutschland seit 2018 geltendes Recht sei. Aber leider gebe es das darin vorgesehene GefĂ€hrdungsmanagement in Deutschland bisher nicht flĂ€chendeckend.

So verlange das Übereinkommen, dass eine systematische Risiko- und GefĂ€hrdungseinschĂ€tzung vorgenommen werde, bei der alle relevanten Akteure - etwa Polizei, Jugendamt oder Beratungsstellen - gemeinsam die Gefahrenlage und das Risiko fĂŒr die Frau und ihre Kinder abschĂ€tzen und dann passende Maßnahmen ergreifen. Doch das koste Geld, weil es personalintensiv sei, erklĂ€rte Grieger.

Gewalthilfegesetz soll kommen

Auch kritisierte sie, dass sich das sogenannte Gewalthilfegesetz immer noch nicht im Gesetzgebungsverfahren befinde. «Nur ein solches Gesetz gekoppelt mit einem Aufwuchs an finanziellen Mitteln, kann wirklich etwas an der tĂ€glichen Gewalt Ă€ndern, die an jedem zweiten Tag fĂŒr eine Frau tödlich endet.»

Als Reaktion auf die beiden Gewalttaten in Berlin hatte Bundesfrauenministerin Lisa Paus (GrĂŒne) betont, sie bereite das Gewalthilfegesetz derzeit vor - es solle allen Gewaltbetroffenen einen Anspruch auf Hilfe einrĂ€umen. «Das rettet Leben. Das wird auch Geld kosten, damit wir die BundeslĂ€nder unterstĂŒtzen, mehr PrĂ€vention und SchutzplĂ€tze fĂŒr Frauen bereitzustellen. Wir haben viel zu wenige davon», hieß es dazu von Paus.

@ dpa.de