Vom Nachtclub zur Kunst: Ein Besuch bei MĂ€zen Brabant
06.12.2025 - 04:00:50Frank Brabant ist ein MĂ€zen der ungewöhnlichen Art. Der 87-JĂ€hrige lebt in seiner Wiesbadener Dachgeschosswohnung inmitten Hunderter Bilder, der geschĂ€tzte Wert der Sammlung geht in die Millionen. In den RĂ€umen findet sich kaum ein freier Fleck, auch nicht in der KĂŒche oder im Bad, die Fenster sind teils von Kunst verdeckt.
Die hochkarĂ€tige Sammlung der klassischen Moderne ist in Fachkreisen bekannt. Ist doch mal eine LĂŒcke an der Wand zu sehen, dann ist das Werk gerade an ein Museum weltweit verliehen. Seine Bilder seien «wie seine Kinder», sagt Brabant. Knapp 700 Werke sind es inzwischen, darunter welche von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Alexej von Jawlensky.
«Die Sammlung Brabant ist vor allem aufgrund ihrer ungeheuren Dichte an KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern der 1920er-Jahre einzigartig», sagt der Kustos Roman ZieglgĂ€nsberger vom Landesmuseum Wiesbaden. In Brabants Wohnung hingen die gröĂten Namen neben völlig Unbekannten und alles verschmelze zu einem gleichwertigen Kunstkosmos.Â
«Frank Brabant hat ĂŒber die Jahrzehnte völlig autodidaktisch ein untrĂŒgliches GespĂŒr fĂŒr QualitĂ€t entwickelt und hatte nie Scheu vor unbekannten Namen», ergĂ€nzt ZieglgĂ€nsberger. «Viele seiner KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler wurden erst spĂ€ter groĂ entdeckt, etwa Elfriede Lohse WĂ€chtler oder Hanna Nagel.» Ihre Bilder hĂ€tten schon lange an seinen WĂ€nden gehangen, als sie in Dresden oder Mannheim in Einzelausstellungen geehrt wurden.
Erstes Bild musste er in Raten bezahlen
Brabants erstes Bild ist ein Holzschnitt von Max Pechstein. Er besuchte zufĂ€llig eine Vernissage der KunsthĂ€ndlerin Hanna Bekker vom Rath in Frankfurt. Nach zwei spendierten GlĂ€sern Wein wollte er nicht gehen, ohne etwas zu kaufen und suchte sich das gĂŒnstigste Werk aus. «Den Preis von 300 Mark zahlte ich in Raten», erzĂ€hlt Brabant. Einige Jahre spĂ€ter eröffnete er 1968 mit der finanziellen UnterstĂŒtzung seines langjĂ€hrigen Lebenspartners das «Pussycat», eine legendĂ€re Schwulenbar und ein Szenetreff in Wiesbaden. Mit den Gewinnen aus dem Nachtclub baute Brabant seine Sammlung auf.
Dem 87-JĂ€hrigen merkt man sein Alter nicht an. Zugewandt und offen empfĂ€ngt er Besucher, hellwach und manchmal fast spitzbĂŒbisch antwortet er auf Fragen und erzĂ€hlt aus seinem bewegten Leben.Â
Er halte sich mit tĂ€glichem Sport fit, sagt Brabant. Dazu zĂ€hlen Seilspringen, Gymnastik und ein Heimtrainer. Bei der ErnĂ€hrung setze er auf wenig Fleisch und viel GemĂŒse. «Ich versuche, so gesund wie möglich zu leben.» Zudem nimmt er jeden Morgen zwei Löffel Lebertran, was mit Erfahrungen aus der Kindheit zusammenhĂ€nge: In den von Not und Hunger geprĂ€gten Jahren nach Kriegsende sei seine Mutter ĂŒber ein TauschgeschĂ€ft an eine Flasche Lebertran gekommen.
Den Zweiten Weltkrieg hat er in seiner Geburtsstadt Schwerin und in Stettin bei seinen GroĂeltern ĂŒberlebt. In den BombennĂ€chten spendet sein TeddybĂ€r ihm Trost. Das Stofftier wird ihm nach dem Einmarsch der Alliierten von einer Russin aus den HĂ€nden gerissen und weggenommen - ein Vorfall, der ihn sehr belastet hat und der viel spĂ€ter in seinem Leben noch ein Nachspiel haben wird.Â
Brabant hadert mit dem DDR-Staat, stellt bei Parteiveranstaltungen kritische Fragen. SchlieĂlich landet er in Stasihaft. «Drei Tage hielten sie mich fest und befragten mich, ob ich Kontakte in den Westen hĂ€tte. In meiner Zelle ging jede Stunde das Licht an», erzĂ€hlt er. Nach dem Vorfall packt der 20-JĂ€hrige einen kleinen Koffer, flieht per Zug in den Westen - zunĂ€chst nach Mainz, wo er Arbeit in einem Kaufhaus findet.Â
«Zuerst habe ich in einem Schlafsaal mit 18 Leuten ĂŒbernachtet, bevor ich in ein kleines Zimmer umziehen konnte», erzĂ€hlt Brabant. Allerdings wird er kurze Zeit spĂ€ter denunziert. Denn homosexuelle Handlungen sind bis etwa 1970 noch strafbar. «Meine Wirtin öffnete meine Post und fand den Liebesbrief eines Mannes. Sie ging damit zur Personalabteilung des Kaufhauses.» Brabant verliert seine Arbeitsstelle und sein Zimmer.Â
«Ich stand auf der RheinbrĂŒcke und ĂŒberlegte, ins Wasser zu gehen», erzĂ€hlt der 87-JĂ€hrige. Aber er rappelt sich wieder auf, zieht nach Wiesbaden und findet einen neuen Job bei einer Versicherung. Da ihm als NachtschwĂ€rmer das frĂŒhe Aufstehen schwerfĂ€llt, eröffnet er den Nachtclub «Pussycat».
Brabant hat nur in wenigen AusnahmefĂ€llen ein Bild wieder verkauft. Er sei auch nicht schwach geworden, als ihm ein Russe acht Millionen Euro fĂŒr ein Jawlensky-Werk bot, das lebensgroĂ eine Dame im roten Kleid zeigt. Wegen des Vorfalls mit der Russin und seinem TeddybĂ€ren sei es fĂŒr ihn unvorstellbar gewesen, sein Bild nach Russland zu verkaufen, sagt Brabant. Er schenkte das GemĂ€lde dem Museum Wiesbaden.





