Frankfurter Buchmesse 2026, Künstliche Intelligenz

Frankfurter Buchmesse 2026: KI, Leseschwäche und Big Tech im Zentrum der Eröffnung

Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 20:03 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse warnen Jill Lepore und Sebastian Guggolz vor Folgen von KI und sinkender Lesekompetenz für Demokratie und geistige Freiheit. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordert ein gemeinsames europäisches Vorgehen gegen die Macht der Tech-Konzerne.

  • Für Juegen Boos ist es die letzte Messe als Buchmessen-Direktor, für Sebastian Guggolz die erste als Börsenvereins-Vorsteher. - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Für Juegen Boos ist es die letzte Messe als Buchmessen-Direktor, für Sebastian Guggolz die erste als Börsenvereins-Vorsteher. - Bild: Andreas Arnold/dpa
  • Die Buchmesse dauert bis zum Sonntag. - Bild: Boris Roessler/dpa
    Die Buchmesse dauert bis zum Sonntag. - Bild: Boris Roessler/dpa
  • Sprach bei der Eröffnungs-Pressekonferenz: US-Historikerin Jill Lepore. - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Sprach bei der Eröffnungs-Pressekonferenz: US-Historikerin Jill Lepore. - Bild: Andreas Arnold/dpa
  • Shida Bazyar erhielt am Montagabend den Deutschen Buchpreis.  - Bild: Hannes P. Albert/dpa
    Shida Bazyar erhielt am Montagabend den Deutschen Buchpreis. - Bild: Hannes P. Albert/dpa
  • Tschechien liegt an der Küste? - Bild: Boris Roessler/dpa
    Tschechien liegt an der Küste? - Bild: Boris Roessler/dpa
  • Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. - Bild: Andreas Arnold/dpa
  • Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova wird bejubelt. - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova wird bejubelt. - Bild: Andreas Arnold/dpa
  • Minister Weimer will die Macht der Tech-Konzerne begrenzen. - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Minister Weimer will die Macht der Tech-Konzerne begrenzen. - Bild: Andreas Arnold/dpa
Für Juegen Boos ist es die letzte Messe als Buchmessen-Direktor, für Sebastian Guggolz die erste als Börsenvereins-Vorsteher. - Bild: Andreas Arnold/dpa Die Buchmesse dauert bis zum Sonntag. - Bild: Boris Roessler/dpa Sprach bei der Eröffnungs-Pressekonferenz: US-Historikerin Jill Lepore. - Bild: Andreas Arnold/dpa Shida Bazyar erhielt am Montagabend den Deutschen Buchpreis.  - Bild: Hannes P. Albert/dpa Tschechien liegt an der Küste? - Bild: Boris Roessler/dpa Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. - Bild: Andreas Arnold/dpa Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova wird bejubelt. - Bild: Andreas Arnold/dpa Minister Weimer will die Macht der Tech-Konzerne begrenzen. - Bild: Andreas Arnold/dpa

Die 78. Frankfurter Buchmesse hat mit Warnungen vor Künstlicher Intelligenz, sinkender Lesekompetenz und der Macht großer Technologiekonzerne begonnen.

Jill Lepore warnt vor Maschinenstaat

Bis Sonntag werden in Frankfurt mehr als eine Viertelmillion Besucher erwartet. Die US-Historikerin und Autorin Jill Lepore sagte zum Auftakt, die Menschheit stehe „auf des Messers Schneide der Geschichte“ und müsse entscheiden, ob Maschinen künftig Lesen, Schreiben und sogar das Denken übernehmen dürften.

KI bedrohe nach ihren Worten Kunst und Schreiben, die Freiheit des Denkens und demokratische Gesellschaften. Wenn die Menschheit vor einem Maschinenstaat kapitulierte, verliere sie nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihren Verstand, sagte die Pulitzer-Preisträgerin.

Leseschwäche als Demokratieproblem

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, warnte vor den Folgen zunehmender Leseschwäche bei jungen Menschen. Wenn Jugendliche verschiedene Positionen nicht lesend verstehen und vergleichen könnten, sei eine fundierte Meinungsbildung gefährdet. Laut der jüngsten Pisa-Studie fehlt jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Lesekompetenz.

Im Zusammenhang mit KI sprach Guggolz von einem „doppelten Raubzug“. Die Technologie beraube die Branche weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützter Werke und langfristig auch des Denkens, sagte er, wenn die Politik nicht handle.

Weimer fordert Vorgehen gegen Big Tech

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer warb bei der feierlichen Eröffnung für ein gemeinsames europäisches Vorgehen gegen die Macht der Tech-Konzerne. Diese müsse mit allen Mitteln bekämpft werden. Ein Social-Media-Verbot für Kinder könne sinnvoll sein, reiche allein aber nicht aus. „Wir werden Meta und Co. zwingen müssen, die Algorithmen zu ändern“, sagte Weimer.

Der Minister kündigte außerdem das „Literarische Wort des Jahres“ an, das erstmals 2027 vergeben werden soll. In einem „Frankfurter Appell“ fordern 120 Verlage Transparenz über Werke, die für KI-Trainings genutzt werden, faire Lizenzmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts.

Abschied von Juergen Boos

Für den scheidenden Buchmessen-Direktor Juergen Boos ist die Ausgabe nach 21 Jahren die letzte. Er geht in den Ruhestand; sein Nachfolger wird Joachim Kaufmann, langjähriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags.

Boos warnte, permanentes digitales Spektakel lenke vom Denken ab. Zwischen Büchern und ihrem Publikum stünden immer mehr Plattformen, Empfehlungen und Algorithmen. Die Messe setze dem Begegnungen entgegen, sagte Boos. Am Ende der Eröffnung wurde er unter anderem per Videobotschaft von Salman Rushdie verabschiedet.

Schwieriger Start für die Branche

Der Umsatz der Buchbranche lag 2025 bei 9,62 Milliarden Euro und damit 2,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. In den ersten acht Monaten 2026 ging der Wert weiter zurück. Guggolz betonte dennoch: „Die Liebe zum Buch blüht nach wie vor.“

Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempir, dessen Land Ehrengast ist, wurde von Zwischenrufen und Pfiffen begleitet. Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova erhielt dagegen Beifall und sagte, Minister kämen und gingen, „aber die Literatur bleibt“.

Mehr als 1.000 Sprecher auf zehn Bühnen

Zu den erwarteten Gästen gehören Wolf Biermann, Gisèle Pelicot, Colson Whitehead, Robert Habeck und Volker Schlöndorff. Den Deutschen Buchpreis erhielt am Montagabend Shida Bazyar für „Die Lücken“. Auf zehn Bühnen treten mehr als 1.000 Sprecher auf. Zum Abschluss wird der französisch-britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen.

Lesen als demokratische Infrastruktur

Die Eröffnung verbindet drei Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken: sinkende Lesekompetenz, eine veränderte digitale Öffentlichkeit und der wachsende Einfluss generativer Künstlicher Intelligenz. Wer komplexe Texte schlechter versteht, kann politische Argumente, Quellen und Interessen schwerer vergleichen. Das macht demokratische Meinungsbildung anfälliger für Vereinfachungen und gezielte Desinformation.

Die wirtschaftliche Lage der Branche verschärft diesen Zusammenhang. Der stationäre Buchhandel verlor zwischen 2018 und 2023 nach Angaben des Börsenvereins ein Viertel seiner Geschäfte. 2025 ging sein Umsatz erneut um 3,7 Prozent zurück, während die Branche zugleich Stammkäufer verliert. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei den Buchkäufen der Zehn- bis 15-Jährigen aus: 2025 sanken sie um 30,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

KI verschiebt die Regeln

Für Verlage und Autoren ist KI zugleich Werkzeug und Konfliktfeld. Sie kann Abläufe in Verlagen beschleunigen, wirft aber Fragen nach Trainingsdaten, Vergütung, Kennzeichnung und der Eigenständigkeit kreativer Arbeit auf. Der Streit über den „Frankfurter Appell“ steht damit für eine größere europäische Auseinandersetzung: Technologischer Fortschritt soll nutzbar bleiben, ohne Urheberrechte und kulturelle Vielfalt dem Geschäftsmodell weniger Plattformen zu unterordnen.

Für Besucher bedeutet das, dass die Buchmesse nicht nur Neuerscheinungen präsentiert. Sie verhandelt auch darüber, welche Fähigkeiten eine offene Gesellschaft braucht, wie kulturelle Produktion finanziert wird und wer digitale Informationsräume prägt. Die angekündigten Debatten über Social Media, Leseförderung und Regulierung richten sich deshalb unmittelbar auf Schule, Mediennutzung und politische Orientierung.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

tagesschau.de: „Frankfurter Buchmesse von Existenzangst und KI-Sorgen überschattet“ (06.10.2026)

Der Bericht hebe die strukturelle Krise der Buchbranche, sinkende Käufe junger Menschen und die Bedeutung von KI und Urheberrecht hervor. Er bestätige damit die wirtschaftlichen und technologischen Schwerpunkte der Eröffnung, setze den Akzent jedoch stärker auf Buchhandlungen, Marktsegmente und konkrete Branchendaten.

Frankfurter Rundschau: „Der Mensch ist das Problem, nicht das Buch“ (05.10.2026)

Der Leitartikel argumentiere, mit Tschechien als Ehrengast kehre das Politische besonders deutlich in die Literatur zurück. Er verbinde die sinkende Lesekompetenz mit der wachsenden Komplexität gesellschaftlicher Debatten und setze damit einen stärker essayistischen Schwerpunkt als die dpa-Meldung.

Medienübergreifend bestehe Einigkeit, dass die Buchmesse von Fragen zu Lesefähigkeit, Demokratie, KI und wirtschaftlichem Wandel geprägt werde. Unterschiede lägen vor allem in der Gewichtung: Während der eine Bericht die Branchenökonomie betone, rücke der andere die politische und kulturelle Bedeutung des Lesens in den Mittelpunkt.

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