Frauen, Deutschland

Warum Frauen öfter an einem Herzinfarkt sterben als MÀnner

14.06.2023 - 08:37:16

Frauen haben nach einem Infarkt deutlich schlechtere Überlebenschancen. Damit das besser wird, muss sich etwas Ă€ndern in der Medizin - aber auch in den Köpfen von Frauen.

Das Problem ist alles andere als neu - aber es Àndert sich nur langsam etwas in den Köpfen von Patientinnen und Medizinern. Seit Jahrzehnten zeigen Studien, dass Frauen öfter an einem Herzinfarkt sterben als MÀnner. Die Ursache liegt, wie es scheint, auf beiden Seiten: Frauen suchen oft zu spÀt Hilfe, werden dann aber auch oft falsch behandelt. Wie kann das sein?

Erst kĂŒrzlich sei es wieder passiert, in ihrer eigenen Klinik, dem Marienhospital Wesel, berichtet die Kardiologin Prof. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. An der Pforte brach eine 52-JĂ€hrige zusammen und musste wiederbelebt werden. Sie war wegen Schmerzen in Arm und Brust zum OrthopĂ€den gegangen, der sie nach Hause schickte statt ins Krankenhaus. Die Frau habe zuvor schon einmal einen Herzinfarkt gehabt und trotzdem die Symptome nicht richtig deuten können - ebenso wie der Arzt.

Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Herzinfarkt zu sterben, ist bei Frauen mehr als doppelt so hoch wie bei MĂ€nnern, wie erst kĂŒrzlich wieder ein Studie zeigte, die in Prag bei einem Kongress der European Society of Cardiology (ESC) vorgestellt wurde.

95 Minuten bis zum Eingriff

Die Studie umfasste 884 Patienten, etwa ein Viertel davon waren Frauen. In der Gruppe der bis 55-JĂ€hrigen vergingen bei Frauen nach Ankunft in der Klinik demnach im Mittel 95 Minuten bis zum Eingriff zur Erweiterung verengter HerzkranzgefĂ€ĂŸe - bei gleichaltrigen MĂ€nnern nur 80 Minuten. Nach 30 Tagen waren knapp zwölf Prozent der Frauen im Vergleich zu knapp fĂŒnf Prozent der MĂ€nner gestorben.

Allerdings hatten in dieser Studie die Frauen oft andere Vorerkrankungen als die MĂ€nner. Daher fĂŒhrten die Forscher eine weitere Analyse durch, bei der sie 435 MĂ€nner und Frauen nach Risikofaktoren fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Cholesterin und Rauchen in Gruppen einteilten. Anschließend wurden nur MĂ€nner und Frauen verglichen, bei denen das Risiko ĂŒbereinstimmte. Auch hier gab es gravierende Unterschiede.

«Bei ĂŒbereinstimmenden Patienten ĂŒber 55 Jahren traten alle gemessenen unerwĂŒnschten Ergebnisse bei Frauen hĂ€ufiger auf als bei MĂ€nnern», so die Forscher. Einen Herzinfarkt hatte mehr als ein Drittel der Frauen erlitten, verglichen mit 18 Prozent der MĂ€nner. Etwa elf Prozent der Frauen starben innerhalb von 30 Tagen nach einem Herzinfarkt, verglichen mit drei Prozent der MĂ€nner.

Unterschiedliche Symptome

Woran liegt das? Ein Grund ist, dass sich die Symptome bei MĂ€nnern und Frauen unterscheiden. Bei Frauen trĂ€ten hĂ€ufiger weniger eindeutige Symptome auf, sagt Kardiologin Tiefenbacher - etwa Atemnot, ein Ziehen in den Armen, unerklĂ€rliche MĂŒdigkeit, AngstzustĂ€nde, SchweißausbrĂŒche, Übelkeit oder Erbrechen sowie Schmerzen im Oberbauch oder im RĂŒcken. Der bei MĂ€nnern typische Brustschmerz stehe bei Frauen hĂ€ufiger nicht im Vordergrund.

Schon in den 1990er Jahren beschrieb eine US-amerikanische Kardiologin das «Yentl»-Syndrom. Der Name nimmt Bezug auf eine Kurzgeschichte von Isaac Bashevis Singer, die von und mit Barbra Streisand verfilmt wurde: Ein MÀdchen verkleidet sich als Mann, um ernstgenommen zu werden. Die US-Kardiologin hatte herausgefunden, dass Frauen mit Herzinfarkt schneller Hilfe bekamen, wenn sie die typisch mÀnnlichen Symptome schilderten.

Inzwischen wĂŒrden im Medizinstudium und in Weiterbildungen die geschlechtsspezifischen Unterschiede zunehmend gelehrt, sagt Tiefenbacher. Sie ist ĂŒberzeugt: «Mit der jĂŒngeren Gerenation wird das besser.» Aber wohl noch nicht genug, denn Studien aus USA und Polen haben ergeben, dass die Symptome hĂ€ufiger nicht erkannt werden, wenn Frauen mit einem Herzinfarkt an einen jĂŒngeren mĂ€nnlichen Arzt geraten statt an eine weibliche Kardiologin.

Ältere Frauen zögern oft deutlich lĂ€nger

Aber die Defizite in der Medizin sind nur die eine Seite des Problems - die andere sind die Frauen selbst. Besonders Ă€ltere Frauen zögern oft deutlich lĂ€nger als MĂ€nner, bis sie Hilfe holen, auch das zeigen viele Studien. «Frauen rufen bei Herzinfarkt-Symptomen den Notarzt fĂŒr ihre MĂ€nner, VĂ€ter und BrĂŒder, aber nicht fĂŒr sich selbst», fasste die European Society of Cardiology eine Studie aus Polen von 2019 zusammen.

Zu einem Ă€hnlichen Ergebnis kam 2017 eine Studie des Deutschen Zentrums fĂŒr Herz-Kreislauf-Forschung (DZKH): Bei Ă€lteren Frauen vergingen durchschnittlich viereinhalb Stunden, bis sie in der Notaufnahme waren, bei jungen Frauen waren es knapp zweieinhalb Stunden. Bei MĂ€nnern ĂŒber 65 dauerte es dreieinhalb Stunden, bei jungen MĂ€nnern drei Stunden. «Dadurch geht wertvolle Zeit verloren, um die verschlossenen BlutgefĂ€ĂŸe wieder zu eröffnen und die SchĂ€digung des Herzmuskels einzuschrĂ€nken», so das DZHK.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wĂŒrden bei Frauen immer noch unterschĂ€tzt, betont die Deutsche Herzstiftung zudem. Dabei seien diese Erkrankungen hierzulande mit ĂŒber 180.000 SterbefĂ€llen pro Jahr die hĂ€ufigste Todesursache bei Frauen. 18.000 starben laut Todesursachenstatistik 2021 an einem Herzinfarkt.

«Frauenherzen schlagen anders»

Unter anderem die Anatomie trĂ€gt dazu bei, dass es Unterschiede zwischen MĂ€nnern und Frauen gibt. Das Herz von Frauen ist etwas anders gebaut, wie Tiefenbacher erklĂ€rt. Es ist demnach etwas steifer und kleiner, kann sich schlechter dehnen und mit Blut fĂŒllen. Ausgeglichen wird das ĂŒber eine höhere Pumpleistung. Werden Frauen Ă€lter, nimmt die HerzgrĂ¶ĂŸe ab und das Herz verliert weiter an ElastizitĂ€t. Eine HerzschwĂ€che bleibe oft lange unerkannt, weil die Symptome - wie Erschöpfung oder Atemnot - als Alterserscheinung abgetan werden.

«Das Ziel muss sein, dass Frauen und MÀnner bei Herzkrankheiten gleich gut behandelt werden», sagt Tiefenbacher. Was muss geschehen, damit das endlich klappt? Die Deutsche Herzstiftung setzt auf AufklÀrung mit Titeln wie «Frauenherzen schlagen anders». Der Frankfurter Kardiologe Prof. Thomas VoigtlÀnder, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, riet zum Start einer neuen Initiative im Februar: «Frauen, achtet mehr auf Euer Herz!»

Tiefenbacher wĂŒnscht sich aber auch mehr Engagement fĂŒr die noch junge Disziplin der Gendermedizin. In der Kardiologie gebe es in Deutschland zu wenige LehrstĂŒhle fĂŒr Gendermedizin, die sich vor allem mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden von Frauen und MĂ€nnern beschĂ€ftigen. Auch die Pharmaindustrie könnte etwas beitragen, findet Tiefenbacher. Neue Medikamente wĂŒrden noch immer ĂŒberwiegend an MĂ€nnern getestet.

Auch beim Kardiologen-Kongress in Prag standen am Ende die bekannten Appelle. Die Erstautorin der Studie, Mariana Martinho vom Hospital Garcia de Orta in Almada (Portugal), sah die Ergebnisse vor allem als Mahnung, «ein stĂ€rkeres Bewusstsein zu schaffen fĂŒr die Risiken von Herzerkrankungen bei Frauen».

@ dpa.de