FuĂgĂ€nger im Verkehr: 130 Jahre nach dem ersten Todesfall
Veröffentlicht am: 16.08.2026 um 07:00 Uhr | dpa.deBridget Driscoll soll am 17. August 1896 noch ihren Schirm aufgespannt und hochgehalten haben, um den Autofahrer zum Ausweichen zu bewegen. Dennoch fuhr Arthur Edsall die 44-JĂ€hrige mit seinem Roger-Benz in London an - in Schrittgeschwindigkeit. Wenige Minuten spĂ€ter starb die Frau. Seither gilt sie als erste FuĂgĂ€ngerin, die bei einem Autounfall ums Leben kam.
Edsall war erst seit drei Wochen Autofahrer, eine Fahrerlaubnis gab es damals nicht. Einige Zeugen hielten seine Geschwindigkeit fĂŒr zu hoch. Eine Mitfahrerin hörte jedoch, wie er «ZurĂŒcktreten!» rief. Das Gericht stellte schlieĂlich «Tod durch Unfall» fest - ohne FahrlĂ€ssigkeit des Fahrers. In GroĂbritannien gab es damals kaum mehr als zwei Handvoll benzinbetriebener Autos.
Fast 1,2 Millionen Verkehrstote weltweit
Fast 1,2 Millionen Menschen sterben weltweit jedes Jahr bei VerkehrsunfÀllen. Besonders hoch ist das Risiko in LÀndern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die WHO-Region Afrika verzeichnete 2021 mit rund 190 Verkehrstoten je eine Million Einwohner die höchste Rate.
In der EuropĂ€ischen Union kamen 2025 rund 19.400 Menschen im StraĂenverkehr ums Leben. Die höchsten Raten hatten Bulgarien, RumĂ€nien und Kroatien mit jeweils etwa 70 Toten je eine Million Einwohner. Deutschland lag bei ungefĂ€hr der HĂ€lfte.
Rund 2.800 Verkehrstote in Deutschland
In Deutschland starben 2025 gut 2.800 Menschen im StraĂenverkehr - im Schnitt etwa acht pro Tag. Fast jeder Zweite war mit dem Auto unterwegs. Rund jeder FĂŒnfte kam auf einem Motorrad oder Mofa ums Leben, knapp 15 Prozent zu FuĂ und gut 16 Prozent mit dem Fahrrad.
Innerorts zeigt sich ein anderes Bild: Hier waren fast zwei Drittel der Verkehrstoten zu FuĂ oder mit dem Fahrrad unterwegs. Pkw-Insassen machten nicht einmal ein FĂŒnftel aus.
Senioren besonders gefÀhrdet
Am stÀrksten gefÀhrdet waren 2025 Menschen ab 65 Jahren. Auf eine Million Einwohner kamen in dieser Altersgruppe knapp 58 Verkehrstote. Bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren waren es gut sechs - bei Senioren damit fast neunmal so viele. Bei 16- und 17-JÀhrigen lag der Wert bei rund 39, bei Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren bei etwa 31.
Kinder unter 16 und Senioren Ă€hneln sich allerdings in einem Punkt: Bei beiden war fast jeder zweite Verkehrstote zu FuĂ oder mit dem Fahrrad unterwegs. Bei den Erwachsenen unter 65 Jahren war es nicht einmal jeder FĂŒnfte.
Regeln und Technik: Verkehrssicherheit nimmt zu
Trotz der weiterhin hohen Opferzahlen sind die StraĂen in Deutschland deutlich sicherer geworden. 1999 starben noch fast 7.800 Menschen bei VerkehrsunfĂ€llen - mehr als doppelt so viele wie 2025.
Dazu beigetragen haben sicherere Fahrzeuge mit stabileren Karosserien und Airbags, eine bessere Infrastruktur, schnellere Rettung sowie neue Regeln. Beispiele sind Tempo 100 auf LandstraĂen, die Helmpflicht fĂŒr Motorradfahrer, die Gurtpflicht und die 0,5-Promille-Grenze.
Auch die Zusammensetzung der Opfer hat sich verĂ€ndert: 1999 waren fast 60 Prozent Pkw-Insassen. FuĂgĂ€nger und Radfahrer kamen zusammen auf etwa ein FĂŒnftel; 2025 waren es rund ein Drittel.
SUVs im Fokus bei tödlichen FuĂgĂ€nger-UnfĂ€llen
Bei der Rolle von SUVs ist die Studienlage nicht eindeutig. Eine Analyse der Björn Steiger Stiftung kam Ende 2024 fĂŒr Deutschland zu dem Schluss, dass diese Fahrzeuge nicht gefĂ€hrlicher seien als andere Pkw-Kategorien. Ihr Anteil an tödlichen UnfĂ€llen liege unter ihrem Anteil am Fahrzeugbestand.
Zwei jĂŒngere Untersuchungen mit Daten vor allem aus den USA kommen dagegen zu einem anderen Ergebnis: Je höher die Fahrzeugfront, desto hĂ€ufiger endet ein ZusammenstoĂ fĂŒr FuĂgĂ€nger und Radfahrer tödlich. Nach einer Auswertung der «New York Times» kamen zwischen 2016 und 2024 rund 3.000 FuĂgĂ€nger bei ZusammenstöĂen mit SUVs und Pick-ups ums Leben, die einen Unfall mit einem herkömmlichen Pkw möglicherweise ĂŒberlebt hĂ€tten.
Eine britische Studie von 2025 beziffert das Risiko zu sterben im Vergleich zu herkömmlichen Pkw fĂŒr Erwachsene auf plus 44 Prozent, fĂŒr Kinder auf plus 82 Prozent und fĂŒr Kinder unter zehn Jahren auf plus 130 Prozent.
Als GrĂŒnde gelten unter anderem die höhere Kollisionszone am Körper und die Gefahr, unter das Fahrzeug zu geraten. Zudem kann die groĂe Karosserie das Sichtfeld des Fahrers beeintrĂ€chtigen. GrundsĂ€tzlich aber gilt: Vor allem die Geschwindigkeit bestimmt die Schwere eines Unfalls.
Und wie sieht es bei E-Autos aus?
Eine Studie der Unfallforscher der Versicherer (UDV) kommt zu dem Schluss, dass Elektrofahrzeuge im Allgemeinen kaum mehr SchĂ€den verursachen als Verbrenner. HĂ€ufiger kommt es jedoch zu FuĂgĂ€ngerunfĂ€llen beim Anfahren, RĂŒckwĂ€rtsfahren oder Abbiegen bei schlechter Sicht. Es gebe Hinweise, dass FuĂgĂ€nger E-Autos trotz der seit 2021 vorgeschriebenen GerĂ€usche bei niedrigen Geschwindigkeiten schlechter wahrnehmen, so die UDV.
Schon Unfalltote vor Driscoll
Driscoll war natĂŒrlich nicht die erste Verkehrstote: Schon zuvor waren Menschen von Pferden umgerannt, von Kutschen erfasst oder von Eisenbahnen getötet worden. Die irische Naturwissenschaftlerin Mary Ward etwa fiel am 31. August 1869 aus einem selbstgebauten Fahrzeug und wurde von diesem ĂŒberfahren. Ward gilt als erster dokumentierter Mensch, der unter den RĂ€dern eines motorisierten Fahrzeugs ums Leben kam.
In Gerichtsverhandlungen nach den UnfĂ€llen von Ward und Driscoll wurde jeweils erklĂ€rt, ein solcher Tod möge der letzte seiner Art sein. Der Wunsch erfĂŒllte sich nicht. Wenige Wochen nach Driscolls Tod kĂŒndigte im November 1896 die Londoner General Accident Co. als eines der ersten Versicherungsunternehmen eine Kraftwagenversicherung an.
