Deutschland, Niedersachsen

Das mit der GĂ€nsezeit ist ganz anders

10.11.2025 - 08:22:07

Gans oder gar nicht: «Es ist wieder so weit», verkĂŒnden derzeit viele Lokale - und preisen ihre GĂ€nsebraten-Aktionen an. Wie steht es eigentlich tatsĂ€chlich um die deutsche Tradition des GĂ€nseessens?

  • Da lĂ€uft einigen das Wasser im Mund zusammen, aber nicht allen: eine Portion knusprige GĂ€nsekeule mit Rotkohl und KlĂ¶ĂŸen. (Archivbild) - Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/ZB

    Jan Woitas/dpa-Zentralbild/ZB

  • Schnatter, schnatter: ZuchtgĂ€nse laufen ĂŒber eine Wiese in Sachsen. (Archivbild) - Foto: Robert Michael/dpa

    Robert Michael/dpa

Da lĂ€uft einigen das Wasser im Mund zusammen, aber nicht allen: eine Portion knusprige GĂ€nsekeule mit Rotkohl und KlĂ¶ĂŸen. (Archivbild) - Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/ZBSchnatter, schnatter: ZuchtgĂ€nse laufen ĂŒber eine Wiese in Sachsen. (Archivbild) - Foto: Robert Michael/dpa

Restauranttafeln, Speisekarten und Instagram-Profile von Lokalen in ganz Deutschland - von Sylt bis zum AllgĂ€u, von Aachen bis Görlitz - verkĂŒnden es derzeit wieder: «Es ist GĂ€nsezeit.» Auch in SupermĂ€rkten und Discountern liegt das fette GeflĂŒgel prominent aus. Denn: Zum Martinstag (11. November) hat man angeblich Gans zu essen, in der Adventszeit und an den Weihnachtsfeiertagen ohnehin. Doch wie populĂ€r ist der GĂ€nsebraten wirklich?

GeflĂŒgel liegt im Trend

Eines machen Statistiken deutlich: GeflĂŒgelfleisch wird in Deutschland immer beliebter. Der rechnerische Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr stieg zuletzt auf etwa 14 Kilogramm im Schnitt (Schweinefleisch wird immer noch doppelt so viel gegessen). Die Zunahme beim GeflĂŒgel geht vor allem auf HĂŒhnchen zurĂŒck.

Gibt es im großen GeflĂŒgeltrend aber vielleicht auch einen GĂ€nse-Hype, wenigstens in GaststĂ€tten? Darauf antwortet der Zentralverband der Deutschen GeflĂŒgelwirtschaft, das könne man zum eigenen Bedauern nicht sagen.

Der Bundesverband BĂ€uerlicher GĂ€nsehaltung lĂ€sst sogar mitteilen: «Eher hat sich der Absatz von GĂ€nsefleisch in den vergangenen Jahren ĂŒber die Gastronomie deutlich reduziert. Generell merken wir diesbezĂŒglich weiterhin die Auswirkungen von Corona im Hinblick auf die Nutzung von Restaurants.»

In einem Restaurant kostet ein klassischer Teller mit Brust und Keule, KlĂ¶ĂŸen und Rotkohl schnell mal ĂŒber 30 Euro. Das kann sich nicht jeder leisten.

«Bei uns im traditionellen Gasthaus - das ist hier 300 Jahre alt - ist es in der Zeit von November bis Dezember immer noch angesagt, Gans zu essen», sagt Frank MĂŒller vom «Gasthaus MĂŒller» in Barsinghausen bei Hannover. «Das gilt im Haus wie auch außer Haus. Es werden zu Weihnachten viele Enten und GĂ€nse fĂŒr zu Hause abgeholt.»

Allerdings sehe er auch, dass die Zielgruppe meist etwas Ă€lter sei, so ab 40 Jahre, sagt MĂŒller, der Mitglied im Verband der Köche Deutschlands und Laurentius-PreistrĂ€ger ist. «Ein Großteil der JĂŒngeren ist heut doch eher mit weniger Fett und vegetarisch, vegan et cetera unterwegs.»

In der Tat: Wer im Bekanntenkreis fragt, erfĂ€hrt rasch, dass viele Menschen Gans, die im Vergleich zu anderem GeflĂŒgel dunkler, fettiger, langfaseriger und wĂŒrziger ist, nicht so gern mögen - oder zumindest anderes Fleisch bevorzugen.

Gans isst jede Person in Deutschland nur recht wenig

Der GĂ€nsefleisch-Verzehr pro Kopf und Jahr liegt in Deutschland laut Bundesministerium fĂŒr Landwirtschaft, ErnĂ€hrung und Heimat lediglich um die 100 Gramm - und das recht unverĂ€ndert ĂŒber die Jahre.

Dieser Wert ist eine rein statistische GrĂ¶ĂŸe, entspricht er doch nicht mal einer normalen Portion. Es dĂŒrfte also so sein, dass das Prinzip «Gans oder gar nicht» gilt: Manche essen ein paarmal Gans im Jahr, viele kein einziges Mal.

Zum Vergleich: HĂŒhnerfleisch (bei JĂŒngeren scheint es inzwischen gelĂ€ufiger zu sein, «chicken» zu sagen) wurden zuletzt etwa 10 Kilogramm pro Person gegessen, Truthahn/Pute etwa 3 Kilogramm, Ente etwa 300 Gramm.

«Die Gans ist in Deutschland ein reines Saisonprodukt, das traditionell fast nur zu den Feiertagen Sankt Martin und Weihnachten im Kreise der Familie gegessen wird», heißt es vom GeflĂŒgelwirtschaft-Zentralverband.

Wer sind diese Familien? Es dĂŒrfte ein gut situiertes Milieu sein, das sich - wenn auch nicht immer in vollem Bewusstsein - an christlichen Traditionen orientiert.

Wie die Tradition der Martinsgans entstanden sein soll

Was zu der Frage fĂŒhrt: Warum gibt es diese Tradition des GĂ€nseessens am Jahresende ĂŒberhaupt? Dass viele Deutsche am 11. November Gans essen - die Martinsgans - geht auf BrĂ€uche und eine Legende zurĂŒck.

Martin von Tours (lebte im vierten Jahrhundert) ist in der katholischen Kirche einer der bekanntesten Heiligen. Er soll sich einst in einem Federviehstall versteckt haben, um seiner Wahl zum Bischof zu entgehen. Die GĂ€nse dort schnatterten aber so laut, dass man ihn fand.

Dass man zum Martinstag Gans isst, kann aber auch daher kommen, dass der 11. November frĂŒher das Ende der Erntezeit markierte. Man feierte dies oft mit einem Braten. Nach getaner Arbeit ließ man es sich gut gehen - zumal danach manche Christen eine Fastenzeit bis Weihnachten begannen.

Vielleicht ist es auch profaner. Anfang November wurde frĂŒher das Vieh geschlachtet, das man nicht ĂŒber den Winter durchfĂŒttern konnte. So wurde oftmals in dem Zeitraum - und vor der Adventsfastenzeit - Gans gegessen.

Heute ist der 11. November vielen Menschen in Deutschland gar nicht mehr in erster Linie als Martinstag prĂ€sent. In Karnevalsgegenden denkt man in erster Linie an den Start in die fĂŒnfte Jahreszeit.

Und viele JĂŒngere frönen der Selbstliebe - denn: Der 11.11. wurde wegen der vielen Einsen im Datum zum Single-Tag erklĂ€rt. Der wurde zunĂ€chst in China begangen, inzwischen ist er weltbekannt und kommerzialisiert.

In Frankreich ist der 11. November ein Feiertag - jedoch aus keinem der bisher genannten GrĂŒnde. Hier gedenkt man des Waffenstillstands von CompiĂšgne (Armistice), der die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendete.

Festtagsgans kommt meist aus dem Ausland

ZurĂŒck zur deutschen GĂ€nsezeit. Der Selbstversorgungsgrad Deutschlands bei GĂ€nsefleisch ist vergleichsweise gering: Rund 80 Prozent kommen aus dem Ausland (meist Polen und Ungarn). Deshalb verdirbt eine Vogelgrippewelle hierzulande auch nicht den Ganspreis.

In einigen LĂ€ndern werden SchnellmastgĂ€nse innerhalb von zehn Wochen mit konzentriertem Kraftfutter auf Schlachtgewicht gebracht. In LĂ€ndern wie Frankreich, Belgien, Spanien, Ungarn ist zudem die Zwangsmast ĂŒber ein Rohr in den Hals erlaubt (bis zum FĂŒnffachen der eigentlichen Nahrungsmenge).

Die so erzeugte Stopfleber, die buttrig-nussig schmeckt, ist bei Gourmets beliebt - auch in Deutschland. Ihr Verkauf ist hierzulande erlaubt, ihre Produktion aber nicht. Im frankophonen Sprachraum wird Foie gras zwar ganzjÀhrig gegessen, gilt aber - und da sind wir wieder bei den FeiertagsbrÀuchen - auch als besondere Delikatesse zum Fest.

@ dpa.de