Edgar, Cut

Edgar Cut und Co: Haarspaltereien um Frisuren

02.11.2023 - 17:01:09 | dpa.de

Gehypter Topfschnitt, Jungs mit Dauerwelle: Was ist bloß mit jungen MĂ€nnern los? Der Edgar Cut offenbart beispielhaft, wer bei bestimmten Trends nicht mehr mitkommt und wie manche MĂ€nner heute ticken.

Ein Friseur schneidet die Haare eines Kunden in einem Friseursalon. - Foto: Ricardo Rubio/Europa Press/dpa
Ein Friseur schneidet die Haare eines Kunden in einem Friseursalon. - Foto: Ricardo Rubio/Europa Press/dpa

Kein gutes Haar an der Jugend zu lassen, ist oft ein Zeichen dafĂŒr, dass jemand alt ist - zumindest im Kopf. Das scheint seit Jahrtausenden schon so zu sein. Apropos kein gutes Haar: Frisuren waren schon oft Anlass, Generationenkonflikte zu schĂŒren. Beispiele: Hippies, Punks.

In den letzten Wochen war der Edgar Cut - eine moderne Version des Topfschnitts - ein Medienthema und oft auch eine haarige Angelegenheit. Schnell war er Spott-Ziel. Boah, ist das hĂ€sslich, Ă€ußern Ältere - Ă€hnlich wie beim Vokuhila - und lĂ€stern ĂŒber die «Gen Z» (Generation Z; die seit Mitte der 90er Geborenen).

Ein Schweizer Friseur, Cheyne Lewin Hofer, machte Edgar auch in Europa zum Internet-Hit. Seine Clips (wizdomblendz) bei Tiktok und Co. werden millionenfach geklickt. Auch deutsche Fans reisen demnach extra nach Zuchwil (Kanton Solothurn) zwischen Basel und Bern.

Was ist «cleanes Line-up»?

Die Vorher-Nachher-Videos bringen den Kunden Fame. Viele Zuschauer sind vom Fachvokabular in den Clips mit Begriffen wie Taper-Fade, Hair-Line und cleanes Line-up belustigt. Es gibt eine Menge LÀstervideos und Gags. Aktionen in TV-Shows wie «ZDF Magazin Royale» mit Jan Böhmermann oder «Late Night Berlin» mit Klaas Heufer-Umlauf kamen hinzu. «Warum haben sie dem das Toupet falschrum aufgesetzt?»

Die MĂ€nnerfrisur «Edgar»: Das ist oben lĂ€ngeres, wuscheliges Haar, gar Dauerwelle, und eine harte Kante am Pony - und dann ganz akkurat ausrasiert an den Seiten und hinten. Pisspottschnitt, Pilzfrisur sagen böse Zungen, Fachleute sagen auch «Hi-Top Fade» oder «Box Fade». Erst war der Schnitt wohl Mode in Nord- und SĂŒdamerika. Der Name soll auf den Baseballspieler Edgar MartĂ­nez zurĂŒckgehen, manche nennen auch den 90er-Jahre-Rapper Edgar Esteves. Aber irgendwie weiß man es nicht so recht. Klischee-TrĂ€ger sind jedenfalls Latino-Jungs.

Erst die Perlenkette, nun total akkurate Haarschnitte, fĂŒr die man eigentlich alle paar Tage zum Friseur muss - und dann womöglich auch noch Dauerwelle?! Sind junge MĂ€nner auf der Suche nach dem Oma-Lifestyle und 80er-Minipli-Look?

Falsche Fragen, findet Diane Weis, Professorin fĂŒr Modejournalismus in Berlin. Fast skurriler als dieses Aussehen sei meist das BedĂŒrfnis von Leuten, sich darĂŒber lustig zu machen. «Die Zuschreibung als "hĂ€sslich" oder "Oma-Frisur" - das sehen viele 18-JĂ€hrige einfach gar nicht so, weil es fĂŒr sie historisch unbelastete Looks sind.»

Weis erklĂ€rt, es gebe nun auch in Deutschland die Kultur, dass sich MĂ€nner beim Friseur (besser: Barbier) zum Styling treffen. GeprĂ€gt sei das von tĂŒrkischen und arabischen BrĂ€uchen, EinflĂŒssen afroamerikanischer Kultur oder auch von Latinos. «Wer eine akkurate Frisur will, der geht dann öfter zum Barber. Und das ist dann auch ein soziales Event. Wenn MĂ€nner gepflegt sein und gut riechen wollen, wenn sie Zeit investieren in ihr Aussehen und man das eben merkt, dann wundert das immer noch viele in Deutschland, wo es lange Zeit schon verdĂ€chtig war, wenn sich ein Mann die ZehennĂ€gel schnitt.»

In Zeiten von Tiktok-PhĂ€nomenen sei es typisch, dass manche Sachen wahnsinnig gehypt werden. Als Verweiblichung oder aber als queer mĂŒsse man den Kult um MĂ€nnerfrisuren dabei ĂŒbrigens nicht deuten, sagt Weis. «Das sind meist heteromĂ€nnliche SelbstentwĂŒrfe. Viele Frauen kennen das nur schon lĂ€nger, dass ein Friseurbesuch durchaus ein Mental-Health-Tool sein kann, also dass es gut tut, sich Zeit fĂŒr sich selber zu nehmen. Man bekommt danach Komplimente in den Kreisen, die einem wichtig sind, man fĂŒhlt sich einfach gut.»

Auch der Kulturwissenschaftler Moritz Ege von der UniversitĂ€t ZĂŒrich sieht einen grundsĂ€tzlichen Wandel bei vielen Jungs und jĂŒngeren MĂ€nnern: «Dieses Bekenntnis dazu, gut aussehen zu wollen und sich dafĂŒr auch anzustrengen, das ist etwas, das lange Zeit in vielen Kontexten als unvertrĂ€glich mit konventioneller MĂ€nnlichkeit galt. Das hat sich aber in den letzten Jahrzehnten qualitativ verĂ€ndert.»

Nachwachsen der Haare zeigt VitalitÀt

Ege, Professor fĂŒr PopulĂ€re Kulturen und Empirische Kulturwissenschaft, sieht das als schleichenden Prozess seit der medialen Figur des Metrosexuellen in den spĂ€ten 90ern und frĂŒhen Nullerjahren. Körperpflege und Körpermodellierung seien fĂŒr MĂ€nner seitdem viel selbstverstĂ€ndlicher geworden. «Damals wurde mit Verwunderung ĂŒber gestylte junge MĂ€nner als "Metrosexual" gesprochen. Hetero-MĂ€nner wĂŒrden sich jetzt - wie sonst angeblich nur Schwule - aufwendig hĂŒbsch machen», sagt Ege. «Das alles ist etwas, was heute bei den Kategorien vieler junger Menschen keinen Sinn mehr ergibt, einfach weil es diese VerblĂŒffung nicht mehr so gibt.»

Zur Edgar-Frisur sagt Ege allgemein: «Kopfhaar hat immer eine gewisse Sprengkraft, weil es mit seinem stĂ€ndigen Nachwachsen VitalitĂ€t symbolisiert und sich auch deshalb als Natursymbol anbietet und Haareschneiden dann fĂŒr die BĂ€ndigung des NatĂŒrlichen steht.» Das sei ein Spiel von Natur und Kultur, eine Selbstdisziplinierung, wenn man an den Aufwand denkt, der fĂŒr eine korrekte Haartracht nötig ist.

Und der Edgar im Speziellen? «Diese Frisur kennzeichnet besonders das Versöhnen der WidersprĂŒche: extreme Kante und Fade und dann wuschelige Haare drĂŒber.» Auch hierzulande, sagt Ege, werden wir uns daran gewöhnen, dass es auch in der MĂ€nnermode mehr milieuspezifische Ästhetiken und schnell wechselnde Trends gibt.

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