Hunderte Tote nach Erdrutsch in Papua-Neuguinea befĂŒrchtet
26.05.2024 - 15:11:10Knapp drei Tage nach dem Erdrutsch in einem abgelegenen Hochlandgebiet in Papua-Neuguinea scheint das AusmaĂ der Katastrophe noch gewaltiger als anfangs befĂŒrchtet. Wie viele Menschen tatsĂ€chlich starben, ist in der kaum zugĂ€nglichen Enga Provinz des Pazifik-Staats weiter völlig ungewiss.
Die Internationale Organisation fĂŒr Migration (IOM) ging von mindestens 670 Toten aus, wie die Abteilung der Vereinten Nationen der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage bestĂ€tigte. Ărtliche Vorsteher und andere Behördenvertreter hĂ€tten geschĂ€tzt, dass 150 oder mehr HĂ€user begraben wurden, als am frĂŒhen Freitag gegen 3 Uhr die Erde abging, erklĂ€rte der IOM-Missionschef fĂŒr Papua-Neuguinea, Serhan Aktoprak. Auf Basis dieser SchĂ€tzung mĂŒsse angenommen werden, dass mindestens 670 Bewohner ihr Leben verloren. Die HĂ€user seien sechs bis acht Meter tief unter dem Geröll begraben worden.
Die UN konnte am Sonntag lediglich fĂŒnf Tote bestĂ€tigen, deren Leichen bislang geborgen werden konnten. Es gebe zudem Verletzte, darunter mindestens 20 Frauen und Kinder.
Die Zahl der Todesopfer könnte Hilfsorganisationen zufolge steigen, da unklar war, wie viele Menschen tatsĂ€chlich im betroffenen Gebiet lebten. Nach offiziellen ZĂ€hlungen sollten in dem Gebiet knapp 4000 Menschen wohnen. Allerdings dĂŒrften sich Hilfsorganisationen zufolge mehr Menschen dort aufgehalten haben.
Ein Dorf ist komplett verschĂŒttet
Das Dorf Yambali sei in Zufluchtsort fĂŒr Bewohner umliegender Ortschaften, die von anhaltenden Konflikten vertrieben wurden, berichtete die vor Ort engagierte australische Hilfsorganisation Care. Auch Care konnte keine genaueren Opferzahlen benennen. «Das könnte auch fĂŒr einige Zeit noch so bleiben», erklĂ€rte eine Sprecherin. Der nachtschlafende Zeitpunkt des UnglĂŒcks lasse annehmen, dass viele Bewohner auch tatsĂ€chlich zuhause gewesen seien.
Ărtlichen Medien zufolge verschwand das Dorf Yambali komplett unter den Erdmassen. Neben HĂ€usern sollen sich nach Angaben des australischen Senders ABC auch zwei Gesundheitszentren an der UnglĂŒcksstelle befunden haben.
Die UnzugĂ€nglichkeit der Region und die Massen an abgerutschter Erde lieĂen die Hoffnung, doch noch lebendige Menschen zu finden, schnell schwinden. Die zentrale Provinz Enga ist geprĂ€gt durch tropische WĂ€lder und eine gewaltige Bergkette mit zerklĂŒfteten TĂ€lern, teils nicht mit StraĂen erschlossen und nur auf dem Luftweg erreichbar.
Die mehrheitlich in StĂ€mmen organisierte Bevölkerung lebt dort oft sehr fĂŒr sich, der nĂ€chste gröĂere Ortschaft ist weit weg - ganz zu schweigen von der rund 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Port Moresby.
Lage Ă€uĂerst gefĂ€hrlich - Erdmassen weiter in Bewegung
Selbst die Provinzhauptstadt Wabag liegt UN-Angaben zufolge rund zwei Stunden entfernt und ist nur ĂŒber eine weitgehend unbefestigte StraĂe erreichbar, die durch kĂŒrzliche Erdrutsche in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der StraĂen-Zugang zum westlich gelegenen Distrikt Porgera sei nach dem jĂŒngsten Erdrutsch momentan noch komplett blockiert. So dauerte es, bis die verzweifelt erwartete Hilfe von auĂen allmĂ€hlich zu dem UnglĂŒcksort durchdrang.
Vor Ort versuchten die Menschen, mit einfachen Werkzeugen und Waffen VerschĂŒttete freizulegen. Es fehlte es weitgehend an schwerem GerĂ€t. Ein örtlicher GeschĂ€ftsmann habe seinen Bagger in die Gegend gebracht und zur VerfĂŒgung gestellt, erklĂ€rte Aktoprak. Allerdings gebe es vor Ort kulturelle Empfindlichkeiten, die dieser Art von Bergungshilfe im Weg stehen könnten.
Zudem blieb die Lage weiter Ă€uĂerst gefĂ€hrlich und instabil. Die Erde rutsche weiter und drĂŒcke damit auf die umliegenden HĂ€user, weshalb rund 1250 Anwohner, die die Katastrophe ĂŒberlebt hatten, evakuiert wurden, so Aktoprak. Auch seine Kollegen hĂ€tten sich bei ihrem Eintreffen erst einmal selbst in Sicherheit bringen mĂŒssen. «Gesteinsbrocken fallen weiter nonstop herab und die Erde bewegt sich weiter», beschrieb der IOM-Missionschef dem australischen Sender ABC.
Laut der Hilfsorganisation Care bemĂŒhte sich das MilitĂ€r darum, die Ăberlebenden in Versorgungszentren unterzubringen - was sich angesichts des instabilen Untergrundes als schwierig erweise. Nach UN-Angaben war mittlerweile ein Noteinsatz-Team bestehend aus KrĂ€ften von Behörden der Provinz und des Staates, Armee, Polizei sowie UN-Mitarbeitern vor Ort. Auch die Regierungen von Australien, Frankreich und der USA erklĂ€rten, ihre LĂ€nder stĂŒnden zur Hilfe bereit.
Immer wieder schwere RegenfÀlle und Erdbeben auf Insel Neuguinea
Es sind rohe Naturgewalten, die auf die tropische Insel Neuguinea nördlich von Australien wirken und sich zusammen schnell zur Katastrophe potenzieren: Wegen der NĂ€he zum Ăquator sind schwere RegenfĂ€lle keine Seltenheit. Dazu kommt die Lage auf dem sogenannten Pazifischen Feuerring, einer der seismisch aktivsten Gegenden der Erde. Erst vor wenigen Tagen erschĂŒtterte ein Beben der StĂ€rke 4,5 die Provinz Enga. Was genau den Erdrutsch auslöste, war aber am Wochenende noch unklar.
ZusÀtzlich zur komplexen Lage erschwerte laut UN-Mann Aktoprak ein Disput den Rettungseinsatz, der auf halber Strecke ins Katastrophengebiet im Dorf Tambitanis zwischen zwei Clans eskaliert sei. Bislang seien dabei acht Menschen getötet und 35 Wohn- und GeschÀftshÀuser niedergebrannt worden.


