Tod am K2: Haben Bergsteiger den sterbenden Mann ignoriert?
10.08.2023 - 16:43:58Nach dem Tod eines BergtrÀgers am K2 in Pakistan mehrt sich Kritik wegen unterlassener Hilfeleistung. Eine Untersuchung des Falls, der bereits viel Aufsehen ausgelöst hat, wurde von den pakistanischen Behörden vorangetrieben.
DafĂŒr wĂŒrden nun Zeugen gehört, sagte Rahat Karim Baig, Mitglied einer Untersuchungskommission, der Deutschen Presse-Agentur. «Die wichtigste Aussage wĂ€re die des anderen HöhentrĂ€gers.» Dieser habe mit dem spĂ€ter verunglĂŒckten Mann das Seil befestigt und ihn fallen gesehen. Auch die Rolle professioneller Touranbieter solle untersucht werden.
Vor rund zwei Wochen war der 35 Jahre alte pakistanische BergtrĂ€ger Mohammed Hassan am asiatischen Achttausender K2 gestĂŒrzt und schlieĂlich ums Leben gekommen. Sein Tod löste einen Aufschrei aus, nachdem Videos bekannt wurden, die ihn am UnglĂŒcksort noch am Leben gezeigt hatten. Laut der Touristenbehörde in der nördlichen Provinz Gilgit-Baltistan war Hassan das erste Todesopfer dieser Saison am K2.
Der österreichische Alpinist Wilhelm Steindl kritisierte das Verhalten vieler Bergsteiger an der UnglĂŒcksstelle. Ausweislich der von seinem Kameramann gemachten Drohnenaufnahmen seien rund 70 Bergsteiger an der engen Stelle in etwa 8300 Metern an dem Sterbenden vorbeigegangen, sagte Steindl am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. «Vielleicht hatten sie einen Tunnelblick.»
Zeugenaussagen und Drohnenaufnahmen
Steindl könne nicht einschĂ€tzen, wie die Passierenden die Situation wahrgenommen hĂ€tten. Den Willen vieler Bergsteiger, sich auf dem Weg zum zweithöchsten Gipfel der Erde nicht aufhalten zu lassen, illustriere aber das Verhalten gegenĂŒber dem einzigen Helfer, sagte Steindl. Der helfende Bergsteiger hatte Hassan demnach zuvor mehrere Meter am Seil in die Spur zurĂŒckgehievt. «Er wurde kritisiert, dass er einen Stau produziere», sagte Steindl.
Aufgrund von Zeugenaussagen und Drohnenaufnahmen lasse sich rekonstruieren, dass der TrĂ€ger gegen 2.30 Uhr am 27. Juli abgestĂŒrzt und wohl zwischen 8 Uhr morgens und 12 Uhr gestorben sei. Der Grund fĂŒr den Absturz sei unklar. Zuvor sei eine Lawine abgegangen, möglicherweise sei auch eine Eisplatte weggebrochen, so Steindl. «FĂŒr einen zahlenden Kunden aus dem Westen wĂ€re auf alle FĂ€lle eine Rettungsaktion gestartet worden.»
Kritik kam auch vom PrĂ€sidenten des pakistanischen Alpinclubs: «Es ist bedauerlich, dass niemand anhielt, um dem sterbenden Mann zu helfen», sagte Abu Zafar Sadiq der dpa. Mehrere Lawinen seien am UnglĂŒckstag an einem Engpass am K2 ausgelöst worden, der schwierigsten und tödlichsten Stelle vor dem Gipfel. Vielleicht seien deshalb Bergsteiger selbst nicht zur Hilfe geeilt, sagte Sadiq.
«Einige der Bergsteiger wurden von den Lawinen getroffen, aber zum GlĂŒck wurde niemand mitgerissen», berichtete der PrĂ€sident des Alpinvereins. «Ein weiterer Grund könnte sein, dass Menschen sich beeilen wollen, um ihren Traum zu erfĂŒllen, wenn sie nur noch wenige Meter von ihrem Ziel entfernt sind. Wie auch immer die UmstĂ€nde waren, jemand hĂ€tte dem armen Kerl helfen mĂŒssen», sagte Sadiq.
Sturm auf die Gipfel
Nach der Coronapandemie verzeichnete das sĂŒdasiatische Land einen regelrechten Sturm auf seine Gipfel, sagte Naiknam Karim, ein frĂŒherer Bergsteigerprofi der dpa. Damit sei auch die Zahl der benötigten Helfer gestiegen. «Deshalb sind so viele Menschen mit einer geringen oder gar keiner Ausbildung in diesem Bereich tĂ€tig geworden, um schnelles Geld zu verdienen», sagte Karim. Er kritisierte zudem fehlendes Training und Rechtssicherheit.
Auch die norwegische Bergsteigerin Kristin Harila bestieg am UnglĂŒckstag im Rahmen einer Rekordjagd den K2. Im Interview mit der «SĂŒddeutschen Zeitung» erzĂ€hlte Harila vor rund einer Woche vom Absturz Hassans. «Er hing kopfĂŒber in seinem Seil. Nach unserem Abstieg haben wir erfahren, dass er gestorben ist.»
Immer wieder kommt es im pakistanischen Gebirge und den angrenzenden LĂ€ndern im Himalaya zu tödlichen UnfĂ€llen. Der 8611 Meter hohe K2 in Pakistan ist der zweithöchste Berg der Erde und gilt als weit anspruchsvoller als der Mount Everest, der höchste Berg der Welt. GrĂŒnde sind unter anderem die steile Route und die Lawinengefahr. Den K2 haben bisher nur gut 300 Menschen bestiegen.


