Lahav Shani, Israel-Wahl

Israel-Wahl: Shani fordert Verantwortung und gleiche Rechte

Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 13:46 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker verlangt von Israels künftiger Führung Rechenschaft für Versäumnisse beim Hamas-Massaker und gleiche politische Rechte für arabische Bürger. Seine Stellungnahme erscheint vor einer Wahl, bei der arabische Parteien für die Regierungsbildung entscheidend werden könnten.

Shanis Forderungen vor der Knesset-Wahl

  • Lahav Shani verlangt von künftigen Regierenden Verantwortung für Versäumnisse rund um den 7. Oktober 2023.
  • Der Dirigent bezeichnet den pauschalen Boykott arabischer Parteien als rassistisch motiviert.
  • Bei der Parlamentswahl am Dienstag könnten arabische Parteien zum Zünglein an der Waage werden.
Der Dirigent Lahav Shani äußert sich kritisch zur Zukunft Israels. (Archivbild) - Bild: Peter Kneffel/dpa

Shani kritisiert Israels Regierung vor der Wahl

Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Lahav Shani, hat sich vor der Wahl in Israel mit kritischen Worten an seine Landleute gewandt. Er fordert Verantwortung für Versäumnisse im Zusammenhang mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober und spricht sich für die Gleichberechtigung arabischer Bürger Israels aus.

Dirigent verurteilt Boykott arabischer Parteien

Wer Israel führen wolle, müsse die gesamte Bevölkerung vertreten, schreibt Shani in einem persönlichen Statement, das auch auf Hebräisch in der Tageszeitung „Haaretz“ veröffentlicht wurde. Den pauschalen Boykott arabischer politischer Parteien bezeichnet er als „beschämend und rassistisch motiviert“.

Rund ein Fünftel der etwa zehn Millionen Israelis sind arabische Staatsbürger. Bei der für Dienstag angesetzten Parlamentswahl zeichnet sich laut Umfragen ein knappes Rennen zwischen dem Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seinen Gegnern ab.

Arabische Parteien könnten Regierungsbildung beeinflussen

Arabische Parteien könnten damit zum Zünglein an der Waage werden. Netanjahu und politische Verbündete haben ihre Beteiligung an Bündnissen wiederholt infrage gestellt; auch Teile der jüdischen Opposition schließen eine Koalition mit arabischen Parteien aus.

Als Gründe werden Sicherheitsbedenken und die Haltung einzelner arabischer Abgeordneter zu palästinensischen Organisationen genannt. Kritiker verweisen zudem darauf, dass einzelne arabische Parteien die Definition Israels als jüdischen Staat ablehnen, weil sie darin eine Diskriminierung der arabischen Minderheit sehen.

Shani fordert Mitgefühl für beide Seiten

Der Dirigent ruft zu mehr Empathie für Israelis und Palästinenser auf. Ohne gegenseitiges Mitgefühl werde es niemals eine Lösung für den Konflikt geben, schreibt er.

Mit Blick auf politische und nachrichtendienstliche Versäumnisse rund um den 7. Oktober kritisiert Shani, es sei inakzeptabel, wenn sich jemand, der an der Macht bleiben wolle, der öffentlichen Rechenschaftspflicht entziehe. Angesichts der ausufernden Gewalt von Siedlern im Westjordanland fordert er eine klare Verurteilung und ein Eingreifen.

Kritik an Äußerungen israelischer Politiker

Shani wendet sich auch gegen Äußerungen israelischer Politiker, die einen Atombombenabwurf auf den Gazastreifen als Option bezeichnet hätten. Solche Aussagen erschwerten es selbst Freunden Israels, das Land zu verteidigen, schreibt er.

Am 7. Oktober 2023 töteten Hamas-Terroristen rund 1.200 Menschen in Israel und verschleppten mehr als 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen. Der Überfall löste den Gaza-Krieg aus; nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden dort seitdem mehr als 74.000 Palästinenser getötet.

Druck auf israelische Künstler

Auch israelische Künstlerinnen und Künstler seien wachsendem Druck ausgesetzt, schreibt Shani. Er erinnert an einen Auftritt des Israel Philharmonic Orchestra und von ihm in Paris, bei dem vor etwa einem Jahr Randalierer im Saal Feuer entzündet und Gegenstände geworfen hätten.

Eine Meinung zu äußern sei legitim, Einschüchterung und Gewalt seien es nicht. Shani ist Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Shanis Stellungnahme fällt in eine Wahlphase, in der Sicherheitsfragen, die Verantwortung für das Hamas-Massaker und der Umgang mit der arabischen Minderheit eng miteinander verbunden sind. Die arabischen Parteien können bei einem knappen Kräfteverhältnis eine wichtige Rolle bei der Bildung einer Regierung spielen.

Rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung besitzt die arabische Staatsbürgerschaft. Ihre politische Einbindung bleibt jedoch umstritten: Befürworter verweisen auf demokratische Repräsentation, Gegner auf Sicherheitsbedenken und unterschiedliche Positionen zum jüdischen Charakter des Staates.

Politischer Druck vor der Wahl

Die Wahl findet vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs und anhaltender Spannungen im Westjordanland statt. Shani verbindet deshalb mehrere Ebenen: die Aufarbeitung staatlicher Versäumnisse, gleiche politische Rechte und Mitgefühl für israelische wie palästinensische Betroffene.

Sein Statement ist auch deshalb ungewöhnlich, weil er als international tätiger Künstler zwei prominente Leitungsfunktionen innehat. Es macht sichtbar, dass der politische Konflikt nicht nur Parteien und Institutionen betrifft, sondern auch das öffentliche Auftreten israelischer Kulturschaffender.

Für die Regierungsbildung dürfte entscheidend sein, ob politische Lager eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien ausschließen oder zumindest eine Unterstützung außerhalb einer formellen Koalition akzeptieren. Zugleich bleibt offen, wie stark die Forderung nach Rechenschaft für den 7. Oktober den Wahlkampf prägt.

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