Israel, Gaza-Krieg

Israelische Armee prüft rechtliche Schritte gegen Venedig-Preisträger «NAZA»

Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 17:57 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die israelische Armeeführung reagiert mit der Prüfung rechtlicher Schritte auf den in Venedig ausgezeichneten Dokumentarfilm «NAZA» über den Gaza-Krieg. Der Konflikt um die Darstellung der Kriegsführung gewinnt damit eine neue politische und juristische Dimension.

Yuval Abraham (l) und Rachel Szor bei den Filmfestspielen in Venedig.  - Bild: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa
Yuval Abraham (l) und Rachel Szor bei den Filmfestspielen in Venedig. - Bild: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

Die israelische Armee prüft rechtliche Schritte gegen den beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneten Dokumentarfilm «NAZA» über den Gaza-Krieg.

Armee lässt juristische Optionen prüfen

Nach Angaben der Streitkräfte hat Generalstabschef Ejal Zamir den Militärstaatsanwalt nach einer Beratung angewiesen, mögliche rechtliche Schritte im Zusammenhang mit dem Film und den daran Beteiligten zu prüfen und voranzutreiben. Dabei geht es den Angaben zufolge unter anderem um die Verbreitung falscher Behauptungen über Soldaten der israelischen Armee sowie mögliche Auswirkungen auf deren persönliche Sicherheit und die Sicherheit des Staates. Zudem sollen Fragen der Informationssicherheit und eine mögliche Weitergabe geheimer Materialien durch Beteiligte geprüft werden.

Inhalte und Machart des Films «NAZA»

Der Dokumentarfilm «NAZA» von Rachel Szor und Yuval Abraham beschäftigt sich mit den mutmaßlichen Mechanismen hinter der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen. Abraham interviewt darin 24 israelische Militär- und Geheimdienstmitarbeiter, deren Stimmen digital verfremdet und deren Gesichter unkenntlich gemacht wurden. Die anonymen Gesprächspartner schildern unter anderem, wie Ziele im Gazastreifen ausgewählt und wie viele zivile Opfer bei Angriffen einkalkuliert würden. Der Titel des Films leitet sich von einem hebräischen Kürzel für Kollateralschaden ab.

Politische Reaktionen in Israel

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete den Film in einem Video als erschreckend. Er erklärte, man kämpfe gegen weltweite antisemitische Hetze, doch wenn sie aus der eigenen Mitte komme, sei dies unerträglich. In dem Video griff der Premier zudem politische Rivalen bei der israelischen Parlamentswahl im kommenden Monat an und verband seine Kritik an «NAZA» mit innenpolitischen Vorwürfen.

Armee weist Vorwürfe entschieden zurück

Die israelische Armee weist die im Film erhobenen Vorwürfe scharf zurück. Sie kritisiert insbesondere, dass die Dokumentation auf anonymen Aussagen beruhe, deren Urheber und tatsächliche Funktion im Militär nicht überprüft werden könnten. Angaben zu einem Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Zielauswahl dementiert die Armee ausdrücklich. Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden demnach ausschließlich von menschlichem Personal getroffen.

Zamir spricht von Verleumdung

Generalstabschef Zamir bezeichnete «NAZA» nicht als kritischen Film über die Armee, sondern als Verleumdung und eine bewusste Verzerrung der Realität mit lügnerischen und schwerwiegenden Anschuldigungen gegen Soldaten und Kommandeure. Die Armee werde nach seinen Worten alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um ihre Soldaten und das Ansehen des Militärs zu schützen.

Hintergrund: Hamas-Angriff und Opferzahlen

Der Gaza-Krieg begann nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, bei dem in Israel rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Seither sind nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 73.600 Palästinenser getötet worden.

Kontroverse um Kriegsdokumentation und Informationskrieg

Der Streit um den Film «NAZA» fällt in eine Phase, in der der Gaza-Krieg seit fast einem Jahr nicht nur militärisch, sondern auch als Kampf um Deutungshoheit geführt wird. Der Dokumentarfilm stellt anhand anonymisierter Aussagen von Militär- und Geheimdienstangehörigen interne Mechanismen der israelischen Kriegsführung in den Mittelpunkt und berührt damit einen besonders sensiblen Bereich: die Frage, wie Staaten militärische Gewalt planen, legitimieren und gegenüber der eigenen Bevölkerung wie der Weltöffentlichkeit darstellen.

Innenpolitische Dimension in Israel

Die scharfe Reaktion des Generalstabschefs und die Ankündigung möglicher rechtlicher Schritte fügen sich in ein innenpolitisch aufgeheiztes Klima in Israel. Der Premierminister greift in seiner Video-Botschaft nicht nur den Film an, sondern bindet ihn an den bevorstehenden Wahlkampf und spricht von antisemitischer Hetze aus den eigenen Reihen. Damit wird die Auseinandersetzung um «NAZA» Teil einer größeren politischen Debatte darüber, wie Kritik an der Kriegsführung einzuordnen ist und wo aus Sicht der Regierung die Grenze zur Verleumdung überschritten wird. Für die israelische Armee geht es zugleich um die öffentliche Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Darstellungen zu Zielauswahl, Einsatz von Technologie und Schutz ziviler Bevölkerung.

Bedeutung für internationale Öffentlichkeit

International erhält der Film zusätzliche Aufmerksamkeit, weil er in Venedig mit einem Spezialpreis der Jury geehrt wurde und damit ein renommiertes Festival indirekt die Relevanz des Themas hervorhebt. Zugleich stehen die sehr hohen Opferzahlen im Gazastreifen, die von der dortigen Gesundheitsbehörde genannt werden, im Hintergrund jeder Diskussion über die Kriegsführung. Für Leserinnen und Leser zeigt der Vorgang, wie stark Kultur, Politik und Militär inzwischen miteinander verflochten sind: Dokumentarfilme werden zu Auslösern politischer und juristischer Reaktionen, während Staaten versuchen, ihre Narrative gegenüber einem globalen Publikum zu verteidigen.

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