Gewalt unter MĂ€dchen - Warum schlagen Teenager zu?
22.02.2024 - 06:16:29Sie sollen ihre Opfer bedroht, geschlagen und gefilmt haben. Entsetzen kam auf, als die VorwĂŒrfe gegen MĂ€dchen aus Heilbronn und Rastatt im vergangenen Jahr bekannt wurden. Seit heute beschĂ€ftigt sich ein Gericht hinter verschlossenen TĂŒren mit dem Heilbonner Fall.
Gemeinhin werden kriminelle Jugendgangs mit mĂ€nnlichen Teenagern verbunden. MĂ€dchen als TĂ€terinnen sind immer noch selten und ĂŒberraschend. Der mutmaĂliche Heilbronner Fall ist ein Beispiel: Dort wird eine Gruppe von MĂ€dchen fĂŒr zwei Dutzend Körperverletzungen verantwortlich gemacht.
Ein weiter Gewaltausbruch im badischen Rastatt, wo eine 14-JÀhrige von zwei anderen Jugendlichen krankenhausreif geschlagen wurde, hatte Mitte Januar 2023 bundesweit Aufsehen erregt. In sozialen Medien kursierten Aufnahmen, auf denen zwei MÀdchen zu sehen sind, die ihr Opfer am Bahnhof zusammenschlagen und mehrmals gegen Kopf und Körper der am Boden Liegenden treten.
Vor einem Jahr hatte das Martyrium einer 13-JĂ€hrigen im schleswig-holsteinischen Heide eine Debatte darĂŒber ausgelöst, ob eine frĂŒhere StrafmĂŒndigkeit ein wirksames Mittel bei der BekĂ€mpfung von JugendkriminalitĂ€t sein könnte. Vier weiblichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren wurden je 50 Arbeitsstunden auferlegt, weil sie die 13-JĂ€hrige im Februar 2023 geschlagen und gedemĂŒtigt und die Tat gefilmt hatten. Zu welcher BrutalitĂ€t schon Kinder fĂ€hig sind, zeigt auch der Fall einer ZwölfjĂ€hrigen aus dem nordrhein-westfĂ€lischen Freudenberg. Eine 12- und ein 13-JĂ€hrige hatten gestanden, das MĂ€dchen im MĂ€rz vergangenen Jahres erstochen zu haben.
Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) erreichte die Zahl der FĂ€lle, bei denen MĂ€dchen anderen MĂ€dchen Gewalt angetan haben, im Jahr 2022 mit 2295 einen traurigen Höhepunkt. In den neun Jahren zuvor lag der Wert stets unter 2000. Zuletzt war 2012 mit 2062 die Marke von 2000 FĂ€llen ĂŒberschritten worden. Statistisch erfasst wurden Gewaltdelikte, bei denen mindestens ein weibliches Opfer unter 18 Jahren und mindestens eine weibliche TatverdĂ€chtige unter 18 Jahren beteiligt waren.
Weibliche TatverdÀchtige bleiben «EinzelfÀlle»
Das Landeskriminalamt Baden-WĂŒrttemberg beobachtet diese Entwicklung schon seit LĂ€ngerem. «Es bleiben jedoch eher EinzelfĂ€lle», sagt eine Sprecherin. Die Heilbronner Clique falle nicht in die Kategorie «Banden». Laut Bundesgerichtshof sei eine Bande ein Zusammenschluss von mindestens drei Menschen, die Delikte wie Nötigung, Bedrohung oder SachbeschĂ€digung begehen und sich dazu ausdrĂŒcklich oder stillschweigend zusammentun. Im Gegensatz dazu schlössen sich MĂ€dchen in wechselnder, situativer oft spontaner Besetzung zusammen.
Dennoch wurde die Heilbronner Gruppe aus mindestens zehn und bis zu 30 gewaltbereiten MĂ€dchen als MĂ€dchenbande oder -gang bekannt. Einige von ihnen werden verdĂ€chtigt, zwischen Juli und August vergangenen Jahres SachbeschĂ€digungen und in mindestens 23 FĂ€llen Körperverletzung begangen zu haben. Zuletzt sollen fĂŒnf der MĂ€dchen in der Nacht zum 13. August ein Auto zerkratzt und zwei 20-jĂ€hrige Frauen verletzt haben. Ein GroĂteil der Taten wurde mit Handys gefilmt.
Drei mutmaĂliche Beteiligte stehen deshalb vor dem Heilbronner Amtsgericht. Wegen des jungen Alters der Beschuldigten wird nicht öffentlich verhandelt. VerstoĂen junge Menschen vor ihrem 14. Geburtstag gegen das Gesetz, gelten sie als schuldunfĂ€hig und gehen straflos aus.
Beleidigungen spielen wesentliche Rolle
GewalttĂ€tigkeit von Kindern und Jugendlichen weiblichen Geschlechts beobachtet eine Expertin seit Jahren - mal mehr, mal weniger. Die beiden baden-wĂŒrttembergischen FĂ€lle im vergangenen Jahr stellten bereits einen Höhepunkt dar, sagt Dagmar PreiĂ vom Stuttgarter MĂ€dchengesundheitsladen. Sie seien typisch, weil sich die AggressivitĂ€t gegen Opfer des gleichen Geschlechts richte. Beleidigungen spielten in Konflikten zwischen MĂ€dchen eine groĂe Rolle, insbesondere wenn sie einhergingen mit der angedrohten Verbreitung und tatsĂ€chlichen Veröffentlichung von Nacktfotos.
Zu den hĂ€ufigeren Delikten von MĂ€dchen-Gangs gehören auch KaufhausdiebstĂ€hle. «Da werden von oben nach unten Kleider, Kosmetika und Taschen mitgenommen», erlĂ€utert die Sozialwissenschaftlerin. Oft werden die Gruppen von ein, zwei besonders forschen MĂ€dchen angefĂŒhrt, die zwar vor Gewalt nicht zurĂŒckschrecken, massive Formen wegen des noch geschlechtstypischen BedĂŒrfnisses nach Harmonie aber unterlassen, wie PreiĂ erlĂ€utert. «Bei MĂ€dchen droht bei zu viel GewaltausĂŒbung der Statusverlust, wĂ€hrend Bosse in Jungenbanden ihren FĂŒhrungsanspruch mit besonderer BrutalitĂ€t untermauern können.» Die Gruppenmitglieder seien keiner sozialen Schicht zuzuordnen: «Das geht von der FörderschĂŒlerin bis zur Gymnasiastin.»
GröĂtenteils Delikte im öffentlichen Raum
Die LKA-Sprecherin verweist auf Untersuchungen, die nahe legen, dass die psychische Belastung der Corona-MaĂnahmen besonders bei Kindern und Jugendlichen auch mittelfristig bestehen bleibt. «Dies stellt einen Risikofaktor fĂŒr die GewaltkriminalitĂ€t unter MinderjĂ€hrigen dar, vornehmlich, wenn sie niemanden haben, der ihnen den Umgang mit der Belastung zeigt», erlĂ€utert sie.
BKA-Experten betonen, die niedrige Anzahl an Gruppendelikten könne nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, welche negativen Auswirkungen fĂŒr die Gesellschaft damit verbunden sein könnten. HĂ€ufig handele es sich um schwerwiegende Delikte mit hoher krimineller Energie, die gröĂtenteils im öffentlichen Raum und stets aus der Gruppe heraus verĂŒbt wĂŒrden. «Neben teils gravierenden Folgen fĂŒr die körperliche und psychische Gesundheit der meist gleichaltrigen Opfer können solche Delikte zu einer nachhaltigen negativen BeeintrĂ€chtigung des SicherheitsgefĂŒhls innerhalb der Bevölkerung fĂŒhren», teilte das BKA weiter mit.


