Schwaben, Langweid

Nachbarschaftsstreit mit tödlichem Ende löst Entsetzen aus

29.07.2023 - 17:07:24

Langweid ist ein ruhiges Dorf nahe Augsburg. Doch nun wurde es zum Tatort einer blutigen Auseinandersetzung. Ein Mann soll dort drei Nachbarn erschossen und zwei weitere verletzt haben.

Fassungslos zeigen sich die Menschen in dem beschaulichen Dorf Langweid am Tag nach den tödlichen SchĂŒssen eines 64-JĂ€hrigen auf drei Nachbarn. Der Deutsche soll die zwei Frauen und einen Mann in einem Mehrfamilienhaus getötet haben, in dem alle zusammen wohnten. Ein Junge ist nun Waise.

Danach soll er in einem anderen Haus zwei weitere Menschen schwer verletzt haben. Das mögliche Motiv: ein Streit unter Nachbarn. Der TatverdÀchtige sitzt unterdessen in Untersuchungshaft - ermittelt wird wegen Mordes.

Der VerdĂ€chtige war nach Angaben der Polizei SportschĂŒtze. Er besaß demnach verschiedene Waffen und eine entsprechende waffenrechtliche Erlaubnis. «BR24» hatte zunĂ€chst darĂŒber berichtet. In seinem Auto und in seiner Wohnung stellten PolizeikrĂ€fte nach der Tat am Freitagabend mehrere Waffen sicher. Ob der 64-JĂ€hrige bisher polizeilich in Erscheinung getreten sei, sei derzeit noch in der KlĂ€rung, sagt Polizeisprecher Markus Trieb.

Einsatz bis in die frĂŒhen Morgenstunden

Zahlreiche EinsatzkrĂ€fte von Polizei und Rettungsdienst waren in dem Wohngebiet in Langweid am Lech bei Augsburg bis in die frĂŒhen Morgenstunden im Einsatz. Sie sperrten den Tatort mit Flatterband ab, sicherten Spuren und befragten Zeugen.

Am Samstagvormittag ist von dem Verbrechen dann nichts mehr zu sehen: Kein Flatterband, keine Polizeiwagen, nur wenige Menschen sind in dem gut 8900 Einwohner zĂ€hlenden Ort in Schwaben auf der Straße unterwegs. Eine Anwohnerin berichtet, wie sie in der Nacht von dem LĂ€rm der Hubschrauber geweckt wurde und die Spurensicherung im Garten beobachtete. Sie wirkt unglĂ€ubig und entsetzt, dass so etwas hier passieren konnte.

«Das ist ein ganz unauffĂ€lliger, ruhiger Vorort - und auch ein sicherer Ort», erzĂ€hlte Polizeisprecher Trieb. Die Freiwillige Feuerwehr hatte fĂŒr den Samstag eigentlich zu einer Party geladen. Doch nun ist niemandem nach feiern zumute. «Aufgrund der gestrigen VorfĂ€lle in Langweid haben wir die Entscheidung getroffen, unsere heutige Brandlöschparty abzusagen», heißt es auf der Homepage.

Bisherige Ermittlungen

Langweid ist ein Ort mit vielen EinfamilienhĂ€usern und ReihenhĂ€usern. MehrfamilienhĂ€user wie in der Schubertstraße gibt es eher wenige. Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei erschoss der 64-JĂ€hrige am Freitagabend zunĂ€chst im Flur eines Hauses eine 49-JĂ€hrige und ihren 52 Jahre alten Mann - die Eltern eines minderjĂ€hrigen Kindes. Der Junge befinde sich derzeit bei Familienangehörigen und werde professionell betreut, teilte die Polizei mit.

Eine 72-JĂ€hrige tötete er demnach im gleichen GebĂ€ude mit einem Schuss durch die WohnungstĂŒr. Anschließend verletzte er in einem Haus in der Hochvogelstraße eine 32-jĂ€hrige Frau und einen 44-jĂ€hrigen Mann schwer; ebenfalls mit einem Schuss durch die WohnungstĂŒr.

Diese beiden Opfer kamen ins Krankenhaus, schwebten aber nach Angaben der Polizei nicht in Lebensgefahr. Zwischen dem ersten Tatort und dem zweiten liegen mehrere Hundert Meter. Unmittelbare Nachbarn waren die zweiten Opfer also nicht. Nach den derzeitigen Erkenntnissen ist der 44-JĂ€hrige aber mit einem der Todesopfer aus der Schubertstraße verwandt.

Der VerdĂ€chtige floh nach der Tat mit seinem Auto. Kurz danach konnte die Polizei ihn stellen und festnehmen. Er leistete nach Angaben der Polizei keinen Widerstand. Wieso der Streit zwischen den Nachbarn derart eskalierte, blieb zunĂ€chst unklar. «Die HintergrĂŒnde der Tat sind aktuell Gegenstand der Ermittlungen», sagt Trieb.

Streitigkeiten erstmals 2018 gemeldet

Am Abend teilt die Polizei mit: Ende 2018 sei sie erstmals ĂŒber Nachbarschaftsstreitigkeiten in der Schubertstraße informiert worden. «Seitdem wurden nur einzelne Vorkommnisse in dem Mehrparteienhaus bekannt. Dabei kam es zu Ermittlungen wegen unterschiedlicher VorfĂ€lle, wie beispielsweise Gerangel, beleidigenden Äußerungen sowie DrohgebĂ€rden.» DarĂŒber hinaus sei der 64-JĂ€hrige nicht in polizeiliche Erscheinung getreten.

Zu dem Mehrfamilienhaus, in dem die drei Menschen getötet wurden, war die Polizei erst wenige Stunden vor der Tat - am Nachmittag - gerufen worden. «Als die Polizeistreife kurze Zeit spÀter vor Ort war, hatte sich der 64-JÀhrige bereits entfernt», teilten die Beamten mit.

Diskussionen zum deutschen Waffenrecht

Die Initiative «Keine Mordwaffen als Sportwaffen» forderte mit Blick auf die Gewalttat erneut ein Verbot tödlicher Sportwaffen. «Das Risiko tödlicher Sportwaffen ist nicht beherrschbar», teilte der Sprecher der Initiative, Roman Grafe, mit. Das deutsche Waffenrecht sei zu lasch. Die gleichen Waffen wie bei den Attentaten in Erfurt (2002), Winnenden (2009), Hanau (2020) und Hamburg (2023) seien grundsĂ€tzlich fĂŒr jeden SportschĂŒtzen problemlos zu erwerben.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wies die Forderung zurĂŒck: «Eine weitere VerschĂ€rfung des Waffenrechts steht momentan nicht zur Debatte», erklĂ€rte er. ZunĂ€chst gelte es, die HintergrĂŒnde der Tat aufzuklĂ€ren und «zu ermitteln, wieso der TĂ€ter derart ausgerastet ist». Deutschland habe bereits eines der schĂ€rfsten Waffengesetze in Europa. «Die allermeisten Straftaten, bei denen Schusswaffen verwendet werden, werden ohnehin nicht mit legalen, sondern mit illegalen Waffen begangen», betonte Herrmann.

@ dpa.de