Charlotte Lindholms letzter «Tatort»-Fall in Göttingen
10.02.2024 - 11:10:13Zum Schluss kommt es fĂŒr Charlotte Lindholm in Göttingen noch einmal ganz dicke. Eigentlich hat sich die niedersĂ€chsische Kriminalhauptkommissarin ja - nach sechs gelösten «Tatort»-FĂ€llen - fĂŒr ihre VerhĂ€ltnisse gut integriert in der malerischen UniversitĂ€tsstadt. Dorthin war die TV-Ermittlerin 2019 wegen mangelnder TeamfĂ€higkeit strafversetzt worden.
Bei Vorgesetzten und Kollegen ist sie anerkannt. Etwa bei Anais Schmitz (Florence Kasumba, «Get Up»), mit der sie nach anfĂ€nglichen Querelen inzwischen recht konfliktarm zusammenarbeitet. Und dennoch reagiert Lindholm (Maria FurtwĂ€ngler) im «Tatort»-Fall «Geisterfahrt» (Sonntag, 20.15 Uhr, das Erste) erfreut, als man ihr mitteilt, dass das Landeskriminalamt in Hannover sie gern als Fahnderin zurĂŒck hĂ€tte.
Ein Strudel an MissstÀnden
So sehnt sich die immer noch eher eigenwillige Kripobeamtin nach ihrem kleinen Sohn David, der in der Landeshauptstadt bei der GroĂmutter in Obhut ist. ZunĂ€chst muss allerdings in Göttingen ein letzter Fall gelöst werden. Das blutige Geschehen im winterlich eisigen SĂŒdniedersachsen kommt sowohl spannend als auch plakativ daher. Es lĂ€sst Lindholm mit traurigen Ereignissen in der Welt der Niedriglohn-BeschĂ€ftigten in Kontakt kommen. Auch geht es um Gewalt in der Ehe und um Ehebruch. Ein Strudel an MissstĂ€nden also, wie sie auch im wahren Leben allzu oft vorkommen und in den Medien bereits viel diskutiert werden. In diesen Sog wird Lindholm so tief hineingezogen, dass auch ihre Weste nicht weiĂ bleibt.
Am Ende wird es fĂŒr sie auch ein Abschied von Schmitz, die nach Lindholms Weggang in Göttingen bleibt und dort - so wird es angedeutet - weiter Karriere macht. Kasumba steigt aus dem Sonntagskrimi-Klassiker aus. Das hatte der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) Ende Dezember ohne nĂ€here Angaben von GrĂŒnden mitgeteilt.
Cross-over-Episode mit Kasumba
In einem weiteren «Tatort» wird die ausdrucksstarke 47-JĂ€hrige jedoch noch einmal zu sehen sein. Denn im Herbst ist in Hannover eine Cross-over-Episode gedreht worden, in der sie neben Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der sonst im Bundespolizei-«Tatort» aus Hamburg agiert, Teil einer ĂŒberregionalen Ermittlungsgruppe zu einer Messerstecherei mit Todesfolgen ist. Laut NDR soll der Film mit dem Arbeitstitel «Die kĂ€lteste Maschine» 2025 laufen.
In «Geisterfahrt» feiert Lindholm zunĂ€chst ein fröhliches Fest mit. Polizeidirektor Liebig (Luc Feit, «Berlin Babylon») wird 60 und gibt Champagner aus. In seiner launigen Ansprache macht er seine Untergebenen auch mit seiner neuen Frau Tereza (Bibiana Beglau, «Der Barcelona- Krimi») bekannt. Sie ist Ărztin und arbeitet in genau der Klinik, in deren Intensivstation alsbald zwei Menschen nach einem schweren Autounfall gebracht werden - der eine Fahrer, der andere Passant.
Es handelt sich um den rumÀnischen Fahrer Illie (Adrian Djokic), prekÀr bezahlter Sub-Sub-Unternehmer eines Paketdienstes, und um einen Teenager, der sich zufÀllig in der Innenstadt aufgehalten hatte. Kurier Illie war mit seinem Transporter direkt auf eine Menschengruppe zugerast. Aus der Feier heraus sind Lindholm und Tereza Liebig schnell am Tatort. «Amok? Suizid? Mord? Das ganze Programm», konstatiert bald darauf Schmitz.
Es geht auch wieder um Gewalt gegen Frauen
Um das Motiv zu klĂ€ren, ermitteln die beiden Polizistinnen bei dem Paketdienst, fĂŒr den Illie unterwegs gewesen war. Dort bestreitet man jede Verantwortung - und verweist auf den Subunternehmer Reichelt (Christoph Letkowski). Der fĂŒhlt sich sodann in die Enge getrieben und sinnt auf besondere MaĂnahmen.
Klar wird bei diesem gesellschaftskritischen Aspekt der «Tatort»-Geschichte, dass die Fahrer der Online-Bestellungen mit Doppelschichten ĂŒberlastet sind, finanziell ausgebeutet und sich teils nur noch mit Energiedrinks wachhalten. Die zweifelhaften VertrĂ€ge als Subunternehmer der Subunternehmer, die man den MĂ€nnern, offensichtlich alle Migranten, zur Unterschrift vorgelegt hat, können sie aus Mangel an Sprachkenntnissen kaum verstehen.
Lindholm, die an Schmitz' bevorzugtes Unfallmotiv Amok nicht glaubt und sich von ihrem autoritĂ€ren Chef Liebig nicht gerade unterstĂŒtzt sieht, kĂ€mpft wieder einmal allein auf weiter Flur.
Es gibt noch eine Tote - und das wird die Fans von Schauspieler Daniel Donskoy freuen, der die Rolle des Gerichtsmediziners Nick Schmitz spielt. Gestorben ist ein Opfer hĂ€uslicher Gewalt, das sich zu Lebzeiten nicht gewehrt hatte. Das schlĂ€gt die BrĂŒcke zur RealitĂ€t: Gewalt gegen Frauen ist ein gesellschaftliches Problem, gegen das Maria FurtwĂ€ngler im echten Leben mittels ihrer «MaLisa»-Stiftung seit 2016 mit groĂem Einsatz kĂ€mpft.Â


