Raubtiersuche bei Berlin: Zweifel an der Wildschwein-Theorie
22.07.2023 - 12:16:24Die Potsdamer TierÀrztin Michaela Ebeling zweifelt an der EinschÀtzung von Experten, dass es sich bei dem bei Kleinmachnow gesichteten Tier nicht um eine Raubkatze, sondern um ein Wildschwein gehandelt habe.
«Wenn man das Video, wie die Behörden, als echt einstuft, sieht man: Das Tier darin hat einen kurzen runden Kopf und runde Ohren - wie der Kopf einer Raubkatze», sagte Ebeling der «MÀrkischen Allgemeinen». «Wildschweine haben einen langen Kopf mit kurzen spitzen Ohren. Das wÀre schon ein sehr mutiertes Wildschwein.» Nach EinschÀtzung von Ebeling werden erst die nÀchsten Tage Klarheit bringen. Ebeling war nach eigenen Angaben an der Suche nach dem möglichen Raubtier beteiligt.
Ein Videoschnipsel mit dem vermeintlichen Raubtier hatte DonnerstagfrĂŒh die Runde durch die sozialen Netzwerke gemacht. Die Ermittlungsbehörden schĂ€tzten das Video zunĂ€chst als echt ein und starteten eine groĂangelegte Suchaktion. Polizisten gaben nach Angaben einer Behördensprecherin an, ebenfalls ein Wildtier «gesichert» gesehen zu haben. Die Suche wurde am Freitagmittag abgebrochen.
Der Zeuge, der das Video gemacht hatte, meldete auf Anfrage von «t-online» ebenfalls Zweifel an, dass es sich bei dem von ihm gefilmten Tier um ein Wildschwein handelt. «Ich kann mir das nicht vorstellen.» FĂŒr ihn sehe das Tier immer noch nicht aus wie ein Schwein.
Ergebnisse von Kot- und Haaranalysen erst am Montag
Die Ergebnisse einer Analyse von Spuren werden voraussichtlich nun erst am Montag vorliegen. «Die Laboranalyse der an der ersten Sichtungsstelle gesicherten Haar- und Kotproben ist leider noch nicht abgeschlossen, wie am heutigen Vormittag vom zustÀndigen VeterinÀramt zu erfahren war», teilte Stadtsprecherin Martina Bellack mit. «Ergebnisse sind leider erst am Montag zu erwarten.» Die Spuren waren an der Stelle bei Kleinmachnow gesichert worden, an der der Zeuge in der Nacht das Tier gefilmt hatte.
Landesinnenminister verteidigt Suche
Brandenburgs Innenminister Michael StĂŒbgen (CDU) hat den GroĂeinsatz der Polizei bei der Suche verteidigt. «Die Sicherheit der Bevölkerung hat oberste PrioritĂ€t», sagte StĂŒbgen der Deutschen Presse-Agentur. «Nach den ersten Hinweisen konnte nicht ausgeschlossen werden, dass wir es mit einem Raubtier zu tun haben - und es wĂ€re auch nicht das erste gefĂ€hrliche Tier gewesen, das in unserer Region ausgerissen ist.» Die MaĂnahmen seien daher «absolut angemessen» gewesen.
Aussagen zu den Kosten könnten vor einer Auswertung des GroĂeinsatzes nicht gemacht werden, teilte der Sprecher des Innenministeriums, Martin Burmeister, mit. Der Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Heiko Teggatz, hatte in der «Bild»-Zeitung die Kosten kritisiert. «Bei diesem Einsatz handelt es sich zweifelsfrei um die teuerste Safari, die es in Deutschlands WĂ€ldern je gegeben hat», sagte er der Zeitung. Ein solcher Einsatz mit Hubschraubern, Drohnen und mehreren Hundert EinsatzkrĂ€ften koste den Steuerzahler schnell mehrere 100.000 Euro.
Die Polizei blieb am Wochenende in Kleinmachnow mit mehr Beamten prĂ€sent - «um das subjektive SicherheitsgefĂŒhl der BĂŒrger zu stĂ€rken», wie ein Polizeisprecher sagte. Zuvor hatte es im Raum Kleinmachnow in Brandenburg und im SĂŒden Berlins gesucht.
Spöttische Kommentare In auslÀndischen Zeitungen
Es wĂ€re nicht das erste Mal gewesen, dass ein Wildtier in der Region flieht: So war im Juli 2016 ein Löwenpaar durch eine offene GehegetĂŒr im Wildpark JohannismĂŒhle (Brandenburg) entkommen. Es erkundete aber nur den umzĂ€unten AuĂenbereich. Nach zwei Stunden konnte eine TierĂ€rztin mit einem BetĂ€ubungsgewehr den Ausflug beenden. Im MĂ€rz 2011 attackierte in Neuruppin eine Zirkus-Löwin bei einer Vorstellung den Zirkusdirektor vor den Augen des Publikums und floh. Polizeibeamte erschossen sie nach einer halben Stunde in einer Gartenkolonie nahe einem Wohngebiet. Und im Oktober 2002 entkam die Tigerdame «Dava» bei einem Gastspiel eines Zirkus in Potsdam aus ihrem KĂ€fig und streifte durch den Stadtteil Babelsberg. Im Babelsberger Park konnte ein VeterinĂ€r die Tigerdame mit einem Pfeil aus einem Blasrohr betĂ€uben und einfangen.
In auslĂ€ndischen Zeitungen sorgte die abgeblasene Löwenjagd fĂŒr spöttische Kommentare: «Bedröppelt blasen die Deutschen die Jagd auf die Bestie von Berlin ab, nachdem sie zugegeben haben, dass es sich NICHT um eine Löwin handelt», schrieb die «Daily Mail». Die französische «LibĂ©ration» bemerkte mit einem Augenzwinkern: ««Die BĂŒrger von Kleinmachnow können ihre Dackel wieder hervorholen. Es besteht keine Gefahr mehr, dass die Löwin, die von Donnerstag bis Freitag 30 Stunden lang von ĂŒber 300 Polizisten gesucht wurde, ihr Haustier frisst.» Und die NBC News in den USA brachten die ĂŒberraschende Wende bei der Raubtierjagd auf den Punkt: «Eine groĂangelegte Polizeiaktion zur Suche nach einem entlaufenen Löwen nahe Berlin - an der WĂ€rmebildkameras, Hubschrauber, TierĂ€rzte und schwer bewaffnete JĂ€ger beteiligt waren - ist am Freitag auf ein Problem gestoĂen: Es gibt gar keinen Löwen.»


