Bund warnt: Organisierte KriminalitÀt wird immer brutaler
24.10.2025 - 15:51:54Ein ausgestellter einzelner Kokainfund, rund 630 Kilogramm schwer in seefesten BehĂ€ltern, konfiszierte Schusswaffen auf einem Tisch und vieles mehr: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat sich beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden ĂŒber neue Trends bei Verbrechen informiert. Der Bund schlĂ€gt in dem Zusammenhang wegen mehr tödlicher Gefahren mit Drogen und mehr Gewalt der Organisierten KriminalitĂ€t in Deutschland Alarm.
Bei der Vorstellung der beiden Bundeslagebilder RauschgiftkriminalitĂ€t und Organisierte KriminalitĂ€t 2024 mit BKA-PrĂ€sident Holger MĂŒnch und dem Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Streeck (CDU) warnt Dobrindt: «Das DrogengeschĂ€ft ist das gefĂ€hrlichste Feld der Organisierten KriminalitĂ€t. Die Zahlen bei Kokain und synthetischen Drogen steigen drastisch an.» Der Minister ergĂ€nzt: «Wir haben ein massives Drogenproblem in Deutschland.»
Labore produzierten in wenigen Wochen tonnenweise Rauschgift. Schmuggler passen sich laut Dobrindt dem Ermittlungsdruck an: «Neue Routen, neue Methoden, neue BrutalitĂ€t. Das ist kein Randproblem, das ist eine Bedrohung fĂŒr unsere Kinder, unsere Gesellschaft und unseren Rechtsstaat.»
Ermittler entdecken zahlreiche Drogenlabore
2024 haben Ermittler laut dem BKA 37 ProduktionsstĂ€tten fĂŒr Rauschgift, darunter elf GroĂlabore, sichergestellt. Die Zahl der TodesfĂ€lle alleine nach dem Konsum synthetischer Opioide wie etwa Nitazene ist von vier im Jahr 2023 auf 32 im Jahr 2024 in die Höhe geschossen. Anstiege gibt es auch bei Neuen Psychoaktiven Stoffen (NPS).
Zwar ist die Gesamtzahl der Rauschgiftdelikte 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 34,2 Prozent auf 228.104 FĂ€lle gesunken. Doch das erklĂ€ren Ermittler vor allem mit der Teillegalisierung von Cannabis im April 2024. Laut Dobrindt sind somit TĂŒr und Tor fĂŒr mehr Rauschgiftkonsum geöffnet: «Die VerfĂŒgbarkeit ist deutlich gröĂer geworden und damit auch die Nachfrage.» Drastisch formuliert der Bundesinnenminister: «Ein richtiges ScheiĂgesetz, wenn Sie mich fragen.»
Der Bundesdrogenbeauftragte Streeck spricht von einem «Boom bei Kokain, Crack und synthetischen Drogen». Der Konsum im öffentlichen Raum weite sich aus, das belaste Kommunen zunehmend. «Besorgniserregend ist vor allem, dass Konsumierende jĂŒnger und experimentierfreudiger werden», ergĂ€nzt Streeck. Sie mischten zunehmend verschiedene Drogen. Zugleich verlagere sich der Rauschgifthandel verstĂ€rkt ins Internet - «mit schwer kontrollierbaren, hochdynamischen Strukturen». Laut dem BKA reichen bei digitalen Verkaufsplattformen oft einige Klicks fĂŒr Drogenlieferungen ins Jugendzimmer.
Teils neue Strategien der DrogenhÀndler
Beim Kokain, das laut Streeck «in weiten Teilen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist», vermuten Ermittler zwar einen Erfolg bei Schutzstrategien in SeehĂ€fen etwa mit schwierigerer ZugĂ€nglichkeit von Containern fĂŒr Schmuggler. Dennoch hat es dem BKA zufolge mit wachsenden Anbaugebieten in SĂŒdamerika, alternativen Drogenrouten ĂŒber sĂŒdwesteuropĂ€ische HĂ€fen und der Lieferung mit Frachtschiffen samt Ăbergabe an kleinere Boote auch vor Deutschlands KĂŒsten 2024 «einen starken Anstieg» gegeben.Â
Die im BKA prĂ€sentierten sichergestellten rund 630 Kilo Kokain seien ein Missgeschick der Verbrecher gewesen, womöglich wegen ungĂŒnstiger Meeresströmungen oder -gezeiten oder verlorener Ortungstechnik: Das Rauschgift ist an die Insel Borkum angelandet worden.
Minister Dobrindt betont: «Das DrogengeschĂ€ft ist das gefĂ€hrlichste Feld der Organisierten KriminalitĂ€t», abgekĂŒrzt OK. Diese sei «eine der gröĂten Bedrohungen fĂŒr unseren Rechtsstaat. Sie agiert brutal und skrupellos, weltweit», bis hin «zur Einflussnahme auf EntscheidungstrĂ€ger».Â
Organisierte KriminalitÀt rekrutiert auch jugendliche TÀter
Laut dem Bundeslagebild hierzu gibt es «eine zunehmende Gewaltbereitschaft auch im öffentlichen Raum». FĂŒr ihr Buchungsmodell «Violence as a Service» werben OK-Gruppierungen auch Kinder und Jugendliche ĂŒber Online-Dienste, Gaming-Plattformen und Messenger-Dienste fĂŒr Drohungen, Angriffe oder gar Tötungen an. In EinzelfĂ€llen seien diese unerfahrenen JungtĂ€ter auch selbst zu Tode gekommen, etwa bei der ZĂŒndung eines sogenannten Blitzknallsatzes.Â
Die Organisierte KriminalitĂ€t bietet dem BKA zufolge generell immer mehr kriminelle Dienstleistungen an - als «Crime as a Service». Dazu gehöre auch GeldwĂ€sche. Die Professionalisierung hier erleichtere einerseits den Kundengruppierungen der OK die Einschleusung von Geld aus kriminellen AktivitĂ€ten in den legalen Wirtschaftskreislauf. Andererseits mĂŒssten diese Banden den Anbietern der GeldwĂ€sche eine lukrative Provision zahlen.Â
Gewaschenes Geld kann wieder neue Verbrechen finanzieren. Minister Dobrindt strebt nach eigenen Worten eine Beweislastumkehr bei verdĂ€chtigem Geld an: Wenn hier eine legale Herkunft nicht nachgewiesen werden könne, solle es eine «vereinfachte Einziehung» geben können. AuĂerdem kĂŒndigt der CSU-Politiker an, dass BKA stĂ€rken zu wollen - auch personell «in dreistelliger Höhe».
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) erklĂ€rt: «Der Zoll hat im Jahr 2024 im Behördenvergleich erneut die meisten Verfahren im Bereich der Organisierten KriminalitĂ€t gefĂŒhrt â wegen Steuer- und Zolldelikten ebenso wie in den Bereichen Rauschgift oder Menschenhandel.» Mit der Strategie «Zoll 2030» solle der Zoll noch moderner und schlagkrĂ€ftiger werden.Â
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert im Kampf gegen die DrogenkriminalitÀt, die Polizei «im 21. Jahrhundert» «personell, technisch und rechtlich auf Augenhöhe» zu bringen.





