Taliban, Afghanistan

Fast 2500 Tote: Verzweiflung nach Erdbeben in Afghanistan

08.10.2023 - 19:35:52

Mehrere Erdbeben innerhalb kurzer Zeit sind in gleich zwei LĂ€ndern zu spĂŒren. WĂ€hrend die Taliban-Regierung erschreckend hohe Opferzahlen mitteilt, zeichnen Retter vor Ort ein dramatisches Bild der Zerstörung.

  • Aus Sorge vor GebĂ€udeeinstĂŒrzen haben Anwohner in Herat ihre HĂ€user verlassen. - Foto: Mashal/XinHua/dpa

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  • Menschen stehen nach dem Erdbeben in der afghanischen Provinz Herat in den TrĂŒmmern ihrer WohnhĂ€user. - Foto: Mashal/XinHua/dpa

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  • Suche nach Überlebenden in Zenda Jan. - Foto: Omid Haqjoo/AP/dpa

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Aus Sorge vor GebĂ€udeeinstĂŒrzen haben Anwohner in Herat ihre HĂ€user verlassen. - Foto: Mashal/XinHua/dpaMenschen stehen nach dem Erdbeben in der afghanischen Provinz Herat in den TrĂŒmmern ihrer WohnhĂ€user. - Foto: Mashal/XinHua/dpaSuche nach Überlebenden in Zenda Jan. - Foto: Omid Haqjoo/AP/dpa

Dort wo einst ganze Dörfer standen, liegt das Leben Hunderter Familien in TrĂŒmmern. Begraben unter Ruinen suchen RettungskrĂ€fte in Afghanistan verzweifelt nach Überlebenden. «Es war unertrĂ€glich. Wir sahen fĂŒnf, sechs Dörfer. Sie sind dem Erdboden gleich», erzĂ€hlt Mohammed Rafik Schirsai per Sprachnachricht. Der erfahrene Mediziner ist Teil eines Rettungsteams in Westafghanistan, aus der Provinzhauptstadt Herat.

Am Samstagmorgen hatten mehrere Erdbeben Bewohner der afghanischen Grenzprovinz nahe dem Iran aufgeschreckt. Innerhalb von nur wenigen Stunden zitterte die Erde neun Mal, mehr als ein Dutzend Dörfer wurden weitgehend zerstört. Am stÀrksten betroffen war der Bezirk Sindadschan, nordwestlich von Herat. MilitÀr und Rettungsdienste eilten in die Katastrophengebiete, um zu helfen.

BedrĂŒckende Szenen

«Man kann den Unterschied zwischen einem Haus und einer Straße nicht mehr sehen», erzĂ€hlt Schirsai weiter. «Unter jedem StĂŒck Erde könnte ein Mensch sein, der sein Leben verloren hat und den niemand mehr retten kann. Leider waren wir nicht mehr in der Lage zu helfen», beschreibt der Arzt die bedrĂŒckenden Szenen. Videos in den sozialen Medien zeigten RettungskrĂ€fte mit Bulldozern vor Ort und Helfer, die teils nur mit ihren HĂ€nden nach Vermissten gruben.

Selbst 300 Kilometer entfernt im Nachbarland Iran wackelten am Samstag WÀnde und Deckenleuchten, wie Bewohner der Millionenmetropole Maschhad erzÀhlten. Auch dort setzten die Behörden Rettungsdienste in Alarmbereitschaft und schickten Teams an die Grenze, um mögliche SchÀden zu untersuchen.

Opferzahlen stark gestiegen

Nach mehreren starken Erdbeben in Afghanistan sind laut einem Bericht inzwischen fast 2500 Todesopfer zu beklagen. Mehr als 2000 weitere Menschen seien in der Grenzprovinz Herat im Westen des Landes verletzt worden, berichtete der afghanische Sender Tolonews unter Berufung auf offizielle Statistiken. Es werde befĂŒrchtet, dass die Opferzahlen weiter steigen, hieß es weiter. Das UN-NothilfebĂŒro OCHA war am Samstag noch von mehr als 100 Toten ausgegangen.

Die EuropĂ€ische Union (EU) versicherte der betroffenen Bevölkerung Afghanistans ihre volle SolidaritĂ€t, wie EU-Chefdiplomat Josep Borrell beim Kurznachrichtendienst X (frĂŒher Twitter) schrieb. «EU-Teams haben das Katastrophengebiet bereits erreicht, um zu helfen», teilte er am Sonntag mit, ohne Details zu nennen.

Die Beben wecken Erinnerungen an die verheerende Katastrophe im Sommer vergangenen Jahres, als im Osten des Landes bei einem Erdbeben der StÀrke 5,9 mehr als 1000 Menschen in den Tod gerissen wurden. Immer wieder ereignen sich schwere Erdbeben in der Region, besonders am Hindukusch, wo die Indische und die Eurasische Platte aufeinandertreffen.

Schwierige Rettungsarbeiten

Seit mehr als zwei Jahren sind die Taliban wieder an der Macht, das Land ist wegen seiner repressiven Politik, die vor allem Frauen und MĂ€dchen diskriminiert, international politisch isoliert. Auch das ist ein Grund, warum Rettungsarbeiten teils schwierig vorankommen. Nach Jahrzehnten des Konflikts sind viele Dörfer mit einfacher Bauweise schlecht gegen Erdbeben gerĂŒstet.

«Das Erdreich und die TrĂŒmmer sind auf die Menschen gestĂŒrzt, das Atmen wurde unmöglich», erzĂ€hlt Schirsai weiter mit ruhiger, bedrĂŒckter Stimme. «Die Zahl der Todesopfer ist viel höher als das, was Sie gehört haben. In einem Dorf zum Beispiel, in dem tausend Menschen lebten, heißt es jetzt, dass nur noch 20 Menschen am Leben sind. Sie verstehen das Ausmaß der Katastrophe.»

Vereinte Nationen: Mehr als 11.000 Afghanen betroffen

Mehr als 11.000 Menschen sind nach Angaben des UN-NothilfebĂŒros (OCHA) von dem Erdbeben in der Provinz Herat in Afghanistan betroffen. Die Vereinten Nationen habenfĂŒnf Millionen Dollar (4,7 Mio Euro) Soforthilfe freigegeben und kĂŒndigten nach der AbschĂ€tzung des Bedarfs einen baldigen Spendenaufruf an.

Allein im Regionalkrankenhaus von Herat wĂŒrden mehr als 550 Verwundete behandelt, darunter fast 230 MinderjĂ€hrige. Erste Hilfslieferungen seien verteilt worden, darunter Hygieneartikel, Nahrungsmittel und Trinkwasser.

@ dpa.de