Telefonbetrug, Betrug

Telefonbetrug: Wenn die Polizei Bargeld verlangt

01.09.2023 - 05:11:05

Mit sogenannten Schockanrufen setzen Kriminelle auf die emotionale Notlage ihrer Opfer. Vor dem Landgericht MĂŒnchen I. muss sich seit Freitag ein 43-JĂ€hriger verantworten - doch der gibt sich unwissend.

Was seine Komplizen da trieben, in Polen, davon will er nichts mitbekommen haben, sagt der 43-JĂ€hrige. Er sei lediglich in Deutschland als «Kurierfahrer» unterwegs gewesen, habe Geld abgeholt und weitergegeben - ganz seriös, mit Arbeitsvertrag sogar, erzĂ€hlt er am Freitag vor dem Landgericht MĂŒnchen I. Dort sitzt er als Angeklagter, Vorwurf: gemeinschaftlicher gewerbsmĂ€ĂŸiger Bandenbetrug.

Laut Staatsanwaltschaft war der Mann Teil einer Bande, die sich auf sogenannte Schockanrufe spezialisiert hat. Das Schema: BetrĂŒger rufen bei Ă€lteren Menschen an und spielen ihnen eine extreme Situation vor. Am Anfang schluchzt oft eine junge Frau ins Telefon, sagt etwa: «Hallo Mama. Ich hatte einen schrecklichen Autounfall», wie in einem Anruf, den die bayerische Polizei mitgeschnitten hat.

Dann ĂŒbernimmt ein angeblicher Polizist oder Staatsanwalt das GesprĂ€ch, redet auf die Angerufenen ein, droht, dass der Verwandte wegen eines selbst verursachten Unfalls in Untersuchungshaft mĂŒsse. Außer, es wird eine Kaution von mehreren Zehntausend Euro gestellt, zu ĂŒbergeben an einen Kurier. In den vergangenen Jahren hat diese extreme Weiterentwicklung des altbekannten Enkeltricks deutlich zugenommen.

Sechsstellige GeldbetrÀge

Am Donnerstag fiel eine Seniorin aus Garmisch-Partenkirchen auf die Masche herein. Sie gab einem Geldabholer Bargeld und Goldschmuck, laut Polizei ein Wert im sechsstelligen Bereich. Vorausgegangen war ein Telefonat, in dem ein angeblicher Staatsanwalt und eine scheinbare Angestellte des Amtsgerichts die Àltere Frau bearbeitet hatten. Am selben Tag nahmen Ermittler im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen zwei Abholer in einem anderen Fall fest - das Opfer des Anrufs hatte den Trick durchschaut und die Polizei verstÀndigt.

Die Bande des 43-JĂ€hrigen, der in MĂŒnchen vor Gericht steht, erbeutete laut Anklage gut 50.000 Euro. Die Gruppe nahm im November vergangenen Jahres in sieben FĂ€llen Menschen aus Bayern, Baden-WĂŒrttemberg und dem Saarland ins Visier. Bereits seit Montag muss sich zudem ein 21-JĂ€hriger vor dem Landgericht MĂŒnchen II verantworten, der als Abholer fĂŒr eine kriminelle Vereinigung weit ĂŒber 200 000 Euro von zwei Ă€lteren Menschen in Stuttgart und Österreich in Empfang genommen haben soll.

Das entscheidende Element der Telefonate: die vorgetĂ€uschte extreme Notlage. «Die emotionale Betroffenheit, die die Opfer verspĂŒren, ist wirklich heftig», sagt Juliane Lomb, stellvertretende Leiterin des Referats fĂŒr WirtschaftskriminalitĂ€t beim Bundeskriminalamt. Den Angerufenen wird eine nahezu perfekte Show geliefert, mit weitaus mehr Druck als beim seit Langem praktizierten sogenannten Enkeltrick. Im Mitschnitt der bayerischen Polizei etwa sagt die Frau am Telefon mit trĂ€nenerstickter Stimme: «Ich wurde festgenommen. Ich habe eine Frau ĂŒberfahren.» Lomb sagt: «Wenn der vermeintliche Angehörige am Telefon mit weinerlicher Stimme agiert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer die Geschichte glaubt, viel höher.»

Vom Ausland aus gesteuert

Die TĂ€ter handeln nach Erkenntnis der Polizei vorwiegend aus dem Ausland. Das Bundeskriminalamt hat Polen, Tschechien und Großbritannien als Schwerpunkte ausgemacht. Vor Ort lĂ€uft nur die Abholung von Geld und Sachwerten ab, die dann schnell ĂŒber die Grenze gebracht werden. Die Opfer sitzen in ganz Deutschland und auch in NachbarlĂ€ndern. Einzelne Regionen, in denen sich die Arbeit eines Abholers bĂŒndeln lĂ€sst, sind wellenartig betroffen.

Die Telefonnummern besorgten sich die Kriminellen oft aus dem Telefonbuch, doch auch im Darknet kursierten Listen mit Kontaktdaten möglicher Opfer, sagt Juliane Lomb vom Bundeskriminalamt. Wer selbst einen Anruf erhĂ€lt, in dem die Polizei Bargeld verlangt, der solle gleich auflegen und den Notruf wĂ€hlen. Die Ermittlerin geht allerdings davon aus, dass viele FĂ€lle der Polizei gar nicht bekannt werden. HĂ€ufig wĂŒrden Opfer den Betrug nicht anzeigen: Sie schĂ€mten sich, dass sie auf den Trick hereingefallen sind.

@ dpa.de