VerdĂ€chtiger nach Brand wieder auf freiem FuĂ
29.03.2024 - 12:00:53Im Fall des mutmaĂlich vorsĂ€tzlich in Brand gesetzten Mehrfamilienhauses in Solingen mit vier Toten ist ein vorlĂ€ufig festgenommener Mann wieder auf freiem FuĂ. Der Mann sei nach lĂ€ngerer Vernehmung wieder entlassen worden, nachdem sein Alibi ĂŒberprĂŒft worden sei, sagte Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt der Deutschen Presse-Agentur. Es bestehe «kein dringender Tatverdacht».
Nun werde «ergebnisoffen in alle Richtungen» weiter ermittelt, sagte Kaune-Gebhardt. «Jedem Hinweis wird nachgegangen», sagte der Sprecher. Weitere VerdĂ€chtige seien nicht in Gewahrsam der Polizei. Aus den Ermittlungen hĂ€tten sich aber «viele Hinweise» ergeben. Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund bei dem Brand in Solingen sĂŒdlich von Wuppertal gebe es nach wie vor nicht.
Bei dem verheerenden Brand in der Nacht zum Dienstag konnte sich eine aus Bulgarien stammende Familie nicht mehr aus dem Dachgeschoss des Hauses retten. Die 28 und 29 Jahre alten Eltern kamen gemeinsam mit ihrem knapp dreijĂ€hrigen Kleinkind und einem erst fĂŒnf Monate alten SĂ€ugling ums Leben. Die Leiche des Babys war erst Stunden spĂ€ter in dem stark heruntergebrannten Dachgeschoss gefunden worden. Die Familie sei erst kĂŒrzlich aus Bulgarien gekommen, bestĂ€tigte Kaune-Gebhardt einen WDR-Bericht.
Laut Staatsanwaltschaft werden nach dem GroĂbrand in dem Mehrfamilienhaus drei Verletzte intensivmedizinisch behandelt. Dabei soll es sich nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ebenfalls um eine aus Bulgarien kommende Familie mit einem Kind handeln. Zudem wurden fĂŒnf weitere Mieter verletzt. Bewohner waren in der Nacht zu Dienstag in Todesangst aus dem etwa 100 Jahre alten brennenden Altbau auf die StraĂe gesprungen.
Die Staatsanwaltschaft bestĂ€tigte, dass es in dem Haus bereits einmal gebrannt hatte. Ein Feuer aus dem Jahr 2022 sei Teil der Bewertungen. Eventuell eingehende Hinweise wĂŒrden durch die Ermittlungsbehörden geprĂŒft. Die Ermittler hatten zur KlĂ€rung des GroĂbrands auch die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen.
Trauerkundgebungen fĂŒr die Opfer
Die Anteilnahme in Solingen angesichts der Brandkatastrophe ist groĂ. Die Stadt und die Familien der Verstorbenen luden fĂŒr den Nachmittag zu einem Schweigemarsch zu dem ausgebrannten Wohnhaus ein. Dort werde es ein kurzes Gebet eines Imams geben. OberbĂŒrgermeister Tim Kurzbach erklĂ€rte, er habe lange mit den Angehörigen gesprochen «und unsere Herzen sind schwer». Viele Solingerinnen und Solinger wollten ihrem tief empfundenen MitgefĂŒhl Ausdruck geben. Kurzbach bat auf Wunsch der Angehörigen darum, auf politische Botschaften zu verzichten. «NatĂŒrlich wĂŒnschen wir uns, zusammen mit den Familien der Betroffenen, eine schnelle AufklĂ€rung, damit auch die bedrĂŒckenden Spekulationen ausgerĂ€umt werden können.»
Schon am Donnerstagabend hatten viele Menschen bei einer Kundgebung an dem Haus ihre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht. Mehr als 150 Teilnehmer waren gekommen, betrauerten die Opfer und zeigten sich solidarisch mit den Angehörigen. Kurzfristig zu der Kundgebung aufgerufen hatten unter anderem die Amadeu Antonio Stiftung, die Initiativen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus unterstĂŒtzt, sowie das linke BĂŒndnis «Solinger Appell».
Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Ergebnisse eines vorlÀufigen Gutachtens von BrandsachverstÀndigen vorgelegt. Demnach gehen die Ermittler von vorsÀtzlicher Brandstiftung aus. In dem hölzernen Treppenhaus seien deutlich Reste eines Brandbeschleunigers nachgewiesen worden. Ermittelt wird mit dem Vorwurf des Mordes beziehungsweise versuchten Mordes.
Die Hausbewohner haben den Angaben zufolge unterschiedliche NationalitĂ€ten. Das hatte unter anderem beim Islamverband Ditib und dem Landesintegrationsrat NRW die BefĂŒrchtung genĂ€hrt, es könne ein rassistisches Motiv hinter der Tat stecken.
Brand weckt Erinnerungen an 1993
Das katastrophale Feuer hatte Erinnerungen an den Brandanschlag von Solingen vor gut 30 Jahren geweckt. Im Mai 1993 waren bei einem nĂ€chtlichen Brandanschlag mit rechtsextremem Hintergrund fĂŒnf tĂŒrkischstĂ€mmige Frauen und MĂ€dchen ermordet worden. Der Anschlag markierte damals den Tiefpunkt einer Serie rassistischer AnschlĂ€ge auf Menschen auslĂ€ndischer Herkunft in Deutschland.


