Nach Gletscherabbruch: Gestauter See lÀuft ab
Veröffentlicht am: 31.05.2025 um 17:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIm Walliser Lötschental grĂ€bt der gefĂ€hrlich gestaute Gebirgsfluss Lonza sich inzwischen mehrere Rinnen durch den gigantischen Schuttkegel, der das Flussbett blockiert. «Die Höhe des Sees hinter dem Schuttpegel ist um einen Meter gesunken», berichtete der Kantonsgeologe Raphael Mayoraz bei einer Pressekonferenz in Ferden im Lötschental.Â
In dem aufgestauten Wasser wurden schwimmende Barrieren installiert. Sie sollen Schwemmmaterial zurĂŒckhalten, damit der Ablauf nicht blockiert wird. Die Wassermenge sei nach SchĂ€tzungen von rund einer Million Kubikmeter Wasser auf etwa 800.000 Kubikmeter gesunken.
Das Wasser laufe ĂŒber den Schuttkegel nur langsam ab, aber das sei gut so, sagte Mayoraz: Damit sinke das Risiko, dass sich der Schuttkegel verflĂŒssigt und das Wasser viel Material ins Tal reiĂt. Es war eine der gröĂten Sorgen, dass der instabile Schutt teils kollabiert und Fels, Eis und Geröll weiter hinunter ins Lötschental gespĂŒlt werden. Das Risiko sei gesunken, sagte er.Â
Die GefahrenszenarienÂ
Die Wetterlage: In den nĂ€chsten Tagen ist fĂŒr mehrere Tage Regen vorhergesagt, dazu kommt die Eisschmelze auf den umliegenden Bergen - das alles kann den Schuttkegel destabilisieren. Damit wĂ€chst die Gefahr eines Murgangs. Dabei geraten Fels, Geröll und Schlamm in Bewegung und rutschen talabwĂ€rts. Das könnte Gemeinden weiter unten im Tal gefĂ€hrden.
Der Schuttkegel selbst: Ein Drittel der neun Millionen Kubikmeter, die nach dem Gletscherabbruch im Tal zu liegen kamen, dĂŒrfte Eis sein, glauben die Experten. Ob und wann es schmilzt, weiĂ niemand. Ob sich im Schuttkegel dann HohlrĂ€ume bilden und der Kegel einbricht, ist ebenfalls unklar. «Der Kegel ist sehr instabil, es wĂ€re ein groĂes Risiko, darauf zu gehen», sagte der Geologe.Â
Weitere FelsstĂŒrze: Auslöser der Katastrophe war der Abbruch von Felsmaterial am rund 3.000 Meter hohen Kleinen Nesthorn. Es stĂŒrzte auf den darunter gelegenen Birschgletscher. Unter der Last brach der am vergangenen Mittwoch ab und rauschte mit gigantischen Mengen Eis, Fels und Geröll ins Tal.Â
An den Abbruchstellen ist immer noch loses Material. «Das Kleine Nesthorn hat noch nicht seine Mitte gefunden», sagte der GemeindeprĂ€sident von Blatten, Matthias Bellwald. «Der Berg erodiert weiter.» Weil das GelĂ€nde so steil ist, können AbbrĂŒche zu weiteren Gerölllawinen fĂŒhren.Â
Die RisikoplanungÂ
Beim Kraftwerk in Ferden rund sechs Kilometer talabwĂ€rts vom Katastrophengebiet wird alles getan, um im Fall gröĂerer Wasser- oder Geröllmengen gewappnet zu sein. Der Betreiber hat das Staubecken teils geleert, um Platz zu schaffen. Die Staumauer hĂ€lt nach Expertenangaben auch bei gröĂerem Druck. Sollte sich dort viel Wasser sammeln, geht der Alarm los, wenn das Staubecken zu Zweidrittel gefĂŒllt ist, sagte Mayoraz.Â
Das gebe den Menschen in den weiter unten gelegenen Gemeinden Gampel und Steg Zeit zu fliehen. Die Ortschaften liegen unweit der Stelle, an der die Lonza in die Rhone flieĂt. Dort wird der Fluss anders als weiter oben durch relativ enge BetonkanĂ€le gefĂŒhrt, die bei einem Anschwellen schnell ĂŒber die Ufer treten könnten. Die Menschen haben schon vor Tagen das Nötigste gepackt, damit sie kurzfristig die HĂ€user verlassen können. Alarmiert wĂŒrden sie ĂŒber eine Warn-App und Sirenen.Â
Das Wasser der Lonza, das an der Staumauer Ferden ankommt, ist mit Sand und Abrieb aus dem Schuttkegel stark verschmutzt. Weil sich diese Sedimente im weiteren Verlauf der Lonza ablagern, sind in Gampel Bagger im Einsatz, um die Ablaufrinnen zu vertiefen.Â
Die Einwohner von Blatten
Fels, Eis und Geröll haben das schon im 15. Jahrhundert schriftlich erwĂ€hnte Dorf Blatten auf rund 1.500 Metern Höhe fast vollstĂ€ndig unter einer meterhohen Schuttschicht begraben. Selbst der Kirchturm ragt nicht hinaus. Die meisten der wenigen verschont gebliebenen HĂ€user sind im angestauten Wasser der Lonza versunken. Die rund 300 Bewohner waren nach den FelsabbrĂŒchen in Sicherheit gebracht worden. Nur ein Einheimischer hielt sich im Katastrophengebiet auf und wird noch vermisst.Â
Die Einwohner sind anderswo im Tal oder bei Verwandten untergekommen. Viele nehmen die Hilfe von Psychologinnen und Psychologen in Anspruch, teilte der Verein Psychologische Nothilfe Oberwallis mit. Sie treffen sich regelmĂ€Ăig. «Der Glaube an ein neues Blatten wurde gepflanzt», sagte GemeindeprĂ€sident Bellwald. In KĂŒrze werde er PlĂ€ne mit einem Zeithorizont fĂŒr den Wiederaufbau vorlegen. «Wir brauchen keinen Pessimismus und Amtsschimmel, sondern pragmatische Lösungen», sagte er.
