Tiktoker, Ostdeutschland

«Bin ich jetzt tuff?» - Tiktoker will Ostdeutschland pushen

19.08.2025 - 05:00:42

Ostdeutsche leben in Plattenbauten, fahren alte Autos und sind irgendwie anders? Das vermittelt ein Trend auf Tiktok. Warum das laut einer Expertin gefÀhrlich sein kann und wer dagegen vorgeht.

  • Fjodor Busik will mit Tiktok-Videos Aufmerksamkeit fĂŒr Ostdeutschland erzeugen.  - Foto: Mike MĂŒller/dpa

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  • Der Tiktok-Trend «tuff im Osten» beschreibt ostdeutsche VerhĂ€ltnisse oft auf stereotype Weise.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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  • Ein ostdeutsches Klischee: Leben im Plattenbau. (Archivbild) - Foto: Monika Skolimowska/dpa

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  • Auch Mopeds der Marke Simson tauchen hĂ€ufig in den Videos auf.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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  • Busiks Schwester ist Ärztin und wurde Anfang des Jahres als «Miss Germany» ausgezeichnet. (Archivbild) - Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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  • Der Tiktok-Trend «tuff im Osten» beschreibt ostdeutsche VerhĂ€ltnisse oft auf stereotype Weise.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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  • Auch Mopeds der Marke Simson tauchen hĂ€ufig in den Videos auf.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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  • Professorin Nina Kolleck sieht den Trend sehr kritisch. (Archivbild) - Foto: Thomas Roese/UniversitĂ€t Potsdam/dpa

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Fjodor Busik will mit Tiktok-Videos Aufmerksamkeit fĂŒr Ostdeutschland erzeugen.  - Foto: Mike MĂŒller/dpaDer Tiktok-Trend «tuff im Osten» beschreibt ostdeutsche VerhĂ€ltnisse oft auf stereotype Weise.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpaEin ostdeutsches Klischee: Leben im Plattenbau. (Archivbild) - Foto: Monika Skolimowska/dpaAuch Mopeds der Marke Simson tauchen hĂ€ufig in den Videos auf.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpaBusiks Schwester ist Ärztin und wurde Anfang des Jahres als «Miss Germany» ausgezeichnet. (Archivbild) - Foto: Philipp von Ditfurth/dpaDer Tiktok-Trend «tuff im Osten» beschreibt ostdeutsche VerhĂ€ltnisse oft auf stereotype Weise.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpaAuch Mopeds der Marke Simson tauchen hĂ€ufig in den Videos auf.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpaProfessorin Nina Kolleck sieht den Trend sehr kritisch. (Archivbild) - Foto: Thomas Roese/UniversitĂ€t Potsdam/dpa

In schwarzer Pufferjacke trotz Sommerhitze springt der ThĂŒringer Fjodor Busik am Bahnhof von Greiz aus dem Zug. Etwa 20 Kinder und Jugendliche stehen schon bereit, um dort mit dem 23-JĂ€hrigen ein Tiktok-Video zu drehen, ĂŒber dem spĂ€ter auf der Plattform stehen wird: «Bin ich jetzt tuff in Greiz?» Es ist einer von knapp 80 Clips, die Busik schon in verschiedenen Dörfern und StĂ€dten im Osten, vor allem in ThĂŒringen, gedreht hat. Damit will er Ostdeutschland «wieder auf die Karte bringen», wie er sagt. 

«Ein paar Tiktoker aus Ostdeutschland haben vor einigen Monaten diesen Trend gestartet, also "Tuff im Osten"», erzĂ€hlt Busik, der in Eisenach aufgewachsen ist und als Erzieher in einem Kinderheim in Gera arbeitet. «Tuff» kommt vom englischen «tough» (hart), bedeutet im Jugendslang «krass» oder «cool» und ist beim Voting des Langenscheidt Verlags fĂŒr das Jugendwort des Jahres 2025 nominiert. 

Busik: Westdeutsche machen sich lustig

Aus den ersten Videos geht eine gewisse Selbstironie hervor, die Jugendlichen tanzen etwa mit starrer Miene auf einem Kindertrampolin. «Dann habe ich gemerkt, dass Westdeutsche den Trend ausnutzen, um sich ĂŒber Ostdeutschland lustig zu machen», sagt Busik. Das habe ihn wĂŒtend und traurig gemacht. 

Deswegen habe er im Mai angefangen, den Trend zurĂŒckzuerobern. «Ich fahre durch die StĂ€dte und Dörfer, filme Tiktoks, zeige die Vibes, die Menschen, die Energie», so Busik. Sein Ziel: Jede Stadt und jedes Dorf in ThĂŒringen, spĂ€ter auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zu erkunden. «Ich will damit Ostdeutschland pushen», sagt er. Auf Tiktok hat er auf dem Account @fydoz.tts derzeit etwas mehr als 20.000 Abonnenten, sein Video aus Bad Frankenhausen wurde beispielsweise rund 260.000 Mal aufgerufen. 

Beton, Tristesse, Rauheit

Damit stellt sich Busik gegen etwas, das Nina Kolleck, Professorin fĂŒr Sozialisationstheorie an der UniversitĂ€t Potsdam, als Anti-Ostdeutschland-Trend beobachtet. Inzwischen seien viele dieser «Tuff im Osten»-Videos millionenfach gesehen, kommentiert und weiterverarbeitet worden, sagt Kolleck. Die Jugendlichen filmen sich etwa vor grauen HĂ€userwĂ€nden oder Mopeds der Marke Simson.

«Die Ästhetik, die dabei transportiert wird, zeigt Plattenbauten, Einkaufswagen im Flur, verwahrloste TreppenhĂ€user, alte Autos, Menschen mit starkem Dialekt», sagt die Forscherin. WĂ€hrend der Westen in der öffentlichen Wahrnehmung als Norm gelte und der SĂŒden meist lĂ€ndlich romantisiert werde, dominiere in der Wahrnehmung des Ostens eine Ästhetik des Mangels: Beton, Tristesse, Rauheit. 

«Zieht die Mauer wieder hoch»

HĂ€ufig taucht in den Clips und Kommentaren die Forderung auf, die Mauer solle wieder hochgezogen werden. Ostdeutsche seien «komisch», sie sollten ferngehalten werden, heißt es darin. Kolleck beobachtet, dass diese Forderung zunehmend auch von ostdeutschen Jugendlichen erhoben wird - etwa, wenn sie schreiben, es brauche eine Mauer, damit Ostdeutschland seine eigene Politik machen könne. Es gehe dann mehr um eine Art der SelbstermĂ€chtigung durch Abgrenzung, sagt die Wissenschaftlerin: «Viele junge Ostdeutsche reagieren auf das GefĂŒhl, dauerhaft belĂ€chelt oder nicht ernst genommen zu werden.»

Damit spiele der Trend rechten ErzĂ€hlungen in die HĂ€nde, die bewusst mit kultureller Spaltung arbeiteten, analysiert Kolleck: «Sie nutzen genau solche Narrative, also das GefĂŒhl, dass der Osten von außen belĂ€chelt oder abgewertet wird, um politisches Kapital daraus zu schlagen.» 

Obwohl die Jugendlichen die deutsche Teilung und die Wende gar nicht erlebt haben, reproduzieren viele mit «Tuff im Osten» laut Kolleck genau die Narrative, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen Ost und West seit Jahrzehnten erschweren. Der Expertin zufolge entwickeln sich Schablonen, durch die ostdeutsche Jugendlichkeit pauschal gelesen wird als arm, rau, rechts, lÀndlich, dumm, irgendwie anders. Das sei «Stigmatisierung pur».

Hass-Kommentare nicht mehr hinnehmen

Auch Busik kennt Hass-Kommentare wie: «Ich spende fĂŒnf Ziegelsteine fĂŒr die Mauer.» Er will Stigmatisierungen nicht hinnehmen. «Als ich in der Schule war, war ich in Deutschland immer "der AuslĂ€nder" und in Kasachstan, wo meine Eltern herkommen, immer "der Nazi"», sagt er. Schon als Kind habe er gemerkt, dass die östlichen BundeslĂ€nder kein gutes Ansehen hĂ€tten. «Ich war sauer auf die Älteren, dass die nichts gegen diesen Hass auf Ostdeutschland tun. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich das jetzt in die Hand nehmen muss.» 

Mit anderen AnsĂ€tzen gibt es auch weitere Menschen in den sozialen Medien, die Aufmerksamkeit fĂŒr den Osten schaffen wollen. So setzt sich etwa die SĂ€chsin Tina Goldschmidt (@schnappatmig) mit ihrem Dialekt und sĂ€chsischem Humor auseinander. Olivia Schneider (@tumvlt) nennt sich die «Ostfluencerin» und gibt Einblicke in ihr Leben in Ostdeutschland, sie schĂ€tzt es wert und setzt sich mit struktureller Ungleichheit auseinander. 

Am Anfang dachten viele, dass sich Busik ĂŒber Ostdeutschland lustig machen will. «Dann haben sie gemerkt, dass ich es ernst meine. Ich habe mich auch in Vlogs und Live-Videos intensiver mit manchen Orten auseinandergesetzt.» Auch in seiner Musik unter dem KĂŒnstlernamen «Fydoz» ist der Osten eine Konstante. Seine Follower fragen in den Kommentaren unter seinen Videos, wann er in ihre Stadt komme. «Sie mögen es, dass ich nicht so politisch auftrete», sagt der 23-JĂ€hrige. Er trete nicht fĂŒr eine bestimmte Partei auf.

Goldene Winkekatze als Markenzeichen

Beim Dreh in Greiz freut sich ein Junge, dass er die goldene Winkekatze halten darf, die in jedem von Busiks Tuff-Clips auftaucht. Sie stehe symbolisch fĂŒr GlĂŒck und Reichtum, «fĂŒr mich aber eben auch fĂŒr den Osten – fĂŒr den Schatz, den viele nicht mehr sehen wollen», sagt Busik, dessen Schwester Anfang des Jahres zur «Miss Germany» gewĂ€hlt wurde. 

Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen, hĂ€lt er die Videos bewusst einfach, immer am Bahnhof, immer in Pufferjacke, immer mit Winkekatze. «Ein bisschen Hass bekomme ich trotzdem immer mal wieder ab, aber das gehört dazu», sagt er. Selbst bei diesen Worten verliert er das LĂ€cheln in seinem Gesicht nicht, seine Grundhaltung ist optimistisch. Seine NervositĂ€t atmet er weg, erzĂ€hlt er – wie frĂŒher vor seinen KĂ€mpfen, in der Judo-Bundesliga.

Sein Ziel: Zugehörigkeit schaffen

«Viele junge Menschen wollen sich irgendwo zugehörig fĂŒhlen», sagt der Erzieher. Davon profitierten auch rechte Gruppen. Ihm sei es wichtig, zuverlĂ€ssig zu sein. Deswegen halte er sein Wort, gehe auf die WĂŒnsche in den Kommentaren ein und fahre in alle StĂ€dte. So möchte er eine Community, also Gemeinschaft, schaffen. Der Tiktoker steht nach eigenen Worten fĂŒr Höflichkeit, Coolness und Menschlichkeit.

Busik gibt am Bahnhof in Greiz noch ein paar Autogramme auf Taschenrechnern, Schuhen und HandyhĂŒllen. Ein MĂ€dchen sagt, es finde cool, was er macht. Die Kinder und Jugendlichen stehen am Gleis und winken, als der 23-JĂ€hrige wieder in den Zug steigt, um in die nĂ€chste Stadt zu fahren.

@ dpa.de