Wetter-Apps gaukeln hÀufig Genauigkeit nur vor
04.08.2023 - 09:40:20 | dpa.deAn einem Dienstag verspricht die Wetter-App strahlenden Sonnenschein und 28 Grad fĂŒr das Wochenende. Einem Ausflug an den See steht also nichts im Weg. Doch je nĂ€her der Trip rĂŒckt, desto mieser zeigt sich die Wettervorhersage. Und am Freitag heiĂt es schlieĂlich: zwei Tage Schauer und 22 Grad. Was hier ein fiktives Szenario ist, tritt in der RealitĂ€t nicht selten ein. Sind Wetteraussichten insbesondere in den Apps unzuverlĂ€ssiger geworden?
Nein, sagen Experten. «Es liegt in der Natur der Dinge, dass unsere Wettervorhersagen nicht exakt sein können - auch wenn unsere Technologien sehr modern sind und immer besser werden», sagt der Meteorologe Peter Knippertz von dem Karlsruher Institut fĂŒr Technologie (KIT).
Die AtmosphÀre ist ein chaotisches System
Um nachzuvollziehen, warum das so ist, ist es hilfreich zu verstehen, wie die Vorhersagen ĂŒberhaupt entstehen. DafĂŒr brauchen Meteorologen den aktuellen Stand der AtmosphĂ€re, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklĂ€rt. FĂŒr jeden Punkt auf der Erde mĂŒssten sie die aktuellen Werte etwa zur Temperatur, Feuchte und Luftdruck kennen.
Diese werden zwar an zahlreichen Messstationen etwa auch auf Schiffen, Bojen oder Flugzeugen ermittelt sowie mit Satelliten- und Radardaten ergĂ€nzt, wie DWD-Meteorologe Tobias Reinartz erlĂ€utert. «FĂŒr eine wirklich vollstĂ€ndige Kenntnis ĂŒber den aktuellen Zustand der AtmosphĂ€re reicht das aber bei weitem nicht.» Zudem sei die AtmosphĂ€re ein sogenanntes chaotisches System, gibt Knippertz zu bedenken, «was es uns manchmal grundsĂ€tzlich erschwert, ĂŒberhaupt brauchbare Vorhersagen zu machen».
Den Zustand der AtmosphĂ€re brauchen Meteorologen fĂŒr ihr Wettermodell. Dieses besteht dem DWD-Experten zufolge aus hochkomplexen physikalischen Gleichungen, die letztlich nicht gelöst werden können, sondern vereinfacht werden mĂŒssen. «Wir fĂŒttern also ein nicht exaktes Wettermodell mit einem nicht exakten Anfangszustand der AtmosphĂ€re und fordern jetzt aber, dass etwas Exaktes rauskommt? Das passt natĂŒrlich nicht», so Reinartz.
Die Vorhersagen sind besser als vor zehn Jahren
Ist die immer lauter werdende Behauptung, dass die Vorhersagen immer unzuverlÀssiger werden, also doch richtig? Nein, sagt Knippertz eindeutig, das Gegenteil sei der Fall. Trotz einiger EinschrÀnkungen könne das Wetter heute viel besser vorhergesagt werden als noch etwa vor zehn Jahren. Denn die Technologien und Modelle seien im Vergleich sehr viel besser und genauer geworden.
Das bestĂ€tigt auch Reinartz. Mit Blick auf die Entwicklung der Luftdruck-Vorhersage stellt er fest: Eine heutige Prognose fĂŒr die kommenden sieben Tage sei im Durchschnitt prĂ€ziser als eine 24-Stunden-Vorhersage im Jahr 1970.
Recht zuverlĂ€ssig seien die Aussichten insbesondere fĂŒr die ersten drei Tage, sagt der DWD-Experte. Die ZuverlĂ€ssigkeit hĂ€nge aber auch immer etwas von der Wetterlage ab. Reinartz zufolge ist vor allem die genaue Vorhersage eines Gewitters schwierig. Denn diese seien besonders in ihrer Entstehung sehr kleinrĂ€umige PhĂ€nomene, die von den Wettermodellen nur teilweise aufgelöst werden könnten.
Zwar könne man aus einem Modell fĂŒr Tage im Voraus das Wetter stundengenau prognostizieren, so Reinartz. Mit dem zeitlichen Abstand werde jedoch die Unsicherheit immer gröĂer - und ergebe deshalb keinen Sinn. «Ăberspitzt gesagt, kann man sich die Niederschlagsmenge in sieben Tagen zwischen 14 und 15 Uhr auch getrost selber wĂŒrfeln.» Mit Blick auf die Wetter-Apps fĂŒgt er hinzu: «App-Prognosen gaukeln hĂ€ufig eine Genauigkeit vor, die es gar nicht gibt.»
Komplexes Wettergeschehen wird einfach dargestellt
Denn Apps versuchten das komplexe Wettergeschehen so einfach wie möglich darzustellen, damit viele Menschen damit etwas anfangen könnten, erklÀrt der DWD-Experte. «Als Nutzer sollte man sich aber am besten auch immer etwas Kontextinfos holen, also zum Beispiel einen Vorhersagetext zur besseren Einordnung lesen.»
KIT-Meteorologe Knippertz kann sich auch vorstellen, dass durch die Nutzung vieler verschiedener Wetter-Apps der Eindruck entsteht, die Vorhersagen seien ungenauer geworden oder widersprÀchen sich.
Apps stellen die Vorhersagen meistens mit Symbolen und Prozentzahlen dar. Ob dabei allen klar ist, was etwa der Hinweis «50 Prozent» am Regensymbol aussagt? Die Angabe bezieht sich auf eine statistische Berechnung: Wenn (im Rahmen der bestehenden Unsicherheiten) 100 realistische Vorhersagen gemacht werden wĂŒrden und 50 von diesen fĂŒr den betreffenden Ort und die betreffende Zeit Regen vorhersagen wĂŒrden, dann ergeben sich die 50 Prozent, wie Knippertz erklĂ€rt.
Wichtig ist also, dass Menschen Vorhersagen richtig interpretieren. Denn: «Je besser die Wettervorhersage, desto besser können wir mit regenerativen Energien umgehen, desto besser können wir unsere Landwirtschaft und Verkehr planen», sagt Knippertz. AuĂerdem rette sie in Extremwettersituationen Leben.
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