Indigene Feuerwehrleute kÀmpfen in Brasilien gegen Flammen
01.10.2024 - 08:51:37Die Luft flimmert vor Hitze, wĂ€hrend sich die Flammen durch das trockene Gras fressen. Der Himmel ĂŒber den endlosen Weiten des Pantanal, dem gröĂten tropischen Feuchtgebiet der Welt, ist von dichten Rauchwolken verhĂŒllt. «Ich denke an die vielen Tiere, die darunter leiden, an die Kinder im Dorf, fĂŒr die der Rauch besonders schĂ€dlich ist», erzĂ€hlt LaĂ©rcio Fernandes wĂ€hrend einer kurzen Verschnaufpause. Das Gesicht des indigenen Feuerwehrmanns ist von RuĂ gezeichnet, seine Augen gerötet. «Wir mĂŒssen unsere Umwelt verteidigen, wer soll es sonst machen?», sagt er.Â
Fernandes ist einer von vielen EinsatzkrĂ€ften, die aus den umliegenden Dörfern des indigenen Territoriums KadiwĂ©u im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul gegen die Flammen kĂ€mpfen. Mit 538.000 Hektar ist es das gröĂte indigene Gebiet im Pantanal. Eine FlĂ€che mehr als doppelt so groĂ wie das Saarland. Auf knapp 63 Prozent davon hat es dieses Jahr bereits gebrannt, wie aus Daten der BundesuniversitĂ€t Rio de Janeiro hervorgeht.
Einer von zwei StĂŒtzpunkten der Feuerwehr innerhalb dieses Territoriums ist in Tomazia. Das Dorf mit rund 350 Einwohnern befindet sich etwa zwei Autostunden von der nĂ€chstgröĂeren Stadt Bonito entfernt. Doch anders als die fĂŒr ihre kristallklaren und intensiv blauen GewĂ€sser bekannte Stadt erscheint Tomazia wie durch einen Sepia-Filter betrachtet.Â
Der Geruch von Asche liegt in der Luft. Die Schule musste deswegen schon öfter abgebrochen werden, erzĂ€hlt die im Dorf lebende Lehrerin Rosangela. Wann sie zuletzt die Sonne in ihrer vollen Pracht sah, wisse sie nicht. Denn eingehĂŒllt in dichte Rauchschwaden wirkt diese nur noch wie ein blasser, rötlicher Kreis.Â
Von hier aus werden die EinsĂ€tze der 85 gröĂtenteils indigenen FeuerwehrkrĂ€fte koordiniert. In mehreren Einheiten sind sie fĂŒr das gesamte Territorium zustĂ€ndig. Die anhaltenden BrĂ€nde setzen nicht nur riesige Mengen an Kohlenstoff frei, sondern bedrohen auch zunehmend die LebensrĂ€ume dieser indigenen Gemeinschaften.Â
Fernandes nimmt noch einmal einen Schluck Wasser, bevor er mit seinem GeblĂ€se wieder der Linie folgt, die das Feuer in dem verdorrten Gebiet hinterlĂ€sst. Kollegen mit LöschrucksĂ€cken und weiterer AusrĂŒstung folgen ihm. Vögel und andere Tiere sind in dem Einsatzgebiet nicht zu sehen. KĂŒrzlich wurden zwei verkohlte Landschildkröten entdeckt.
Drohnen unterstĂŒtzen indigene FeuerwehrkrĂ€fte
Knapp 24 Stunden ist eine Einheit im Einsatz, bevor sie vom Helikopter abgeholt und zurĂŒck ins Dorf gebracht wird. Bei ihrem Kampf gegen die Flammen erhalten sie neuerdings UnterstĂŒtzung - von einer Drohne. Mit ihrer Hilfe lassen sich FeuerausbrĂŒche erkennen und löschen, bevor sich diese weiter ausbreiten. Sie dienen letztlich auch der Sicherheit der EinsatzkrĂ€fte.Â
«Das Pantanal kann sehr undurchlĂ€ssig sein, umgefallene BĂ€ume können Wege sperren. Mithilfe der Drohne sehen sie nicht nur, wohin sich das Feuer ausbreitet, sondern auch, wie sie dorthin gelangen», erklĂ€rt Heideger Nascimento von der Nichtregierungsorganisation Environmental Justice Foundation (EJF). Er bildet die EinsatzkrĂ€fte seit September in einer theoretischen und praktischen Schulung fĂŒr den Umgang mit der Drohne aus.Â
Neben den Feuerwehrleuten in KadiwĂ©u stattet EJF auch weitere Feuerwehren in einem anderen indigenen Gebiet mit den Flugobjekten aus. Ziel sei, auch anderen indigenen Gemeinschaften im Pantanal Schulungen und AusrĂŒstungen zu ermöglichen.
Pantanal von WaldbrÀnden am schlimmsten betroffen
Das Pantanal zĂ€hlt zu den artenreichsten Gebieten des Planeten und ist Heimat seltener Arten. Dort leben etwa Jaguare, Tapire oder Hyazinth-Aras. Das Feuchtgebiet, das sich von Brasilien auch in die NachbarlĂ€nder Bolivien und Paraguay erstreckt, besteht aus einem verzweigten System von FlĂŒssen und Seen und ist ein einzigartiges Natur- und Touristenparadies.
Dieses Jahr erlebt die Region eine besonders heftige Waldbrandsaison. Allein im September brachen nach Angaben des brasilianischen Weltrauminstituts Inpe etwa 2.700 Feuer aus, im Vorjahresmonat waren es 373. Die Zahl der von Januar bis Ende September registrierten BrĂ€nde war um 1.427 Prozent höher als im gleichen Zeitraum 2023. Zum Vergleich: Im Amazonas stieg die Zahl im selben Zeitraum um 80 Prozent, im Cerrado - den Feuchtsavannen im SĂŒdosten Brasiliens - um 86 Prozent. Das Pantanal ist damit das Biom, das anteilig den mit Abstand gröĂten Anstieg an WaldbrĂ€nden zu verzeichnen hat.Â
GröĂtenteils sind die BrĂ€nde laut Brasiliens Umweltministerin Marina Silva auf menschliches Handeln zurĂŒckzufĂŒhren. Wirtschaftlich wird in dem Gebiet vor allem Rinderhaltung betrieben. Die Farmer brennen traditionell Waldgebiete ab, um neue WeideflĂ€chen zu schaffen. Geraten diese Feuer auĂer Kontrolle, können riesige FlĂ€chenbrĂ€nde entstehen. VerschĂ€rft wird die Lage in diesem Jahr zudem von einer schweren DĂŒrre. Sie steht Experten zufolge in Zusammenhang mit dem WetterphĂ€nomen El Niño und dem Klimawandel.
Brandherde in ganz SĂŒdamerika
Aber nicht nur im Pantanal, sondern in ganz SĂŒdamerika gibt es Brandherde. Im brasilianischen Amazonasgebiet toben die schwersten BrĂ€nde seit knapp 20 Jahren. Rauchschwaden breiten sich dabei ĂŒber den gesamten Kontinent aus. Die Millionenmetropole SĂŁo Paulo hatte deswegen kĂŒrzlich die schlechteste LuftqualitĂ€t weltweit. Auch in anderen LĂ€ndern wie Bolivien, Ecuador, Peru oder Argentinien brennen die WĂ€lder. Boliviens Regierung erklĂ€rte den nationalen Katastrophenzustand, um weitere finanzielle Mittel zur BekĂ€mpfung der BrĂ€nde bereitzustellen. Ecuadors PrĂ€sident Daniel Noboa brach seinen Besuch bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York wegen der Feuer ab.Â
In die Stadt am Big Apple kamen vor wenigen Tagen auch indigene Vertreter von Völkern mehrerer LĂ€nder SĂŒdamerikas zusammen. Sie hatten auf die verheerenden WaldbrĂ€nde und die zunehmende Zerstörung ihrer LebensrĂ€ume aufmerksam gemacht. Urvölker spielen im Kampf gegen die ErderwĂ€rmung eine SchlĂŒsselrolle. Indigene gelten auch aufgrund ihrer Lebensweise als «HĂŒter des Waldes». Die Welt mĂŒsse jetzt handeln, forderte Raoni Metuktire, KayapĂł-HĂ€uptling und Vertreter der Anliegen indigener Völker am Amazonas. «Nicht nur um unseretwillen, sondern fĂŒr die Zukunft des gesamten Planeten.»


