System Schlachthof - Zwischen Personalmangel und Tierschutz
22.10.2024 - 13:23:40Schlachttiere mĂŒssen von vermeidbaren Schmerzen, Stress und Leiden verschont werden - doch immer wieder schockieren Bilder von schwer verletzten Schweinen und Rindern im Stall. Damit es den Tieren bis zu ihrem Tod gut geht, gibt es bayernweit Kontrollen in Schlachthöfen. So auch in Aschaffenburg. Doch dort sollen die Betreiber und Zerlegebetriebe vorab per Handynachricht von den anstehenden Besuchen der Kontrolleure gewarnt worden sein - und zwar von den amtlich zustĂ€ndigen TierĂ€rztinnen. Diese stehen nun wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses und einer besonderen Geheimhaltungspflicht vor dem Landgericht Aschaffenburg.
Eine der Angeklagten, eine 28-JĂ€hrige, will den Schlachthof nie informiert haben, wenn die Kontrolleure sich die ZustĂ€nde ansehen wollten. Dass Schlachthöfe in Bayern vor unangekĂŒndigten Kontrollen gewarnt werden, ist nach ihren Angaben aber ĂŒblich. «TatsĂ€chlich glaube ich, dass es gang und gĂ€be ist», sagte die TierĂ€rztin. «Das ist ein Systemproblem in Bayern.»Â
Immer wieder Elektroschocker
Ausgangspunkt des Verfahrens sind Aufnahmen der Tierschutzorganisation «Soko Tierschutz». Diese im Sommer 2023 veröffentlichen Bilder und Videos zeigen, wie BeschĂ€ftigte Schweine und Rinder mit Elektroschockern traktieren und offensichtlich noch lebende Tiere auseinandernehmen. Immer wieder ist Blut zu sehen, Tiere schreien.Â
«Soko Tierschutz» mit Sitz in MĂŒnchen ist eine nach eigenen Angaben gemeinnĂŒtzige Organisation, die vor allem mit Bild- und Filmmaterial auf MissstĂ€nde in der Massentierhaltung aufmerksam machen will.
«Ich war selber schockiert, als ich die Videos gesehen habe», sagte die 28-JĂ€hrige. Wenn sie bei den Schlachtungen dabei war, habe es so etwas nicht gegeben. Die Angeklagte sprach von einem groĂen Personalmangel sowohl im Schlachthof Aschaffenburg als auch auf der Behördenseite. «Das System ist schlecht.»
Schlachten zeitweise verboten
Die Bayerische Kontrollbehörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit und VeterinĂ€rwesen (KBLV) untersagte nach Veröffentlichung der Aufnahmen zeitweise den Schlachtbetrieb in der Stadt unweit der Landesgrenze zu Hessen. Die Stadt, EigentĂŒmerin von GelĂ€nde und GebĂ€ude, kĂŒndigte den Pachtvertrag mit dem Schlachthof. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen unter anderem wegen quĂ€lerischer Tiermisshandlung auf.Â
Der Komplex ist lĂ€ngst nicht abgeschlossen - aber nach den Anklagen gegen die frĂŒheren amtlichen TierĂ€rztinnen und den Inhaber eines Zerlegebetriebes gibt es nun ein erstes Strafverfahren. Am Mittwoch könnte das Urteil kommen.Â
Geheimnisse verraten?
Die amtlichen TierĂ€rztinnen waren laut Anklage fĂŒr die Schlachttier-Untersuchung, die Kontrolle der Schlachtung und die spĂ€tere Fleischbeschau zustĂ€ndig. Sie erfuhren demnach auch vorab von beabsichtigten Kontrollen der KBLV. Diese Termine sind «geheimhaltungsbedĂŒrftig, um den Erfolg der Kontrolle nicht zu gefĂ€hrden», erlĂ€uterte Staatsanwalt Johannes Barko. «Andernfalls wĂ€re der Sinn und Zweck derartiger Kontrollen, nĂ€mlich die ĂberprĂŒfung der Einhaltung der geltenden Vorschriften der Hygiene und Lebensmittelsicherheit sowie des Tierschutzes, gefĂ€hrdet.»
Doch statt die Kontrolltermine fĂŒr sich zu behalten, soll die 51 Jahre alte Angeklagte ihre Informationen zwischen 2022 und 2023 unter anderem in einer Handy-Nachrichtengruppe namens «Info Schlachtteam» geteilt haben. Auch der Inhaber eines Zerlegebetriebs - 33 Jahre alt und wegen Beihilfe angeklagt - soll Teil dieser Gruppe gewesen sein. Ebenso einer der damalige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der AB Schlachthof GmbH.Â
Aufgrund der Mitteilungen «war eine ĂberprĂŒfung, ob der Schlachthof Aschaffenburg die Vorschriften der Hygiene und Lebensmittelsicherheit wĂ€hrend seiner SchlachtvorgĂ€nge einhĂ€lt, nicht möglich», sagte AnklĂ€ger Barko. Denn die BeschĂ€ftigten des Schlachthofs hĂ€tten sich auf die Kontrolle vorbereiten können.Â
Motiv unbekannt
Doch warum sollen die amtlichen TierĂ€rztinnen der Stadt den Schlachthof gewarnt haben? Die 51-JĂ€hrige beteuerte, sie habe keine VergĂŒnstigungen oder Geld erhalten. Sie habe den Schlachthof nur informiert, weil sie bei MĂ€ngeln berufliche Konsequenzen befĂŒrchtet habe, erklĂ€rte ihr Verteidiger. «Ihr ist bewusst, dass dies nicht richtig war.»Â
Der Vorsitzende Richter Karsten Krebs sagte, nach seinen Informationen war es auch frĂŒher schon ĂŒblich, dass amtliche Kontrolltermine an den Schlachthof weitergegeben wurden. Er ermahnte insbesondere die 51-JĂ€hrige, es sei nicht ihre Aufgabe gewesen, mit dem Schlachthof zusammenzuarbeiten, sondern ihn zu ĂŒberwachen.
Die 28-JĂ€hrige wies die VorwĂŒrfe der Anklage zurĂŒck. Sie habe lediglich ihren damaligen Partner, den angeklagten 33-JĂ€hrigen, gebeten, den Schlachthof ĂŒber eine anstehende fachaufsichtliche PrĂŒfung einer weiteren TierĂ€rztin zu informieren - bei diesem Termin sollte die Eignung der Frau fĂŒr diese TĂ€tigkeit kontrolliert werden. Die Information darĂŒber unterliege nicht der Geheimhaltungspflicht. Termine der KBLV ĂŒber unangekĂŒndigte Besuche zu Tierwohl und Hygiene habe sie nicht weitergereicht.Â
Ermittlungen Ă€uĂerst umfangreichÂ
Ermittelt wird noch gegen zwei ehemalige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der AB Schlachthof GmbH wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt und gegen fĂŒnf ehemalige Mitarbeiter des Schlachthofs wegen quĂ€lerischer Tiermisshandlung.Â
Ăhnliche VerstöĂe gegen den Tierschutz könnte es auch bei einem Betrieb im angrenzenden Landkreis Miltenberg gegeben haben. Hierbei rechnet die Staatsanwaltschaft demnĂ€chst mit einem Ermittlungsabschluss. Die 28-JĂ€hrige ist mittlerweile beim VeterinĂ€ramt Miltenberg beschĂ€ftigt.





