Wie lÀuft die Spritze gegen Adipositas und Diabetes an?
06.11.2023 - 04:35:58Knapp ein Vierteljahr nach dem Marktstart einer neuen Abnehmhilfe fĂŒr Menschen mit Adipositas berichten Ărztinnen und Ărzte von einiger Nachfrage in Deutschland. Wie viele Menschen das PrĂ€parat «Wegovy» schon anwenden, lĂ€sst sich bisher aber nicht beziffern, wie Anfragen der Deutschen Presse-Agentur ergaben.
Mehrere Stellen berichten von zeitweisen LieferengpĂ€ssen oder der Sorge davor. Manche Experten gehen von mehreren Tausend Spritzen pro Woche fĂŒr den deutschen Markt aus, der Hersteller selbst macht auf Anfrage keine Angaben.
«Wir als plastische Chirurgen fĂŒrchten, dass es in einem Grauzonenmarkt unglaublich viele Anwendungen gibt», sagte Sixtus Allert, Plastischer Chirurg und Ărztlicher Direktor des Sana Klinikums Hameln-Pyrmont, mit Blick auf «Wegovy» und «Ozempic». Letzteres ist ein Diabetes-Medikament, das oft in einem Atemzug mit der Adipositas-Spritze genannt wird. Beide PrĂ€parate enthalten den Wirkstoff Semaglutid, aber in unterschiedlicher Dosis.
Semaglutid wirkt nach Angaben der europĂ€ischen Arzneimittelagentur EMA im Körper auf die gleiche Weise wie ein natĂŒrliches Hormon und scheint unter anderem den Appetit zu regulieren. Laut EMA soll «Wegovy» in Kombination mit ErnĂ€hrungsumstellung und körperlicher AktivitĂ€t verwendet werden. Die Kosten werden bisher nicht von den Krankenkassen ĂŒbernommen. Der Hersteller gab den Apothekenabgabepreis einer Vier-Wochen-Ration fĂŒr die höchste Dosis (2,4 mg) vor dem Marktstart Mitte Juli mit gut 300 Euro an.
Hersteller distanziert sich von Verharmlosung
Weil Diabetiker wegen der Nachfrage durch Abnehmwillige teils nur noch schwer an ihre Medikamente kommen, sprechen sich einige Fachleute seit Monaten gegen einen «Ozempic»-Einsatz auĂerhalb des zugelassenen Einsatzbereichs (sogenannter Off-Label-Use) aus. Auf der Webseite der dĂ€nischen Pharmafirma Novo Nordisk heiĂt es, man empfehle verschreibungspflichtige Medikamente ausdrĂŒcklich nur innerhalb der von der EMA zugelassenen Indikation. Man distanziere sich entschieden von jeglicher Form von Werbung, Social-Media-Posts und Berichten, die zum nichtbestimmungsgemĂ€Ăen Gebrauch aufriefen oder diesen verharmlosten.
Die Mittel werden Allert zufolge teils als einfacher Weg angepriesen, um zum Beispiel um einige wenige Kilos ohne Sport und DiĂ€t abzunehmen. «Da lĂ€uft viel ĂŒber das Internet und ĂŒber Kollegen, die wenig Skrupel haben und Dinge tun, die medizinisch nicht gerechtfertigt sind», sagte der Vorstand der Vereinigung der Deutschen Ăsthetisch-Plastischen Chirurgen (VDĂPC).
Warnung vor gefÀlschten Pens
Behörden in Deutschland warnten Anfang Oktober vor gefĂ€lschten «Ozempic»-Pens. In Ăsterreich geht die Justiz davon aus, dass mindestens fĂŒnf Menschen mutmaĂlich gefĂ€lschte Diabetesmittel von einem Salzburger Arzt erhalten haben. Bei drei von ihnen seien anscheinend Gesundheitsprobleme aufgetreten, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Steyr der Deutschen Presse-Agentur. Die Staatsanwaltschaft ermittle gegen den Mediziner sowie zwei fĂŒhrende Vertreter zwei kleinerer Unternehmen, die gefĂ€lschtes «Ozempic» vertrieben haben könnten.
Allert appellierte angesichts der FĂ€lschungen dringend, solche Mittel nur ĂŒber einen Arzt und ĂŒber ein Rezept in der Apotheke zu beziehen, auch wenn das teurer sei als ĂŒber andere Wege. Wie eine Abda-Sprecherin sagte, sind in deutschen Apotheken noch keine FĂ€lschungen aufgetaucht.
Arzt: Greifen erheblich in körperliche AblÀufe ein
Zum Vorgehen an seiner Klinik sagte Allert, «Wegovy» werde in ausgewĂ€hlten FĂ€llen verschrieben, wenn danach gefragt wird. «Da geht es um Patienten, bei denen es medizinisch gerechtfertigt ist.» Patienten mĂŒssten sich dann auch dazu verpflichten, ergĂ€nzend ihre ErnĂ€hrung umzustellen und sich mehr zu bewegen. Bei Kollegen in der konventionellen plastischen Chirurgie geht der Mediziner von einem zurĂŒckhaltenden Einsatz der PrĂ€parate aus - auch aus Respekt: «Wir reden immerhin von einem Medikament, das die Insulin-Wirkung optimiert. Da greifen wir schon erheblich in die körperlichen AblĂ€ufe ein.» Zudem seien etwaige Nebenwirkungen bei einer Langzeiteinnahme noch unklar.
HausĂ€rztinnen und HausĂ€rzte berichteten von einer gestiegenen Nachfrage, teilte Til Uebel mit, Sprecher der AG Diabetes der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Allgemein- und Familienmedizin (Degam). «Hierbei wird von Patientenseite hĂ€ufig von Off-Label-Therapien anderer Betroffener berichtet.» Die Erfahrung aus seiner eigenen diabetologischen Praxis sei, dass insbesondere Menschen mit Diabetes nach den PrĂ€paraten fragten, bei denen eigentlich keine Indikation fĂŒr den Wirkstoff vorliege. Zudem gehe es etwa um jĂŒngere Menschen, «die an sich nicht sonderlich ĂŒbergewichtig sind».
Operative Eingriffe bei Adipositas womöglich kĂŒnftig seltener
Susanne Reger-Tan, Expertin der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Endokrinologie, berichtet von Interessenten mit Adipositas und teils zusĂ€tzlich Diabetes. Insbesondere seien das Menschen, die bisher mehrfach vergeblich versuchten abzunehmen, die sich sehr wegen gesundheitlicher Adipositas-Langzeitrisiken sorgten oder die die Spritzen als Alternative zu sogenannter bariatrischer Chirurgie in ErwĂ€gung zögen, also etwa dem Einsetzen eines Magenbandes.
FĂŒr Patienten mit Adipositas sieht Allert die PrĂ€parate als eine mögliche Alternative der Behandlung und als erst einmal sehr hilfreich an, vorausgesetzt, es bleibe bei den bisherigen Erkenntnissen zu Nebenwirkungen. Das könne auch dazu fĂŒhren, dass operative Eingriffe bei manchen Adipositas-Betroffenen kĂŒnftig seltener nötig sind. Zu den bekannten und hĂ€ufigen Nebenwirkungen von «Wegovy» zĂ€hlen Kopfschmerzen, Ăbelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen.


