Kinder, Jugendamt

Höchststand bei KindeswohlgefÀhrdung in Deutschland

02.08.2023 - 10:32:56

Statistiker melden einen Höchststand der festgestellten FĂ€lle von VernachlĂ€ssigung sowie körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt. Experten sehen zwar mehr Sensibilisierung fĂŒr das Thema - aber auch eine maximale Belastung der KinderschutzhĂ€user.

Die deutschen JugendÀmter haben im vergangenen Jahr bei fast 62.300 Kindern oder Jugendlichen eine KindeswohlgefÀhrdung festgestellt. Das waren rund 2300 FÀlle oder vier Prozent mehr als im Jahr zuvor und damit so viele wie nie zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. GezÀhlt wurden Kinder und Jugendliche, die vernachlÀssigt wurden oder psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt waren.

Die Zahl der sogenannten latenten FĂ€lle, bei denen eine gegenwĂ€rtig vorliegende Gefahr nicht eindeutig bestĂ€tigt werden konnte, aber ein ernster Verdacht blieb, ging 2022 zwar um zwei Prozent auf 28.900 zurĂŒck. Gleichzeitig stiegen aber die akuten FĂ€lle, bei denen eindeutig eine KindeswohlgefĂ€hrdung vorlag, um zehn Prozent auf 33.400 FĂ€lle.

Die meisten Betroffenen jĂŒnger als 14 Jahre

Etwa vier von fĂŒnf der betroffenen Kinder waren jĂŒnger als 14 Jahre, etwa jedes zweite sogar jĂŒnger als acht Jahre, hieß es. Knapp die HĂ€lfte der betroffenen Jungen und MĂ€dchen (47 Prozent) nahm zum Zeitpunkt der GefĂ€hrdungseinschĂ€tzung bereits eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch, stand also schon in Kontakt zum Hilfesystem.

In 59 Prozent der FĂ€lle stellten die Behörden im vergangenen Jahr Anzeichen von VernachlĂ€ssigung fest. In ĂŒber einem Drittel, nĂ€mlich 35 Prozent der FĂ€lle, gab es Hinweise auf psychische Misshandlungen. In 27 Prozent der FĂ€lle wurden Indizien fĂŒr körperliche Misshandlungen und in fĂŒnf Prozent Anzeichen fĂŒr sexuelle Gewalt gefunden. In 22 Prozent der festgestellten KindeswohlgefĂ€hrdungen hatten die Kinder und Jugendlichen mehrere dieser Formen von Gewalt oder VernachlĂ€ssigung erleben mĂŒssen. Dieser Anteil ist seit 2015 kontinuierlich gewachsen, damals hatte er noch bei 16 Prozent gelegen.

Dass die Statistik hohe Zahlen ausweist, sehen Julia Wahnschaffe und Barbara Becker, die GeschĂ€ftsfĂŒhrerinnen des Kinderschutzbund Baden-WĂŒrttemberg, nicht ausschließlich negativ, denn: «Jeder Fall, der aufgedeckt wird, ist gut.» Angesichts der vermutlich großen Dunkelziffer stehen die Zahlen auch fĂŒr Menschen, die hinschauen und VerdachtsfĂ€lle melden.

Zahl der Hinweismeldungen gestiegen

GeprĂŒft hatten die JugendĂ€mter im Vorfeld insgesamt 203.700 Hinweismeldungen, bei denen der Verdacht auf eine mögliche GefĂ€hrdung von Kindern oder Jugendlichen im Raum stand - ein Plus von drei Prozent. Der Impuls kam in 30 Prozent der FĂ€lle von der Polizei oder den Justizbehörden. 23 Prozent der Hinweise auf eine mögliche KindeswohlgefĂ€hrdung kamen aus der Bevölkerung - also von Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder anonym. Dahinter folgten Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe oder der Erziehungshilfe mit 13 Prozent. Jeweils etwa ein Zehntel der Hinweise auf die GefĂ€hrdungssituation gaben Schulen bzw. die Familien selbst.

Hinschauen und Zuhören

Ansprechpartner fĂŒr Gefahrenmeldungen ist das Jugendamt. Doch auch der Kinderschutzbund hat an Schulen und KindergĂ€rten oder KindertagesstĂ€tten eine gestiegene SensibilitĂ€t fĂŒr das Thema festgestellt.

«Beim Verdacht, dass das Kindeswohl gefĂ€hrdet ist, ist etwa ein Kindergarten verpflichtet, tĂ€tig zu werden und das GesprĂ€ch mit den Eltern zu suchen», sagt Becker. «Wichtig ist, den Kindern genau zuzuhören», ergĂ€nzt Wahnschaffe mit Blick auf Andeutungen, die Betroffene machen. Auch könne es sein, dass ein Kind sich anders verhalte als frĂŒher oder plötzlich nicht mehr nach Hause wolle. Da sei es eine «unheimliche Gratwanderung», nachzufragen und mehr Hinweise zu erlangen.

Auch der Kinderschutzbund erhalte Anrufe verunsicherter Eltern oder Nachbarn, die den Verdacht haben, dass Kindern in der Klasse der eigenen Kinder oder in der Nachbarschaft VernachlĂ€ssigung oder Gewalt ausgesetzt sein könnten. «Was soll ich tun, wie gehe ich damit um?» seien hĂ€ufige Fragen. «Das Schlechteste ist, gar nichts zu machen», betont Becker. «Man sollte ĂŒberlegen, was ist fĂŒr das Kind die beste Lösung? Ist es möglich, mit den Eltern ein GesprĂ€ch zu fĂŒhren?»

Denn ein Kind aus der Familie herauszuholen, sei das «letzte Mittel». Es könne auch ĂŒberlegt werden: Was braucht die Familie, damit es dem Kind besser geht? Das gelte insbesondere in FĂ€llen, in denen die Eltern aus Überforderung falsch handeln.

InterdisziplinÀre Teams zum Schutz von Kindern

Praxis und Forschung zum Kinderschutz gibt es am UniversitÀtsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo mit dem Childhood-Haus Hamburg an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr Untersuchungen von Kindern vorgenommen werden können, die die sozialen Dienste als VerdachtsfÀlle melden. «Wir arbeiten immer im Tandem», erlÀutert die OberÀrztin und Rechtsmedizinerin Dragana Seifert.

WĂ€hrend etwa sie als Rechtsmedizinerin vor allem Verletzungen einschĂ€tzen könne, die von SchlĂ€gen, Tritten oder sonstigen Misshandlungen stammen könnten, ist mit einer KinderĂ€rztin stets auch eine Expertin fĂŒr die gesundheitliche Entwicklung eines Kindes dabei. Bei Bedarf könne auch eine Psychologin und eine SozialpĂ€dagogin aus dem interdisziplinĂ€ren Team hinzugezogen werden.

Maximale Auslastung

Ein Problem sei, dass KinderschutzhĂ€user «maximal ausgelastet» seien. Hinzu komme, dass Geschwisterkinder immer wieder aufgrund unterschiedlichen Alters und Geschlechts auf verschiedene Einrichtungen verteilt werden mĂŒssten - fĂŒr die Kinder sei das vielfach eine traumatische Erfahrung. «Man muss sich darĂŒber klar sein - Kinder, die gemeinsam Gewalt erlebt haben, hĂ€ngen sehr aneinander - mehr noch als Geschwister, die in einer heilen Familie aufwachsen», betont die Ärztin.

Das Wohl von Kindern werde nicht ausschließlich durch SchlĂ€ge beeintrĂ€chtigt. «Es gibt Kinder, die werden mit Alkohol ruhiggestellt, allein gelassen oder auf andere Art vernachlĂ€ssigt.»

Bei den Untersuchungen werden dann beispielsweise sprachliche oder motorische Defizite festgestellt - doch die schnelle Betreuung durch LogopĂ€den oder Ergotherapeuten scheitere oft an langen Wartezeiten. «Wir entdecken viel, aber wir können den Kindern nicht gerecht werden, wenn sie nicht Wochen, sondern Monate auf eine Therapie warten mĂŒssen», stellt Seifert fest. «Ein Kind, das noch mitten in der Entwicklung steckt, hat diese Zeit nicht.»

@ dpa.de